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Prozess vor dem Landgericht : Das Ende einer unerwiderten Liebe

vom
Aus der Redaktion der Landeszeitung

Ein Mann muss sich verantworten, weil er nachts in das Haus einer Frau in Felde eindrang und sie zu fesseln versuchte.

shz.de von
erstellt am 06.Nov.2014 | 06:00 Uhr

Mitten in der Nacht steigt ein Mann in das Haus einer alleinstehenden Frau ein, bedroht sie mit einem Messer und will sie mit Kabelbindern ans Bett fesseln. Dieses Szenario stammt nicht aus einem Krimi, sondern ist in Felde tatsächlich passiert. Jetzt muss sich ein 42-Jähriger vor dem Landgericht Kiel für diese Tat verantworten. Am ersten von sechs angesetzten Verhandlungstagen wurde gestern klar, dass sich Täter und Opfer kannten. Der Sachverhalt entpuppte sich während der Anhörung als tragische Geschichte eines Mannes, der glaubte, alles verloren zu haben.

Die Anklage lautete, dass sich der Mann aus Kiel nach den Worten der Staatsanwältin am 6. Juli 2010 nachts um kurz vor drei Uhr „eines Menschen bemächtigt“ hat. Er habe die Frau mit dem Messer bedroht und ihr gegenüber angekündigt, sie zu töten. Er habe sich auf das Opfer gehockt, um es mit den Kabelbindern am Bett zu fixieren. Dabei soll er Einweghandschuhe getragen haben. Er soll der Frau gesagt haben, dass er nichts mehr zu verlieren habe, eine Waffe und Kokain besitze. Er werde alle fertigmachen, die ihm Böses getan haben. Der Angeklagte soll so versucht haben, die Frau unter Druck zu setzen, damit sie eine Strafanzeige gegen ihn zurückzieht. Als sie das glaubhaft vermittelte, soll der Täter das Haus verlassen haben. Das Opfer wurde bei dem Überfall offenbar nicht körperlich verletzt.

Bis gestern hat der Kieler die Vorwürfe immer bestritten. Überraschend bot die Verteidigung jedoch ein Geständnis und eine Einigung an: Der Angeklagte sei bereit, dem als Nebenklägerin auftretenden Opfer als Abgeltung der Ansprüche aus der Tat 6000 Euro zu zahlen, in monatlichen Raten zu 200 Euro. Das falle seinem Mandanten nicht leicht, so der Verteidiger. Schließlich habe er bis zu 80 000 Euro Schulden, unter anderem aus Unterhaltsrückständen für seinen Sohn (14). Von dem Jungen und dessen Mutter lebt der Angeklagte getrennt. Sein Nettoeinkommen bezifferte der Angeklagte nach allen Abzügen auf 950 Euro im Monat. Er sei Schlosser und seit 18 Jahren als Leiharbeiter tätig. Anfang der 1990er-Jahre habe er wegen Einbrüchen und Diebstählen etwa drei Jahre in Haft verbracht.

Der Angeklagte habe laut Verteidigung zum Zeitpunkt der Tat vor etwa vier Jahren unter Verlassensängsten gelitten. Rund ein Jahr zuvor hatte er das spätere Opfer kennen gelernt. Durch die Bekanntschaft mit der zierlichen Frau habe er sich gebraucht gefühlt. „Ich war immer derjenige, den sie anrief, wenn sie Hilfe brauchte“, sagte der Angeklagte. Er habe ihr Auto repariert, ihren Wagen einmal sogar nachts aus dem Graben gezogen, Reparaturen in ihrem Haus in Felde vorgenommen und das Garagendach neu aufgebaut. Geld habe er dafür nie erhalten. „Das habe ich alles vorfinanziert.“ Er sprach von etwa 1000 Euro. Er hat ihr sogar Liebesbriefe geschrieben, was bemerkenswert sei, da er das sonst nie mache. Sie sei jedoch sehr ambivalent und labil gewesen. Als es einmal wieder um Geld ging, habe sie am Telefon gesagt: „Ich will dich hier nicht mehr sehen.“ Der Angeklagte räumte ein, dass er daraufhin zu ihr gefahren sei und begonnen hat, die Ersatzteile am Auto wieder abzumontieren. Ein von der Frau gerufener Polizist erteilte ihm einen Platzverweis – eine Strafanzeige gab es für den Angeklagten obendrein. „Danach hatte ich schon einen Haken an die Beziehung gemacht“, sagte der Angeklagte. Doch als die Mutter seines Sohnes ihm Anfang Juli 2010 sagte, dass er sein Kind nicht mehr wiedersehen werde, und er sich mit seiner damaligen Freundin zudem noch gestritten hatte, brannte offenbar eine Sicherung bei ihm durch. „Das hat mich aus der Bahn geworfen. Ich habe alles verloren, was mir wichtig war. Da habe ich nicht mehr nachgedacht, nur noch gemacht.“ Weshalb er ausgerechnet nach Felde fuhr, könne er heute nicht mehr sagen. Er sei in ein tiefes Loch gefallen und habe zwei Nächte nicht geschlafen. Den vom Richter vermuteten Vorsatz schloss er aber aus – Gegenstände wie Messer und Kabelbinder habe er immer im Auto. Als sich sein Opfer wehrte, habe er sofort von ihm abgelassen. Beide hätten danach sogar noch eine Zigarette zusammen geraucht, bevor er wieder weggefahren sei. Ein Urteil wird in dem Prozess Ende November erwartet.

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