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Westerrönfeld : Blutbad im Amt: Ein Doppelmord mit Ansage

vom
Aus der Redaktion der Landeszeitung

Heute vor 22 Jahren erschoss ein Landwirt in Westerrönfeld zwei Verwaltungsbeamte. Wenig später wollte er das Rathaus von Fockbek in die Luft sprengen – und scheiterte. Seine Tat hatte er in einer Anzeige angekündigt.

shz.de von
erstellt am 12.Dez.2013 | 07:00 Uhr

Westerrönfeld | Und dann ist da noch die Stelle an der Heizung. Amt Jevenstedt, Verwaltungsstelle Westerrönfeld, erster Stock, Zimmer 21, die rechte Heizung. Oben links ein kleiner Krater. Eine Delle im Stahl, nachträglich überlackiert. Unter der neuen Schicht Weiß ist der scharf gezackte Rand abgeplatzter Farbe zu erkennen. Die letzte greifbare Spur am Tatort eines Verbrechens, das heute vor 22 Jahren in ganz Deutschland für Schlagzeilen sorgt.

Ein Amoklauf setzt die Region Rendsburg unter Schock. 60 Kugeln feuert Landwirt Klaus Jürgen Mumm am 12. Dezember 1991 aus einer Maschinenpistole auf zwei Männer ab. Horst Schadwinkel (50) und Heinz Wichmann (63), Vertreter des Abwasserzweckverbandes, sind auf der Stelle tot. Nach dem Blutbad in der Gemeinde südlich des Nord-Ostsee-Kanals fährt der 45-jährige Doppelmörder nach Fockbek. Beide Gemeinden trennen nur wenige Kilometer und eine Fahrt durch den Kanaltunnel. Auch in Fockbek will Mumm aus Hass gegen die Behörden töten. Doch sein Plan, weitere Beamte mit der Waffe zu erschießen, scheitert. Stattdessen macht Mumm seinen Mercedes-Benz zur Bombe. Mit ihm rast er in die gläserne Front des Rathauses. Der Wagen ist vollgestopft mit Sprengstoff – doch der zündet nicht. Schließlich richtet sich der Doppelmörder mit einem Kopfschuss selbst.

Geld ist das Motiv für die Wahnsinnstat. Und Stolz. Der Landwirt will seinen Bauernhof im Außenbereich von Fockbek nicht an die Kanalisation anschließen lassen. Es geht um mehrere tausend D-Mark Sielgebühren.

Dass er nicht noch weitere Menschen in den Tod reißt, ist Zufall, pures Glück. Die Personen im Fockbeker Rathaus, auf die es Mumm abgesehen hat, sind im richtigen Moment am falschen Ort. Der Bürgermeister und ein leitender Verwaltungsbeamter haben eine Besprechung in Kiel, das rettet ihnen das Leben. Auch der Kämmerer ist nicht in seinem Büro. Andere, die dem Mörder nahekommen, bleiben verschont. Die Sekretärin, die Mumm im Rathaus nach den Männern auf seiner Todesliste fragt, kommt ungeschoren davon.

Kurzes Wortgefecht – dann fallen Schüsse
In Westerrönfeld zählt Elke Heinz zu denen, die es hätte treffen können. Als es im ersten Stock der Gemeindeverwaltung zur Katastrophe kommt, befindet sich die damals 48-Jährige zwei Räume weiter. Präziser: Als die Schüsse fallen, ergreift sie bereits die Flucht. Die Bürgermeisterin sitzt um kurz vor 11 Uhr an ihrem Schreibtisch. Die Tür zum Nebenraum ist geöffnet. Dort arbeitet Erika Walsh (38), die Sekretärin von Oberamtsrat Heinz Wichmann. Elke Heinz sieht, wie ein Mann das Nachbarzimmer betritt. Er trägt schwere Stiefel und einen Parka. Sein Gesicht ist unter einem ungepflegten Vollbart kaum zu erkennen. „Er sah nach Landwirt aus“, sagt die Augenzeugin. Die Minute, die alles veränderte, schildert sie so: „Ich sah, wie er zu Erika Walsh reinging und sagte ,Ich möchte zu Herrn Wichmann‘.“ Der telefoniere gerade, er möge bitte kurz auf dem Flur warten, habe die Sekretärin geantwortet. Und zunächst dreht der Mann sich tatsächlich um. „In dem Moment sah ich ein Stück von seiner Maschinenpistole. Mumm versteckte sie unter seinem ausgestreckten linken Arm. Ich bin sofort aufgesprungen und rausgelaufen“, erzählt Elke Heinz.

Dann geht alles sehr schnell. Die Bürgermeisterin bekommt noch mit, wie es im Zimmer von Wichmann zu einem Wortgefecht kommt. „Wat schall dat?“, habe Wichmann noch gerufen. „Es waren nur drei Worte. Dann ging es los. Rattattattata!“

Mumm benutzt eine Maschinenpistole, Kaliber neun Millimeter, Typ MP 39/40, genannt „Schmeisser“, die Standardwaffe der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg. Horst Schadwinkel befindet sich links vom Eingang, an einem Besprechungstisch. Eine Kugel, die in seine Richtung abgefeuert wird, schlägt hinter ihm ein – der kleine Krater in der Heizung. Wichmann sitzt hinter seinem Schreibtisch, Blickrichtung Tür. Ihn treffen die meisten Kugeln. Elke Heinz trennt nur eine Wand von dieser Szene. Sie rennt zur Treppe, vorbei an Wichmanns Raum. Schüsse hallen durch den Flur. „Noch heute habe ich das Gefühl, ich kriege die Kugeln gleich in den Rücken.“

Das Auto des Täters ist beladen mit Sprengstoff

Elke Heinz flieht nach unten und versteckt sich in einem Toilettenraum. Polizisten treffen ein. Von Klaus Jürgen Mumm aber fehlt jede Spur. Wo er sich aufhält, weiß in diesem Moment niemand. Etwa noch im Amtsgebäude?

