„Stille Reserve“ : Camp für Flüchtlinge liegt auf Eis

Graue Schlucht im Containerdorf – hier erlebten Flüchtlinge ihre erste Zeit in Deutschland.
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Graue Schlucht im Containerdorf – hier erlebten Flüchtlinge ihre erste Zeit in Deutschland.

Der Betrieb ruht – kann aber jederzeit wieder aufgenommen werden.

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02. Juli 2018, 10:19 Uhr

Rendsburg | In den Mülleimern hängen frische Beutel. Auf dem Handtuchspender steht eine Rolle zum Nachfüllen. Die Betten sind mit neuen Matratzen ausgestattet. Auf dem massiven Parkettboden der Freizeithalle liegt das Spielzeug noch so, wie die letzten Kinder es haben fallen lassen. Die Landesunterkunft für Geflüchtete in Rendsburg steht seit heute offiziell leer.

Tatsächlich wohnen seit dem 13. Juni keine Schutzsuchenden mehr in der Erstaufnahme. Sie könnte aber von heute auf morgen erneut belegt werden. „Da kann jederzeit wieder jemand einziehen“, sagte Corinna Haag vom Johanniter-Betreuungsverband bei einem Besuch im „Camp“ vor wenigen Tagen.

Mit den sinkenden Flüchtlingszahlen baut Schleswig-Holstein seine Kapazitäten in den Einrichtungen zur Erstaufnahme erheblich ab. Für Rendsburg endet damit vorerst ein Kapitel, das im August 2015 begonnen hatte. Und zwar buchstäblich über Nacht: Unter dem damaligen Innenminister Stefan Studt wurde zunächst an der St.-Peter-Ording-Straße im äußersten Stadtnorden ein Dorf aus 75 Schlafboxen in Windeseile auf einer Wiese errichtet. Später erfolgte nach zäher Standortsuche der Umzug in die ehemalige Feldwebel-Schmid-Kaserne und damit dichter ans Rendsburger Zentrum. Seit 2016 wurden dort Flüchtlinge mit unklarer Bleibeperspektive erfasst und betreut. Unter deutlich besseren Bedingungen als in der „Erstaufnahme 1.0“. Für fünf Jahre, bis 2021, hat das Land die Gebäude und Flächen im Gewerbepark „Oktogon“ angemietet. An diesem Status wird sich bis auf weiteres nichts ändern. Das Camp 2.0 dient als stille Reserve, sollten die Flüchtlingszahlen wieder schlagartig nach oben gehen. „In diesem Fall stünden dort – jeweils bei Zweierbelegung – rund 400 Plätze in festen Gebäuden und knapp 700 Plätze in Containern zur Verfügung“, so Nele Brüser, Sprecherin des Landesamtes für Ausländerangelegenheiten in Neumünster.

Ob und in welchem Umfang die noch vorhandenen 340 Container bereits während des Leerstandsbetriebs einer anderen Nutzung zugeführt werden, steht noch nicht fest. Die spartanischen Unterkünfte blieben seit Ende 2016 weitgehend sich selbst überlassen. Aus dem gegenüber liegenden Gebäudekomplex, zu dem auch die Freizeithalle und eine Mensa gehören, zogen zwischen Ende Mai und Mitte Juni die letzten 350 Bewohner aus. Sie wechselten in die Erstaufnahme-Einrichtung in Boostedt. Eine Gruppe aus dem Jemen verließ das Rendsburger Areal zum Schluss.

Vor dem Kasernengebäude in Rendsburg stand in der vergangenen Woche ein Container mit Sperrmüll. Darin lagen zum Beispiel benutzte Matratzen. Sie wurden bei jedem Bewohnerwechsel weggeworfen und auch diesmal durch frische ersetzt. „Das ist hier die beste Unterkunft“, sagte Johanniterin Corinna Haag mit Blick auf das einstige Internatsgebäude der Bundeswehr. Hinter der rot geklinkerten Fassade teilten sich die Bewohner aus zwei Zimmern jeweils ein Bad. Ein Luxus im Vergleich zu den anderen Landesunterkünften, wo die gemeinschaftliche Sanitäreinrichtungen gewöhnlich von deutlich mehr Menschen genutzt wurden.

Mit der Stilllegung der Erstaufnahme verliert Rendsburg auch Arbeitsplätze. Ein Außenposten der Polizei im „Camp“ wurde aufgelöst – ein Verlust auch für die gefühlte Sicherheit im Stadtnorden. Denn die mobile Wache lag genau zwischen dem Gewerbegebiet an der Friedrichstädter Straße und Mastbrook, also strategisch günstig bei Einsätzen auch außerhalb der Kaserne, hieß es aus Polizeikreisen.

Corinna Haag und ihr Kollege Christoph Frahm waren in der vergangenen Woche die letzten Beschäftigten vor Ort. Bis Freitag hatten sie Dienst, räumten auf, erledigten „Verwaltungszeugs“. Ein Kollege aus dem 20-köpfigen Team wechselte ebenfalls nach Boostedt. Alle anderen sind ab heute arbeitslos. Ein Sicherheitsdienst bewacht die Anlage – auf unbestimmte Zeit. Auch die Büros des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge, kurz Bamf. In der Außenstelle Rendsburg gingen wegen bundesweit sinkender Fallzahlen bereits zum 31. Mai die Lichter aus. „Ein Festhalten am Standort Rendsburg war nicht mehr vertretbar“, teilte ein Bamf-Sprecher mit.

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