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Landeszeitung

24. Oktober 2017 | 04:12 Uhr

Rendsburg : „Das Rülpsen der Seele“

vom
Aus der Redaktion der Landeszeitung

Poetry Slam: Wettstreit toter gegen lebende Dichter in der Carlshütte vor mehr als 350 Zuhörern.

shz.de von
erstellt am 07.Sep.2014 | 14:14 Uhr

Volker Surmann trat ans Mikro. „Ein Freund hat mir mal gesagt, dass ich böse rüberkomme, wenn ich diesen Text vortrage. Er hat mir deshalb geraten, vorher etwas Nettes zu sagen“, erklärte er und sprach in die dunkle Halle: „Ihr seht alle total gut aus. So, jetzt zum Text.“ Was folgte, war seine Eintrittskarte ins Finale des Abends und der ironische Höhepunkt des „Dead versus Alive Slams“ in der Carlshütte. Mehr als 350 Zuhörer waren am Freitagabend gekommen, um den Wettstreit zwischen lebendigen Dichtern – wie Volker Surman – und toten Kollegen – wie Schiller, Falco oder Annette von Droste-Hülshoff verkörpert von jungen Schauspielern oder Dichtern – zu verfolgen.

Zehn Künstler stellten sich der Jury aus spontan ausgesuchten Zuschauern und gaben ihre Texte zum Besten: in Versform oder Prosa, auswendig oder abgelesen, mal mit ohrenbetäubendem Geschrei, mal intensiv flüsternd, mit vollem Körpereinsatz oder mit akzentuierter Gestik, in Jogginghose oder Anzug. So vielfältig wie die Vorträge waren auch die Themen. Es ging um inhaltlose Pop-Songs, historische Liebesbriefe, alltäglichen Sexismus oder Poetry Slam selbst. Darüber schrieb Oliver Eufinger, der unter dem Namen „Klavki“ in der Kieler Literaturszene bekannt war. Er verstarb 2009, sodass Nils Aulike aus Kiel stellvertretend für ihn im Team der toten Dichter antrat. Slam, so schrieb Klavki, „sei das Rülpsen der Seele“, sei als würde man eine dampfwalzende Sprachtonne rollen, sei wie Bissspuren im Nirgends hinterlassen. In seinen Augen sind Slammer Phrasenhengste, Gehirnpestverbreiter, Tintenschmiede. „Der Tod hat ein Datum, das Leben nicht“, ist das Ende des Textes, mit dem das Publikum in die Pause entlassen wurde.

Später hatte Schiller seinen großen Auftritt. Der Berliner Wehwalt Koslovsky sprach dessen Worte nicht nur mit dem Mund, sondern scheinbar mit dem ganzen Körper. Er erbebte förmlich und fesselte das Publikum bis zum letzten Wort. Erst als Koslovsky schon dabei war, die Bühne zu verlassen, gewannen die Zuschauer ihre Fassung wieder. Applaus brandete auf, Schiller bekam die volle Punktzahl und damit den zweiten Finalplatz. Unterschiedlicher hätten die Beiträge der beiden Bestplatzierten in der Vorrunde nicht sein können. Volker Surmann, mit seinem Slam über die Sprachpanscherei von Werbetextern, wurde mehrfach von Gelächter und Applaus unterbrochen, während Koslovskys Auftritt sprachloses Staunen weckte. Ähnlich verhielt es sich im Finale: Surmann hatte seinen neuesten Text mitgebracht. Untertitel: Monolog an einen Alleinstehenden. Mit den gut gemeinten Ratschlägen und wenig überzeugenden Komplimenten, die sich Single-Männer mit Anfang 40 anhören durften, strapazierte er die Lachmuskeln.

Andere Töne schlug Schiller in einem Liebesbrief an seine Frau Lotte an. Er berührte das Publikum mit seiner Schreibe und Koslovsky tat es mit seinem fesselnden Auftritt. Anschließend hat das Publikum die Qual der Wahl: Länge und Lautstärke des Applauses entscheiden über den Sieg. Letztendlich begeisterte der humorvolle Auftritt von Surmann mehr, und auch in der Gruppenwertung gewannen die lebenden Dichter – aber nur knapp.

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