Streit : „Das ist Misswirtschaft“

Die „Neue Heimat“ an der Schleswiger Chausee ist das einzige Seniorenheim der Stadt.
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Die „Neue Heimat“ an der Schleswiger Chausee ist das einzige Seniorenheim der Stadt.

Vor Bürgerentscheid zur „Neuen Heimat“: „Brücke“-Management teilt gegen Betriebsleitung des städtischen Seniorenheims aus

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18. Januar 2018, 10:55 Uhr

Sie haben sich die Bücher des städtischen Seniorenheims „Neue Heimat“ genau angesehen: Klaus Magesching, Vorstand des Vereins „Brücke Rendsburg-Eckernförde“, und der Geschäftsführer Andreas Straub ziehen eine ernüchternde Bilanz. „Das ist Misswirtschaft“, sagt Magesching.

Wie berichtet, schreibt die „Neue Heimat“ seit Jahren rote Zahlen. Die Ratsmehrheit strebt deshalb eine Teilprivatisierung in Kooperation mit der „Brücke“ an. Die Mitarbeiter wollen das per Bürgerentscheid verhindern. Seit Wochen kursieren etliche Zahlen, mit denen beide Seiten ihre Positionen untermauern. Magesching meint: „Was fehlt, sind die Fakten.“

Argument der Initiatoren des Bürgerentscheids: Ein Teil des Heims kann mangels Barrierefreiheit nicht belegt werden. Dadurch entstehen Verluste. Straub zufolge entgeht dem Heim dadurch tatsächlich ein jährlicher Erlös von 250 000 Euro. Der Leerstand verursache aber nur Kosten von 30 000 Euro. Und auch die Kritik der Ratsversammlung trifft nach Mageschings Einschätzung nicht das Kernproblem. Der Rat beklagt, dass die „Neue Heimat“ die höchsten Pflegesätze in der Region hat. Magesching: „Die hohen Pflegesätze sind nicht das Problem. Das Problem ist: Die haben zu viel Personal.“

Die Pflegekasse zahlt dem Heim Zuschüsse, abhängig von der Zahl der Bewohner und ihrer Pflegebedürftigkeit. Sie trägt so zur Finanzierung eines Teils der Belegschaft bei. Laut Magesching leistet sich die „Neue Heimat“ über alle Bereiche hinweg zwölf Vollzeitstellen mehr, als von der Pflegekasse finanziert werden. Dadurch ergibt sich ein Minus von 400 000 Euro pro Jahr. Weitere 300 000 Euro Defizit entstehen bei den Sachkosten. „Sie kaufen alles zu teuer ein – bis auf Lebensmittel.“

Straub und Magesching durchforsteten auch das sogenannte Eigenkonzept der „Neuen Heimat“. Auf Grundlage dieses Papiers soll die Stadt einen Neubau für 9,6 Millionen Euro mit am Ende 140 Plätzen errichten. Im besten Fall sollen ab 2022 wieder schwarze Zahlen geschrieben werden. Die „Brücke“-Chefs bemängeln nicht nur, dass das Konzept nicht öffentlich einsehbar ist. Sie vermuten auch, dass die Heimleitung für zusätzliche 60 Betten weit mehr Mitarbeiter einstellen wird, als die Pflegekasse bezuschusst. „Sie sind der festen Überzeugung, dass sie schon jetzt zu wenig Personal haben.“ Nicht zuletzt werde der Neubau auf dem Stand von fünf Jahre alten Pflegekonzepten gebaut. „Das Eigenkonzept löst nicht deren Problem.“

Die Initiatoren des Bürgerentscheids betonen, dass ihr Architektenentwurf und ihr Eigenkonzept überprüft wurden, Letzteres durch die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Pricewaterhouse-Coopers (PWC). Magesching zeigt sich davon unbeeindruckt: „PricewaterhouseCoopers ist erfahren, aber nicht in der Pflege.“ Die Stadt hätte besser den Paritätischen Wohlfahrtsverband oder ihren eigenen Wirtschaftsprüfer hinzuziehen sollen, ergänzt Straub. Ebenso wenig überzeugt ihn das PWC-Gutachten für die Teilprivatisierung. Es verweist darauf, dass die Stadt durch Regelungen der Altersvorsorge nur zehn Prozent ihres Gesamtpersonals und damit 52 von 100 „Neue Heimat“-Mitarbeiter abgeben darf. Es rechnet damit, dass weitere 25 Männer und Frauen Abfindungen erhalten, wenn sie nicht im Rathaus weiter beschäftigt werden können. Die „Brücke“ hat aber ganz andere Pläne. „Wir würden allen 100 Mitarbeitern Stellen anbieten“, so Magesching.

