"Das Dorf ist in Gefahr"

Die Maßstabskarte der Gemeinde: Der Dorfplatz wäre  150 Meter von der geplanten Biogas-Anlage entfernt, haben Hans-Werner Meyer und Peter Rahder  errechnet.
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Die Maßstabskarte der Gemeinde: Der Dorfplatz wäre 150 Meter von der geplanten Biogas-Anlage entfernt, haben Hans-Werner Meyer und Peter Rahder errechnet.

Vertreter der Kreisverwaltung reisten aus Schleswig zur kurzfristig anberaumten "Biogas-Versammlung" an

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15. Oktober 2011, 07:50 Uhr

tielen | Dicke Luft im kleinen Bürgerhaus an der Eider: Der Widerstand gegen die geplante Biogas-Anlage im Dorf war am Donnerstagabend mit Händen zu greifen. "Das wäre der Todesstoß für Tielen", sagte Lieselotte Schultz-Honnens als Sprecherin der Bürgerinitiative Pro.Tielen bei einer Bürgerversammlung der besonderen Art. "Wir haben die schöne Eider und nur Erholung zu verkaufen", pries sie die Vorzüge des kleinen Dorfes und erhielt dafür den Beifall der etwa 60 Einwohner, die den Schulungsraum der Feuerwehr bis auf den letzten Platz füllten.

Kurzfristig hatte der Gemeinderat erneut zu einer öffentlichen Arbeitssitzung unter Beteiligung der Bürgerinitiative eingeladen, um sich gegen den Bescheid aus der Kreisverwaltung zu wehren. Das geschwächte Gremium (im Laufe der "Biogas"-Auseinandersetzung gab es vier Rücktritte und nur einen Nachrücker, zwei Gemeinderäte sind befangen) hatte sich in einer Dringlichkeitssitzung am vergangenen Montag nicht in der Lage gesehen, die Mitteilung aus Schleswig zu "verarbeiten". "Das alles macht uns ganz schön kaputt", sagte Thomas Claussen, Pro.Tielen-Vorsitzender: "Das Dorf ist in Gefahr auseinander zu brechen."

Der Kreis Schleswig-Flensburg hatte der Gemeindevertretung bescheinigt, sie habe rechtswidrig gehandelt, indem sie gegen den Bau der privilegierten Anlage stimmte (wir berichteten) und angekündigt das "versagte Einvernehmen" zu ersetzen - und zwar mit sofortiger Wirkung. Damit wären Baugenehmigung und -beginn nur noch Formsache.

"Das hat Tielen noch nicht erlebt", stellte eine alt eingessene Einwohnerin fest: Je ein Fernseh- und ein Rundfunkteam des NDR bewegten sich mit Kamera und Mikrofonen durch die drangvolle Enge, um Meinungen und Stimmungen in der aufgeladenen Atmosphäre einzufangen. Aus der Kreisstadt hatten sich Rainer Albrecht (Kommunalaufsicht) und Ulrich Schulz (Kreisbauamt) auf den Weg in die abgelegene Gemeinde gemacht, um die Dorfpolitiker "zu beraten", wie Albrecht sagte. Das sei schließlich auch Aufgabe der Kommunalaufsicht.

Diese Beratung mit den vier "unbefangenen" Gemeindevertretern, an der auch Willi Hufe, der "Leitender" des Amtes Kropp-Stapelholm teilnahm, fand unter Ausschluss der Öffentlichkeit im Nebenraum statt. Das Ergebnis wurde von den versammelten Einwohnern mit Hoffen und Bangen erwartet. Denn der zuständige Sachbearbeiter der Kommunalaufsicht ließ keinen Zweifel daran: Ziel sei es, das Einvernehmen zu erteilen.

Fast eine Stunde mussten die Versammelten warten, dann öffnete sich die Tür und Klaus Maleu erklärte: "Wir lassen es so stehen, wie es ist." Diese Mitteilung des stellvertretenden Bürgermeisters, dass die Gemeinde bei ihrer Ablehnung bleibt, wurde von den Bürgern mit donnerndem Applaus begrüßt. Auf die weiteren Fragen an die Vertreter aus der Kreisverwaltung erhielten die Einwohner aber keine klaren Antworten. Rainer Albrecht wollte der Entscheidung - "die wird nicht von mir allein gefällt" - nicht vorgreifen und nannte auch keinen möglichen Termin für die Bekanntgabe. Aber wenn die gesetzlich vorgegebenen Grundvoraussetzungen erfüllt seien, gebe es für die Bauverwaltung kein Ermessen mehr, dem Investor die Genehmigung zu versagen.

Sobald der Kreis an Stelle der Gemeinde das Einvernehmen erteile, will die Bürgerinitiative "auf jeden Fall Widerspruch einlegen", machten Lieselotte Schultz-Honnens und ihre Mitstreiter deutlich. Sie hatten eine ausführliche Stellungnahme gegen den Bescheid verfasst, die auch von den Gemeindevertretern und der Kommunalen Wählergemeinschaft mitgetragen wird. Angezweifelt werden dabei mehrere Entscheidungsgründe der Kreisverwaltung. Beispielsweise könne bei dem geplanten Standort für die Biogas-Anlage nicht von einem Außenbereich die Rede sein. Der mit EU-Mitteln ausgebaute Dorfplatz sei 150 Meter entfernt, sieben Mietparteien wohnten auf dem Heyn-Hof in 100 Meter Entfernung. Für mehr als 30 Häuser gelte nicht einmal der Abstand von 300 Metern. An dieser Zahl entzündete sich ein Disput zwischen der Bürgerinitiative und dem Leiter der Bauaufsicht. "Beim Abstand, da gibt es keine vorgeschriebene Meterzahl", sagte Ulrich Schwarz. Als Claussen und Honnens übereinstimmend versicherten, die 300-Meter-Angabe bei einem Termin von ihm selbst erfahren zu haben, erwiderte Schwarz: "Das haben Sie falsch verstanden." Als der Pro.Tielen-Vorsitzende dem allgemeinen Unmut über die Kreisverwaltung Luft machte: "Tielen fühlt sich verarscht von Schleswig", wollten die Verwaltungsleute die Veranstaltung verlassen. Gemeindevertreter Willi Jacobs gelang es, wieder die Ruhe herzustellen, und Lieselotte Honnens konnte die Argumente vortragen und das Papier an Rainer Albrecht übergeben.

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