Taubenzucht in Rade : Brieftauben – die Leichtathleten der Lüfte

Taubenschlag: Tagsüber herrscht reger Betrieb. Diese Taube sitzt ausnahmsweise still.
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Taubenschlag: Tagsüber herrscht reger Betrieb. Diese Taube sitzt ausnahmsweise still.

Briefe müssen Tauben heute nicht mehr befördern – aber sie sollten schnell sein.

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13. April 2018, 10:59 Uhr

Rade bei Rendsburg | Bei denen geht’s zu wie im Taubenschlag. Wer hat diese Formulierung nicht schon einmal gebraucht. Aber wer kennt überhaupt einen Taubenschlag? Am Wochenende kann man sich unter anderem den von Hans und Marlene Vogt in Rade anschauen: Zirka 80 Tauben haben in einem ehemaligen Stallgebäude auf dem großen Hof ihr zu Hause – das sie immer wieder ansteuern, denn die Vögel mit dem grau-blau-schillernden Gefieder sind Brieftauben.

Züchter aus Rade: Hans Vogt kümmert sich intensiv um seine rund 80 Tiere.
sab
Züchter aus Rade: Hans Vogt kümmert sich intensiv um seine rund 80 Tiere.

„Hans hat ein gutes Händchen für Tauben“, sagt Siegfried Thielemann. Er sei einer der besten Züchter der Reisevereinigung Rendsburg von 1928. Thielemann ist Vorsitzender der Reisevereinigung, der zurzeit zehn Vereine mit rund 50 Mitgliedern angeschlossen sind. Die Vereine tragen Namen wie „Auf zur Heimat“ (Fockbek), „Gut Flug“ (Alt Duvenstedt) oder „Fördebote“ (Eckernförde). Denn Sinn und Zweck einer Brieftaube ist das Reisen – also der Wettflug. Briefe müssen die Tiere nicht mehr befördern, aber schnell sollen sie sein und ihren Besitzern Auszeichnungen bescheren.

Hans Vogt ist auf dem Land aufgewachsen, lernte die Taubenzucht bei einem Onkel in Elsdorf-Westermühlen kennen. „Ab meinem zehnten Lebensjahr hatte ich Tauben.“ 1983 begann er damit, Brieftauben fliegen zu lassen. Für den 63-Jährigen ist die Beschäftigung mit den Tieren ein Hobby, das Entspannung bedeutet. Er redet mit ihnen und kümmert sich intensiv um sie – mit Hilfe seiner Frau Marlene. Mit ihr bildet er eine „Schlaggemeinschaft“. Füttern, Stall reinigen, beobachten, Stall ausbauen, Tiere trainieren – es ist immer etwas zu tun.

Brutgeschäft: Der Vogel (das Männchen) und das Weibchen teilen sich diese Tätigkeit.
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Brutgeschäft: Der Vogel (das Männchen) und das Weibchen teilen sich diese Tätigkeit.

So, wie die weißen Tauben ein Friedenssymbol sind, gelten die Brieftauben als „Rennpferd des kleinen Mannes“. Hochburg der Brieftauben-Zucht war und ist das Ruhrgebiet. Aber auch im Norden können die Züchter mit Erfolgen aufwarten. Bei Hans und Marlene Vogt hängen im Stall viele Auszeichnungen: Eine Goldmedaille gab es zum Beispiel für einen 600-Kilometer-Flug ab Ellwangen.

Warum die Tauben zielsicher den Heimatschlag ansteuern, ist wissenschaftlich immer noch nicht genau erforscht, weiß Siegfried Thielemann. Nur auf die Natur verlassen sich die Züchter nicht. In der warmen Jahreszeit trainieren die Tiere täglich, denn von Anfang Mai bis Ende September ist Wettkampfsaison. „Der Schlag bedeutet Schutz und Futter“, erklärt Vogt. Dort wartet auch die Partnerin. Das sind weitere Gründe für die Tauben, um nach Hause zurückzukehren. Die Tiere werden außerdem speziell ernährt. „Sporttauben sind wie Leichtathleten“, sagt Siegfried Thielemann. In der Trainingswoche gibt es kräftiges Futter für den Muskelaufbau, vor dem Flug werden sie nur leicht gefüttert und nach dem Wettkampf reicht Hans Vogt „ein bisschen flüssigen Honig oder Traubenzucker, damit sie schnell wieder zur Kräften kommen“.

Personalausweis: Verein, Jahrgang und eine laufende Nummer sind eingetragen.
sab
Personalausweis: Verein, Jahrgang und eine laufende Nummer sind eingetragen.
 

Manchmal erreicht eine Brieftaube den heimischen Schlag nicht – weil sie vielleicht Opfer eines Greifvogels wurde. Das ist ein Kapitel, zu dem die Fachleute auch viel erzählen können.

Hintergründe: Historie und Fakten

  • Mit Noah und der ausgesandten Taube, die einen Ölzweig als Zeichen für das Ende der Sintflut brachte, beginnt die Geschichte der Taube als Nachrichtenübermittlerin.
  • In Ägypten existierten um 2500 v. Chr. Botentaubenschläge, um herannahende Feinde schnell dem Heer im Hinterland melden zu können.
  • Die Praxis der Botentauben gelangte im 5. Jahrhundert v. Chr. nach Europa.
  • Für das militärische Nachrichtenwesen hatten Brieftauben in den Weltkriegen eine große Bedeutung. Die  (abhörsicheren) Tiere wurden  zu hunderttausenden eingesetzt.
  • Die Schweizer Armee züchtete bis in die 1990er-Jahre  die „selbstreproduzierenden Kleinflugkörper auf biologischer Basis mit fest programmierter automatischer Rückkehr aus beliebigen Richtungen und Distanzen“ (so das offizielle Merkblatt).
  • Der Verband Deutscher Brieftaubenzüchter ist die Dachorganisation des Brieftaubensports in Deutschland. 1884 gegründet, hat er heute 35000 Mitglieder. Sitz ist Essen.

Tag der Brieftaube ist am Sonntag, 15. April. Von 12 bis 16 Uhr können zwei Schläge besucht werden. Um eine Anmeldung wird gebeten, ist aber nicht unbedingt nötig:

  • Züchter Heinz Steffen aus Alt-Duvenstedt, Birkenweg 15, Tel. 0 43 38 /  45 84
  • Hans und Marlene Vogt aus Rade, Alte Dorfstraße 15, Tel. 0 43 31 / 9 23 26 .
  • Infos über den Bundesverband: www.brieftaube.de
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