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Auf Feldern übermäht : Das schreckliche Ende vieler Rehkitze

vom
Aus der Redaktion der Landeszeitung

Jungtiere werden im Frühling oft übermäht. Ein Vorfall in Embühren schockiert einen Naturfreund.

shz.de von
erstellt am 18.Mai.2017 | 10:26 Uhr

Frank Ploen ist ein Naturfreund, wie er im Buche steht: Er hat in seinem Garten Wildblumen für Insekten gesät, Schwalbennester an seinem Haus angebracht und zahlreiche Nistkästen für alle erdenklichen Eulenvögel aufgehängt. Diese Idylle wurde kürzlich von einem tierischen Mutter-Kind-Gespann getoppt: „Da stand auf der Wiese hinter unserem Haus eine Ricke mit ihrem Kitz. Wir konnten sogar beobachten, wie es gesäugt wurde“, erzählt der 50-Jährige. Während sich das Muttertier typischerweise immer wieder von seinem Nachwuchs wegbewegt hat, blieb dieser im Schutz des hohen Grases zurück.

So weit, so gut – bis Frank Ploen und seine Frau nur wenige Tage später einen Trecker samt Mähwerk hörten. „Da wurde noch auf einer anderen Wiese gemäht. Ich habe aber per Zeichensprache bei dem Treckerfahrer nachgefragt, ob er auch noch die Wiese, auf dem das Kitz lag, mähen will. Das hat er bejaht.“ Startschuss für das Ehepaar Ploen, auf der Koppel nach dem kleinen Tier zu suchen. „Wir haben es in dem hohen Gras aber nicht gefunden. Und dann stand der Trecker auch schon in der Koppeleinfahrt. Ich bin dann nochmal zu dem Fahrer hingegangen und habe ihn informiert, dass dort ein Kitz liegt.“ Der Mann habe zu erkennen gegeben, dass ihm bekannt sei, dass Rehwild seinen Nachwuchs im hohen Gras ablegt und ein „Tut mir leid“ hervorgebracht. „Danach ist er losgebraust“, erzählt Ploen.

Von seinem Garten aus konnte er dann die Szene beobachten, die ihn vor allem wütend, aber auch traurig macht: „Der Trecker ist auf einmal langsamer geworden und dann sah man das Reh wegspringen. Doch anstatt auszusteigen und nachzusehen, ob dort auch das Kitz liegt, oder eben eine Grasinsel stehen zu lassen, ist der Mann einfach weitergefahren.“ Nachdem er die Arbeiten beendet hatte, habe er nicht mehr nachgesehen, ob das Kitz wirklich dem Mähwerk zum Opfer gefallen ist. „Aber am nächsten Morgen konnten wir beobachten, wie das Reh an der Stelle verstört nach seinem Kitz gesucht hat.“ Rabenvögel, ein Mäusebussard und sogar ein Seeadler, die die Stelle aufsuchten, ließen ihn darauf schließen, dass das kleine Reh tatsächlich ums Leben gekommen ist. „Die Ricke hat immerzu versucht, die Vögel zu verscheuchen. Ich war ganz fertig, als ich das gesehen habe“, erzählt Frank Ploens Mutter Erika. Sie konnte beobachten, wie sich das Tier nochmal an die bekannte Stelle gelegt hat. „Dann stand es noch eine ganze Weile da, und irgendwann ist es weggegangen und nicht mehr wiedergekommen.“ Der Landwirt, dessen Mitarbeiter den Trecker gefahren hat, möchte sich auf Nachfrage zu der Angelegenheit nicht äußern.

Ploens leben schon lange auf dem Land und wissen um die Tatsache, dass beim Gras mähen auch immer wieder Tiere ums Leben kommen. „Ich will die Landwirtschaft wirklich nicht verteufeln. Und uns ist ja auch klar, dass man nicht jedes Feld absuchen kann. Was mich aber ärgert ist, dass der Treckerfahrer wusste, dass dort ein Kitz liegt. Diese Kaltschnäuzigkeit regt mich auf.“

Dass es nicht nur von Kaltschnäuzigkeit zeugt, wenn eine solche Tat bewusst ausgeübt wird, weiß Rainer Wetzel, Pressesprecher bei der Polizeidirektion Neumünster: „Das ist ein Verstoß gegen das Tierschutzgesetz.“ Dessen Paragraph 17 besagt: „Mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe wird bestraft, wer 1. ein Wirbeltier ohne vernünftigen Grund tötet oder 2. einem Wirbeltier a) aus Rohheit erhebliche Schmerzen oder Leiden oder b) länger anhaltende oder sich wiederholende erhebliche Schmerzen oder Leiden zufügt.“ Die Polizei ist in dieser Angelegenheit aktiv, lässt Wetzel verlauten.

Klaus-Peter Lucht, Vorsitzender des Kreisbauernverbands, betont, dass es unter den Landwirten „nicht zur guten fachlichen Praxis“ gehört, Tiere zu übermähen. „Das passiert leider immer wieder. Aber wenn, dann ist es ein Malheur und keine Absicht.“ Es gebe verschiedene Möglichkeiten, um möglichst wenigen Tieren beim Gras mähen zu schaden. „Man kennt seine eigenen Flächen ja sehr gut und weiß in der Regel, wo sich Rehe aufhalten, und wo nicht. Bei den entsprechenden Flächen kann man beispielsweise am Abend, bevor man ans Werk geht, schon mal anmähen.“ Durch den Krach würden sich die Tiere dann meist in Sicherheit bringen. „Wir mähen heute auch anders als früher. Nämlich dreimal um das Feld herum und dann von innen nach außen. Die Tiere haben nämlich die Tendenz, ins hohe Gras zu laufen. So sind sie irgendwann am Feldrand angekommen, wo dann aber schon kein hohes Gras mehr steht – und sie sind in Sicherheit“, berichtet Lucht. Diese Vorgehensweise diene in erster Linie dem Wildtierschutz. „Bei all dem haben wir natürlich auch ein eigenes Interesse daran, kein totes Kitz in der Silage zu haben. Dadurch besteht nämlich Vergiftungsgefahr für unsere Tiere. Es geht also auch um die Gesunderhaltung der Rinderbestände.“

Um die Tiere zu schützen, arbeiten Jäger und Landwirte vielerorts eng zusammen. Auch im Hegering Jevenstedt, in dessen Bereich Embühren fällt. Hegeringleiter Jan Schülldorf, selbst Bauer und auch Jäger, bestätigt: „Es wird viel gemacht, um einen solchen Fall zu vermeiden. Die meisten Bauern machen sich viel Mühe damit.“ So könne man beispielsweise auch mit Hunden durch die Felder streifen oder Drohnen mit Wärmebildkameras zum Einsatz kommen lassen. Das sei allerdings noch nicht gängige Praxis. „Wenn man dann trotz aller Bemühungen ein Tier erwischt, nimmt einen das schon mit.“

Frank Ploen betont, dass er den Landwirten daraus keinen Vorwurf machen möchte. „Wenn man versucht hat, das zu verhindern, dann ist es so. Aber den Tod eines Tieres bewusst in Kauf zu nehmen, das finde ich nicht in Ordnung.“ Und in diesem Punkt sind alle einig.

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