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Sozialpsychiatrischer Dienst : Das letzte Rettungsnetz

vom
Aus der Redaktion der Landeszeitung

Mitarbeiter des sozialpsychiatrischen Dienstes mussten im vergangenen Jahr in 1112 Fällen helfen, 403 Menschen wurde die Freiheit entzogen.

shz.de von
erstellt am 10.Mai.2017 | 09:58 Uhr

Isolation, Drogensucht und Suizidgedanken gehören beim sozialpsychiatrischen Dienst im Kreis Rendsburg-Eckernförde zum Tagesgeschäft. Dessen Mitarbeiter kommen ins Spiel, wenn alle anderen Maßnahmen bei psychisch erkrankten Menschen nicht mehr greifen. Für viele Betroffene ist der Dienst das letzte Auffangnetz.

Im vergangenen Jahr schritten die sozialpsychiatrischen Fachkräfte, die meisten von ihnen ausgebildete Pädagogen, in 1112 Fällen ein. Zu den wenigsten Einsätzen werden die Mitarbeiter von den Betroffenen selbst gerufen. Oft sind Behörden mit im Spiel, Polizeibeamte vor Ort, oder besorgte Angehörige diejenigen, die die Notfallnummer wählen. Rund um die Uhr an sieben Tagen in der Woche ist der Dienst im Einsatz und hilft, wenn Menschen nicht mehr weiterwissen. „Wenn wir vor der Haustür stehen, wissen wir nicht, was uns dahinter erwartet“, sagt Max-Detlef Schröder, Fachdienstleiter für Eingliederungshilfen und des sozialpsychiatrischen Dienstes. „Es kann eine ganz normale und friedliche Situation sein oder es eskaliert.“

Tagsüber sitzen fünf Mitarbeiter an den Telefonen. Neun weitere Kollegen sind in der Nachtschicht und an den Wochenenden im Einsatz. Je nach Auftragslage wechseln sie sich ab. „Man kann Krisen nicht voraussehen“, erklärt Jan Vetter, Fachgruppenleiter der Betreuungsbehörde und des sozialpsychiatrischen Diensts. Viele der Schichtarbeiter hätten noch einen Hauptberuf. In Vollzeit ist keiner von ihnen angestellt. Der Leerlauf wäre zu groß. Es gibt schließlich Tage an denen es ruhig ist. Dem stehen dann aber auch wieder Schichten entgegen, die den sozialpsychiatrischen Fachkräften alles abverlangen. „Es kommt schon einmal vor, dass einer nicht mehr weiß, wo ihm der Kopf steht“, sagt Vetter. „Da springt dann eben ein anderer ein. Die Kommunikation unter den Mitarbeitern ist wirklich toll und sehr kollegial.“

Aushalten müssen die Fachkräfte so einiges. „Es ist kein Job, den jeder einfach machen kann“, so Schröder. „Unsere Mitarbeiter brauchen viel Feingefühl. Verhandlungsgeschick und Überredungskunst sind wichtig.“ In vielen Fällen würde sich die gute Ausbildung auszahlen. Nur selten müssten die Patienten gezwungen werden, mitzukommen. Meistens könnten Zwangseinweisungen umgangen werden.

403 Menschen wurden im vergangenen Jahr die Freiheit entzogen, zu ihrem eigenen Schutz oder zum Schutze Dritter. In 709 Fällen konnte eine andere Lösung gefunden werden. Teilweise überredeten die Fachkräfte die Menschen dazu, freiwillig mitzukommen. Sich einweisen zu lassen, damit ihnen geholfen werden kann. 328 Mal war überhaupt keine Unterbringung nötig.

Auf den Schultern des sozialpsychiatrischen Dienstes lastet eine große Verantwortung. „Einen Menschen gegen seinem Willen einzuweisen, ist keine leichte Entscheidung“, beschreibt Schröder. „Und wir fällen sie nicht leichtsinnig. An der Entscheidung hängt viel dran. Unsere Mitarbeiter beraten sich immer mit einem Arzt. Zwei Augen reichen einfach nicht.“ Im Vergleich zum Vorjahr sind die Einsatzzahlen leicht gesunken. „Das ist aber kein Trend dahingehend, dass unsere Einsätze weniger werden“, sagt Vetter. „Die Schwankungen sind in einer normalen Spannbreite.“ Insgesamt nehmen psychische Erkrankungen eher zu, ergänzt Schröder. Zögern sollte man mit einem Anruf bei der Behörde nicht. „Niemand der bei uns anruft, muss sich fürchten“, sagt Vetter. „Wir können meistens helfen und sei es nur mit einem Gespräch. Wir weisen niemanden zurück und vermitteln gern an die richtigen Stellen weiter.“

Betroffen seien alle Bevölkerungsschichten, auch wenn Alleinlebende in eine höhere Risikogruppe eingestuft werden. „Wir rechnen in den kommenden Jahren zudem mit einem Anstieg bei Personen von 80 Jahren und älter“, sagt Vetter. Noch würden die Zahlen die Überalterung der Gesellschaft nicht zeigen.

> Hilfe bei akuten Krisen gibt es unterden Telefonnummern 043  31  /  20  22  43 oder außerhalb der Öffnungszeiten unter 0431  /  192  22.

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