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Sparprogramm : Das „Krisentelefon“ bleibt stumm

vom
Aus der Redaktion der Landeszeitung

Kein Anschluss unter dieser Nummer: Das „Krisentelefon“ ist eingestellt worden. Die „Brücke Rendsburg-Eckernförde“ kritisiert die Sparpolitik des Kreises.

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erstellt am 18.Aug.2014 | 11:09 Uhr

An ihren ersten Anruf beim „Krisentelefon“ kann sich die 41-Jährige noch genau erinnern: Claudia Prehm (Name geändert) war arbeitslos geworden, kämpfte mit einer chronischen Krankheit und der Arzt hatte ihr eine psychische Störung attestiert. Spät am Abend wählte die Büdelsdorferin die Nummer des psychologischen Krisendienstes. Sie fand ein offenes Ohr und erhielt einen fachlichen Rat. „Das hat mich sofort beruhigt und ich bekam Tipps, was ich weiter machen könnte.“

Mittlerweile gibt es keinen Anschluss mehr unter der Nummer des Krisentelefons. Der Service, an den sich jeder wenden konnte, der sich in einer ausweglosen Lage fühlte, ist vor drei Jahren eingestellt worden. Der Dienst war 1994 auf Vorschlag des Arbeitskreises Dezentrale Psychiatrie des Kreises eingerichtet worden. Nachdem der Kreis die Zuschüsse 2007 gestrichen hatte, finanzierte die „Brücke Rendsburg-Eckernförde“ zunächst bis 2010 die telefonische Anlaufstelle aus Eigenmitteln. „Aber so etwas lässt sich ganz ohne weitere Finanzierung auf Dauer nicht durchhalten“, begründet Wolfgang Burr, Aufsichtsratsvorsitzender der „Brücke“, das Ende des Krisentelefons.

Wolfgang Burr, der zu den Initiatoren des Angebotes zählte, kritisiert in einer Pressemitteilung die Sparpolitik des Kreises: „Seit 2001 hat der Kreis im Bereich der niederschwelligen Hilfen über Dreiviertel der Mittel, insgesamt 85 000 Euro, weggespart, ohne an anderer Stelle Ersatz zu schaffen.“ Die Hilfen vor Ort müssten aber ausgebaut statt eingestellt werden. Die Diskussion unter Kostenaspekten sei kurzsichtig. Der Rotstift treffe vor allem „seelisch Kranke, die aufgrund ihrer Lage keine Hilfe einfordern.“ Wer heute in einer Krise stecke, müsse den Notruf alarmieren – „das ist eine Katastrophe für die Betroffenen und schafft ineffektive Mehrbelastungen an vielen Stellen des Hilfesystems.“ Das bestätigt auch Claudia Prehm, die heute ehrenamtlich in der Begegnungsstätte für psychisch Kranke mitarbeitet: „Wer in eine Krise gerät, will nicht gleich die Koffer packen und in die Klinik gehen. Oft reicht es, sich auszusprechen.“

Der Nervenarzt Helmut Schröder, der als Vertreter der niedergelassenen Ärzte in dem Arbeitskreis saß, lobt ebenfalls das ehemalige Projekt. Der Vorteil des Angebots sei gewesen, dass „jeder sich dort melden konnte, egal, um welches Thema es sich handelte.“ In den Anrufen ging es um Gefühle von Angst, Hilflosigkeit und Einsamkeit. Aber auch Konflikte innerhalb der Familie und Partnerschaft sowie Alkohol- und Drogensucht, die für viele nicht mehr allein zu lösen waren, wurden besprochen. Die geschulten Mitarbeiter am Telefon nannten den Ratsuchenden Ansprechpartner, die am nächsten Tag weiterhelfen konnten, „und zwar unabhängig davon, welcher Träger dahinter stand.“

Ulrich Kaminski, Vorsitzender des Sozial- und Gesundheitsausschusses des Kreises, hat Verständnis für die Betroffenen. „Es ist natürlich immer schmerzhaft, wenn gute Angebote in der bisherigen Form nicht fortgeführt werden können.“ Aber die Entscheidung für die Streichung der finanziellen Mittel sei vor dem Hintergrund der Haushaltskonsolidierung gefallen. „Wir mussten prüfen, wo gespart werden kann.“ Auch andere Bereiche hätten Opfer bringen müssen. So sei zum Beispiel das Interkulturelle Jugenddorf geschlossen worden. „Bei allen freiwilligen Leistungen wurden massive Einschnitte vorgenommen.“ Die ambulante Versorgung mit Hilfsangeboten sei inhaltlich komplett neu strukturiert worden. Der Kreis erfülle immer noch alle gesetzlichen Vorgaben im psychosozialen Bereich. Zweifellos wäre es wünschenswert, wenn alles, was sich bewährt habe, auch erhalten bleiben könnte, räumt Kaminski ein – „aber es bleibt die Frage, wie das finanziert werden soll.“

Claudia Prehm ist froh, dass sie derzeit keine telefonische Nothilfe braucht: „Ich habe gute Freunde, die ich anrufen kann.“ Sie warnt gleichzeitig vor kommerziellen Beratungs- und Heilseher-Hotlines. Die seien teuer und zweifelhaft. „Wenn der versprochene Prinz auf dem weißen Pferd nicht auftaucht, ist die nächste Krise da.“

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