Erika Walsh erinnert sich noch genau an die Szene, als Mumm ihr Büro betritt. „Er war ungepflegt und roch stark nach Mist. Seinen Geruch habe ich bis heute in der Nase“, sagt die heute 60-Jährige. „Ich bin zu Heinz Wichmann ins Zimmer und habe den Besuch angekündigt. Wichmann hat ganz entspannt mit Schadwinkel gesprochen.“ Dann sei alles schnell gegangen. „Mumm rannte an mir vorbei ins Zimmer und ließ die Tür ein wenig offen. „Mensch, lass das, mach’ keinen Mist“, habe sie noch gehört. „Dann war da nur noch dieses Geknalle. Damdamdamdamdam. Laut. Wie ein Presslufthammer.“

Erika Walsh steht sofort unter Schock. „Ich muss hier weg. Das war, was ich gedacht habe. Da ich nicht gut zu Fuß bin, bin ich in die Toilette auf dem Flur. Wie lange? Ich weiß es nicht mehr. Ich war nicht mehr bei mir. Ich war nicht mehr drin in diesem Körper und habe Engel gesehen.“

Im Toilettenraum presst Erika Walsh sich seitlich an die Wand. Sie hat Angst, der Täter könnte durch die Tür feuern. Wann ein Polizist sie aus dem Raum befreit, weiß sie nicht mehr. Sie weiß nur, dass er sie schnell aus dem Gebäude führt. Denn noch immer ist unklar, ob Mumm weiter im Haus ist.

Ist er nicht. Der Mörder rast auf der B77 nach Fockbek. Die Fahrt ins Rathaus der Rendsburger Nachbargemeinde dauert keine zehn Minuten. Mumm stürmt das Büro einer Sekretärin und fragt nach dem Bürgermeister und seinen Kollegen.

Als die Mitarbeiterin ihn abweist, läuft Mumm raus zu seinem Wagen. Der Mercedes ist vollgestopft mit explosivem Material. Sechs mit Schwarzpulver gefüllte Rohrkörper hat der Landwirt unter den vorderen Sitzen und auf der Rückbank befestigt. Die mit Lunten versehenen Stahlrohre wurden mit einer Flex angesägt. Das erhöht den Splittereffekt. Eine Detonation würde eine Druckwelle in einem Radius von einem Kilometer erzeugen. Im Gefahrenbereich befindet sich das Fockbeker Schulzentrum. An dem Donnerstagvormittag herrscht dort normaler Hochbetrieb.

Im Auto des Täters finden sich später mehrere Waffen. Neben der Maschinenpistole aus Westerrönfeld auch ein Wehrmachtskarabiner. Bei der Pistole, mit der sich Mumm nach seiner Kamikaze-Fahrt erschoss, handelt es sich um eine Pistole der Marke Browning.

Seine Motive legt er in einer Kleinanzeige dar

War der Amoklauf zu verhindern? „Ich glaube nicht. Mumm war ja vorher nicht aggressiv aufgetreten“, sagt Elke Heinz. Ein Signal gab es dennoch. Es hat nur keiner richtig gedeutet. Wochen vor dem Amoklauf schaltet Mumm eine Kleinanzeige. „K. J. Mumm geht am 12.12.91 auf die große Reise, möchte hiermit einen Gruß an alle Bekannten senden.“

Noch am Tag der Tat füllt Mumm das Formular für eine weitere Annonce aus und gibt es in die Post. Zitat: „Die Fockbeker Verwaltung hatte Spass – Der Abwasserzweckverband hatte auch seinen Spaß und einen langen Arm – Klaus Mumm hat den Zeigefinger und auch viel Spass.“

Erika Walsh heißt jetzt Kerath. Nach dem Trauma vom 12. Dezember 1991 erkrankte sie schwer, ihre Ehe ging in die Brüche. „Ich wollte mit meinem Mann darüber reden, aber da war nur Schweigen. Auszuhalten, wie die anderen zur Tagesordnung übergegangen sind, war für mich das Schlimmste.“

Heute führt die 60-Jährige ein Bestattungsunternehmen in Fockbek, Kropp und Owschlag und bietet Trauerseminare an. „Ich kann die Menschen in ihrer Trauer verstehen, weil ich selbst ganz unten war“, sagt sie.

Im Fockbeker Rathaus erinnert nichts mehr an die Tat. 1999 wurde eine neue Sporthalle in der Gemeinde nach Horst Schadwinkel benannt.

In Westerrönfeld gemahnt ein Stein auf dem Rasen vor dem Amtsgebäude an eines der Opfer. Aufschrift: „Zum Gedenken Heinz Wichmann 12.12.1991.“ Der deformierte Heizkörper wurde aus technischen Gründen nicht ersetzt. Das Büro von Oberamtsrat Wichmann gibt es in der damaligen Form nicht mehr. Die Ecke, in der Schadwinkel saß, wurde Teil eines Konferenzraums. Und dort, wo einst Wichmanns Tisch stand, sind jetzt Kopierer.

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