Straub betont: „Wir sind Arbeitgeber. Wir haben ein Interesse an einer starken Region.“ Ein „Weiter so“ würde dazu führen, dass die Stadt Jahr für Jahr Geld in das Seniorenheim schießen müsste. Geld, das anderswo fehle. Letztlich leide unter dem bisherigen Kurs die Attraktivität Rendsburgs. „Darunter leiden auch wir als Arbeitgeber.“

Das Ziel der „Brücke Rendsburg-Eckernförde“

Das Ziel der „Brücke Rendsburg-Eckernförde“ besteht darin, das Seniorenheim „Neue Heimat“ und die „Büdelsdorfer Seniorenwohnanlage am Park“ in einer Betriebsgesellschaft mit zwei Standorten zusammenzufassen. Die „Brücke“ und die Stadt Büdelsdorf betreiben das Büdelsdorfer Heim bereits seit 1. Januar 1997 unter dem Dach einer gemeinnützigen Gesellschaft. „Brücke“-Vorstand Klaus Magesching ist überzeugt: Eine große Betriebsgesellschaft kann sich besser gegen die Konkurrenz behaupten. „Die Wettbewerbsbedingungen für die ‚Neue Heimat‘ werden schärfer.“ Er verweist auf die Bautätigkeiten der Pflegeanbieter Kervita und Alloheim. Sie planen insgesamt 230 zusätzliche Pflegeplätze in Rendsburg. Geschäftsführer Straub: „Alle werden Mitarbeiter abwerben.“

Die „Brücke“ stieg in der Vergangenheit bereits in die Gettorfer Seniorenwohnanlage am Park und das Seniorenzentrum Mittelholstein in Hohenwestedt ein – jeweils mit Mehrheitsverhältnissen von 40 Prozent Kommune und 60 Prozent „Brücke“. „Wir haben Partnerschaften auf Augenhöhe“, betont Straub. Der Verein bot der Stadt Rendsburg bereits vor mehr als zehn Jahren eine Partnerschaft an. Die Kommune entschied sich damals dafür, in den Altbestand zu investieren. Straub: „Das war halbherzig.“

„Brücke“ gibt Goll und Speck-Senior Kontra

Nach Ansicht des Ex-Bürgervorstehers Eberhard Goll verstößt bereits der erste Schritt der Kooperation zwischen Stadt und „Brücke“ gegen geltendes Recht (wir berichteten). Demnach soll die „Brücke“ von April bis Ende 2018 die Geschäftsführung der „Neuen Heimat“ übernehmen. Goll kritisiert, dass diese Regelung der Betriebsordnung der „Neuen Heimat“ widerspricht, derzufolge die Ratsversammlung die Entscheidungen zu treffen hat. „Brücke“-Geschäftsführer Andreas Straub sieht darin kein Problem: „Wir würden einen Werkleiter berufen, aber der wäre bei der Stadt Rendsburg angestellt.“ Im zweiten Schritt gründen Stadt und Brücke zum 1. Januar 2019 eine Betriebsgesellschaft. Angesichts des Pflegekräftemangels bezeichnet Ex-Bürgermeister Hans Speck, Vater von Betriebsleiter Marcus Speck, die Überlassung von 52 ausgebildeten Pflegern an die Gesellschaft als Schenkung. Straub entgegnet: „Die Pfleger sind ja keine Sklaven. Die arbeiten freiwillig.“ Speck betont, dass die Stadt eine Daseinsfürsorge für ihre Bürger zu leisten habe. Dazu gehöre auch, das Defizit des Altersheims zu tragen. Magesching: „Dann müsste Rendsburg auch für die Rendsburger zahlen, die im Büdelsdorfer Heim leben. Dazu ist die Stadt aber nicht verpflichtet.“

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