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Rendsburg : Das Geheimnis der Glocken am Alten Rathaus

vom
Aus der Redaktion der Landeszeitung

Sechs Mal am Tag lässt das Alte Rathaus die Glocken klingen. Seit 40 Jahren sind dessen Spender unbekannt – und auch die Melodien selbst sind vielen ein Rätsel.

Wenn auf dem Altstädter Markt für 20 Sekunden die Gespräche verstummen – oder nur noch schreiend fortgesetzt werden können –, dann hat das Glockenspiel am Alten Rathaus seinen großen Auftritt. Im Vergleich zu dem historischen Gebäude ist es zwar noch ziemlich jung, aber trotzdem lohnt sich ein Rückblick auf die vergangenen 40 Jahre.

Die Geschichte des Glockenspiels beginnt mit einem bis heute bewahrten Geheimnis: Eine Gruppe anonymer Spender wollte den Rendsburgern nach der Brandstiftung am Rathaus im Jahre 1973 etwas Gutes tun und spendete für das restaurierte Gebäude ein Glockenspiel. Aus wessen Tasche die 25 000 Mark damals kamen, ist nicht bekannt. In der wohl einzigen Akte über das Glockenspiel ist eine inzwischen verstorbene Kontaktperson angegeben. Den Namen behält Bürgermeister Pierre Gilgenast für sich.

In Auftrag gegeben wurde das Glockenspiel im Jahr 1974 bei der Firma „Koninklijke Eijsbouts“ im niederländischen Asten. Dort wurden die 18 Bronzeglocken gegossen und auch die Musikrollen hergestellt, von denen die Melodien zunächst abgespielt wurden. Auf langen Bändern waren die Lieder damals eingestanzt. Pro Meter zahlte die Stadt zwölf Mark.

Aber zuvor stand die schwierige Entscheidung an, welche Lieder von der Westfront des Rathauses erklingen sollten. In der Landeszeitung wurden die Rendsburger aufgerufen, Vorschläge einzureichen. Zahlreiche Postkarten und Briefe erreichten den Bürgermeister daraufhin. Unter den Favoriten waren schon damals „Ick weet een Eekboom“ und „Dat du meen leevsten büst“, deren Refrains noch heute erklingen (siehe Liste unten).

Dass selbst Alteingesessene Probleme haben, alle sechs Stücke zu erkennen, hat einen einfachen Grund: Jede der 18 Glocken spielt nur einen Ton. Diese Auswahl reicht nicht für alle Lieder aus, weshalb Hans-Joachim Marx, der 15 Jahre musikalischer Oberleiter an der Landesbühne war, die Melodien für das Glockenspiel umschrieb.

1976 war es dann, als das Glockenspiel – im Sinne des Wortes – in Rendsburg landete. Mit einer Transall des LTG 63 wurde es von Holland nach Hohn gebracht und von dort mit einem Hubschrauber des Bundesgrenzschutzes in die Kanalstadt geflogen. Das Premieren-Geläut war am 1. März 1976.

Nach 15 Jahren hatten die altertümlichen Musikrollen ausgedient. Der damalige Hausmeister Uwe Schwerdt stand bis zu zweimal pro Woche auf dem Dachboden des Alten Rathauses an einem Tapeziertisch, um die brüchig gewordenen Stellen der Lochstreifen auszubessern. Abhilfe schaffte die neue Technik, die 1991 Einzug erhielt. Was damals als „High-Tech-Anlage“ galt, ist mittlerweile schon wieder veraltet: Per Diskette spielt das Glockenspiel seitdem sein Repertoire ab. Neben den sechs Volks- und sechs Weihnachtsliedern zählen auch die Nationalhymnen der Partnerstädte, die Europahymne und das Schleswig-Holstein-Lied dazu.

Anlässe, zu denen das Glockenspiel ausgeschaltet wird, gibt es laut Bürgermeister Pierre Gilgenast nicht. Eine Ausnahme wurde am 19. August 2002 dann doch gemacht. An dem heißen Sommertag waren mehr als 800 Rendsburger zu einer Wahlkampfveranstaltung auf den Altstädter Markt gekommen. Die damalige CDU-Bundesvorsitzende Angela Merkel war zu Gast in Rendsburg – und blieb vom Abend- und Schlaflied „Der Mond ist aufgegangen“ unbehelligt.

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