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100 Jahre Hochbrücke : Das perfekte Brücken-Dinner

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Premiere in 42 Metern Höhe: Das Essen auf der Rendsburger Eisenbahnhochbrücke war ein Geburtstagsgeschenk.

shz.de von
erstellt am 21.Mai.2013 | 07:17 Uhr

Rensburg | Der ältere Herr im Personenzug aus Kiel hatte das Fenster heruntergezogen - wohl, um auf der Eisenbahnhochbrücke einen besseren Blick auf den Kanal zu haben. Oben angekommen bestaunte er jedoch stattdessen mit offenem Mund eine bizarre Szene: Auf der Aussichtsplattform in 42 Metern Höhe servierte eine Kellnerin zwei Damen in Strandkörben gerade ein Festessen. Weingläser auf den Tischen, ein roter Teppich, Kerzenschein und allerbeste Stimmung. Der Bahnfahrer wurde für einen Moment Zeuge einer außergewöhnlichen Premiere - des ersten "Dinners mit Aussicht" auf der Rendsburger Eisenbahnhochbrücke.

Hauptpersonen des Abendessens in luftiger Höhe waren die Rendsburgerin Viola Schnee und ihre Freundin Inka Kielhorn. Diese hatte eine Essenseinladung zum Geburtstag erhalten- und erfuhr erst am Fuße der Brücke, dass damit auch eine Kletterpartie verbunden war. Nachdem Brückenführer Alfred Roggenbach die Helme ausgegeben hatte ("Es kann immer mal etwas von oben runterfallen") gab es zur Stärkung zu ebener Erder erst einmal einen Prosecco und und Bruschetta als Gruß aus der Küche. Während Roggenbach die Brücke erklärte, wanderte der Blicke der Frauen immer wieder nach oben. Was würde sie dort erwarten?

Nach 178 Stufen wussten sie es: Die sonst so nüchterne Aussichtsplattform neben den Bahnschienen - eine Zelle aus Stahlgittern und Betonboden - war kaum wiederzuerkennen. Am Boden ein roter Teppich, zwei Strandkörbe an der Sonnenseite als Sicht- und Windschutz und eine festlich bedeckte Tafel sorgten für eine behagliche Atmosphäre. Dazu die musikalische Untermalung durch den Geiger Martin Wolf. Die Sonne sorgte für schönes Licht und angenehme Temperaturen, der Wind hielt sich zurück. "Es ist berauschend hier oben, eine wundervolle Idee", sagte Inka Kielhorn, der die Freunde über das Geburtstagsgeschenk ebenso anzusehen war wie Viola Schnee. Die Freundinnen störten sich weder an den Pressevertretern, die bei der Dinner-Premiere dabei sein dürften, noch an den gelegentlich vorbei fahrenden Zügen - sie genossen den Abend. "Es ist herrlich. Davon werden wir noch unseren Enkeln erzählen", waren sich die beiden einig.

Zum Wohlbefinden trug ganz entscheidend auch das Essen bei, das Tom Puls von Möhls Gasthof zubereitet hatte - nicht in der Jevenstedter Küche, sondern in einem riesigen Catering-Truck unter dem luftigen Mini-Restaurant. Die Gäste hatten sich für geschäumtes Knoblauchsüppchen mit gepiercten Hummerkrabben, zweierlei gebratene Zanderfilets mit Mandelbutter, frische Gemüsevielfalt und Pellkartoffeln mit Meersalz sowie einen Dialog von Früchten aus Nachbars Garten an karamellisierter Vanillecreme entschieden.

Für Kellnerin Jessika Hensel im Normalfall kein Problem, aber dieser Arbeitsplatz war alles andere als normal. Vorspeise, Hauptgericht, Dessert - immer wieder musste die junge Frau schwer beladen die 178 Stufen zwischen Küche und Tisch hoch und runter. Schon erstaunlich, dass sie nur leicht außer Atem servierte - ihr Kollege musste sich immer wieder die Schweißperlen von der Stirn wischen.

Monika Heise, die Geschäftsführerin der Tourist-Information Nord-Ostsee-Kanal, die das "Dinner mit Aussicht" zum 100-jährigen Bestehen der Hochbrücke ins Leben gerufen hatte, verfolgte das Geschehen aus dem Hintergrund mit Erleichterung und Freude. "Es ist ganz toll gelaufen. So kann es weitergehen." Acht weitere feste Buchungen für das ungewöhnliche Dinner liegen bereits vor - und es gibt noch genügend freie Termine. "Dieses Event kann zu einer festen Einrichtung an den Wochenenden werden" hofft Monika Heise.

Und wenn es sich bei dem Mann im Personenzug um einen regelmäßigen Fahrgast handelt, wird er sich an den Anblick des Festessen auf der Brücke gewöhnen - und kann sich demnächst wieder auf Kanal und Schiffe konzentrieren.

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