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Nach tödlichen Schüssen : Bluttat im Finanzamt: Rendsburg unter Schock

vom
Aus der Redaktion der Landeszeitung

Ein 58-jähriger Sachgebietsleiter wird erschossen. Die Mitarbeiter der Behörde trauern um ihren Kollegen. Bei vielen werden Erinnerungen an den Doppelmord von 1991 wach.

shz.de von
erstellt am 02.Sep.2014 | 06:04 Uhr

Rendsburg | Nach und nach verlassen die Mitarbeiter des Rendsburger Finanzamtes am Montagvormittag das Verwaltungsgebäude am Rande der Innenstadt. Der Schock steht ihnen ins Gesicht geschrieben. „Kein Kommentar“, sagt eine Frau, die kreidebleich zu ihrem Auto geht. Sie und ihre Kollegen wechseln kaum ein Wort miteinander, gehen stumm in Richtung Parkplatz, vorbei an den wartenden Journalisten und vor dem Eingang geparkten Einsatzfahrzeugen der Polizei. „Finanzamt vorübergehend geschlossen!“, steht auf eiligst aufgehängten Schildern.

Am Vormittag wurde ein 58 Jahre alter Sachgebietsleiter des Finanzamtes erschossen. Ein aufgebrachter Kunde hatte seinem Ärger Luft gemacht und zur Waffe gegriffen. Auch heute bleibt die Behörde für die Öffentlichkeit noch geschlossen. Für die Mitarbeiter steht das Gebäude allerdings offen. Sie sollen die Möglichkeit bekommen, sich auszutauschen und offen über ihre Trauer und Ängste zu sprechen. Für psychologische Betreuung ist gesorgt.

Die Informationen über die Schreckenstat verbreiteten sich schnell in der Stadt und im gesamten Norden. Finanzministerin Monika Heinold (Grüne) erfährt während einer Klausurtagung des Kabinetts in Schleswig von dem traurigen Vorfall. Die Sitzung wird unterbrochen, Heinold begibt sich sofort nach Rendsburg. Dort spricht sie ihre tiefe Betroffenheit aus und sagt: „Es wird sicherlich noch eine ganze Zeit brauchen, bis es verarbeitet ist.“ Das traurige Ereignis nehme sie nun zum Anlass, das Sicherheitskonzept in der Finanzverwaltung auf den Prüfstand zu stellen. Auch Ministerpräsident Torsten Albig (SPD) reagiert bestürzt: „Ich bin erschüttert, dass Gewalt in das Leben eines friedlichen Menschen eingebrochen ist. Meine Gedanken sind bei seiner Familie.“

Die Mitarbeiter in den Behörden der Kanalregion sind geschockt. Im Rendsburger Rathaus berichtet man von einem Vorfall, der den Betroffenen Anfang dieses Jahres vor Augen führte, wie schnell ein Gespräch eskalieren kann. Bürgermeister Pierre Gilgenast schildert, dass im Ordnungsamt ein Mann ausrastete, der seinen Gefahrhund abgeben sollte. Der Täter griff wahllos nach Gegenständen auf dem Schreibtisch der zuständigen Sachbearbeiterin und schmetterte sie der Frau entgegen. Kollegen griffen ein und konnten verhindern, dass das Opfer verletzt wurde. Kurz darauf eingetroffene Polizisten nahmen den Mann fest.

„Wenn es wirklich jemand darauf anlegt, gibt es keinen absoluten Schutz“, sagt Gilgenast. Man habe Vorkehrungen ergriffen, um die Mitarbeiter besser vor Übergriffen zu bewahren. Am Informationstresen im Rathaus der Stadt sind Mitarbeiter eines Wachdienstes tätig, die jeden Besucher im Blick haben. Zahlreiche Büros sind mit einem Alarmierungssystem ausgestattet worden.

Aber ob diese Einrichtungen Wahnsinnstaten verhindern können? In Deutschland gab es bereits andere tödliche Übergriffe auf Behördenmitarbeiter. Die Polizeigewerkschaft klagte bereits in der Vergangenheit darüber, dass die Gewaltbereitschaft auch gegen Polizisten zugenommen habe.

Der mutmaßliche Täter stammt aus Fockbek und ist dort hinreichend bekannt. Steuerberater Olaf Lauenroth ist nicht nur für die FDP in der Gemeindevertretung aktiv – der 55-Jährige kandidierte im vergangenen Jahr auch für den Bürgermeisterposten seiner Gemeinde. Mit zwei Prozent der Stimmen hatte er keine Chance.

In Fockbek ist die Betroffenheit über das Rendsburger Geschehen auch deshalb groß, weil sich die Menschen sofort an ein tragisches Ereignis vor mehr als 20 Jahren erinnert fühlen. Im Dezember 1991 wollte ein Landwirt aus Wut über die Behörden das Rathaus der Gemeinde in die Luft sprengen. Der 45-Jährige belud seinen Mercedes mit Sprengstoff und raste in das Foyer des Verwaltungsgebäudes. Der Versuch schlug fehl, die rollende Bombe zündete nicht, der Amokläufer richtete sich mit einer Waffe selbst. Unschuldige riss er dennoch in den Tod: Kurz zuvor hatte der Landwirt in Westerrönfeld auf der anderen Seite des Nord-Ostsee-Kanals zwei 50 und 63 Jahre alte Verwaltungsbeamte kaltblütig erschossen.

Der Leichnam des 58-jährigen Opfers wurde mittlerweile obduziert. Das Ergebnis lag zunächst noch nicht vor. „Es geht darum, zu klären, von wie vielen Kugeln und aus welchen Richtungen das Opfer getroffen wurde“, sagte der Kieler Staatsanwalt Axel Bieler. Die Staatsanwaltschaft will heute gegen den mutmaßlichen Todesschützen Haftbefehl beantragen. Man gehe nach ersten Erkenntnissen von einem Mord aus, sagte der Kieler Staatsanwalt.

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