Bismarcks Machtspiele um Rendsburg

Schlägerei am 2. Tag: Auf dem Paradeplatz und am Jungfernstieg kam es zu wüsten Schlägereien zwischen Preußen und Hannoveranern.
Schlägerei am 2. Tag: Auf dem Paradeplatz und am Jungfernstieg kam es zu wüsten Schlägereien zwischen Preußen und Hannoveranern.

Die Nachwehen des deutsch-dänischen Krieges: Am 21. Juli vor 150 Jahren annektierten preußische Truppen die Kanalstadt

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17. Juli 2014, 12:27 Uhr

Die Nachricht hatte es in sich: „Besetzung Rendsburgs durch Preußen“ verkündete die „Provinzial-Correspondenz“, das Sprachrohr der Bismarck-Regierung, im Tone einer Siegesmeldung: „Am 21. Juli 1864 mittags sind die Preußen in Rendsburg eingerückt und haben die dortigen Wachen besetzt, nachdem die Hannoveraner kurz vorher ausgerückt waren.“ Und so war es: 6000 preußische Infanteristen aus Schleswig marschierten um die Mittagsstunde jenes Tages auf dem Paradeplatz auf. Und vor den Toren der Stadt hatte man drohend zwei Geschützbatterien in Stellung gebracht, dazu zwei Schwadronen Kürassiere. Befehligt wurde das Kommando-Unternehmen von einem General.


Preußen rief seine Truppen zusammen


Diesem Auftrumpfen der Preußen waren an den Vortagen schwere Krawallen vorausgegangen – zwischen Hannoveranern, die in Rendsburg gemeinsam mit Soldaten aus Sachsen als Exekutionstruppen des Deutschen Bundes in Quartier lagen, und den Angehörigen der kleinen preußischen Garnison in der Stadt. Begonnen hatten sie am Sonntag, 17. Juli, auf dem Tanzboden des „Schützenhofs“ mit einer Schlägerei, wie sie zwischen Soldaten unterschiedlicher Einheiten nicht unüblich war. Doch eskalierte diese dann schnell zu einem blutigen „Nationalitäten-Kampf“.

Am folgenden Tag wurde klar, dass es sich um mehr als eine „Wirtshausrauferei“ unter Soldaten gehandelt hatte. Denn in der Stadt gab es Tumulte. Im „Rendsburger Wochenblatt“ war zu lesen: „Auf dem Paradeplatz, im Jungfernstieg und vor den Baracken in der Gegend des Neuthors, wo sich die preußischen Lazarethe befinden, ist es zwischen Hannoveranern und Preußen zu umfangreichen Schlägereien gekommen, in Folge deren die preußischen Truppen zusammengerufen wurden und starke Wachen und Patrouillen die Stadt durchzogen. Auch von Osterrönfeld waren die dort stationierten Preußen im Geschwindmarsch herangezogen.“

Zwar hatte das Kommando der Hannoveraner seine Soldaten an diesem Abend durch ein „vorzeitig geblasenes Retraite“ (Zapfenstreich) schon um 21.30 Uhr zurück in die Quartiere beordert. Doch einige ihrer Unteroffiziere, die auf den Straßen die Einhaltung kontrollierten, wurden im Handgemenge mit patrouillierenden Preußen zum Teil schwer verwundet. Für den Oberbefehlshaber Prinz Friedrich Karl von Preußen waren die von den Hannoveranern „verübten Excesse“ Anlass zu einer ultimativen Drohnote an den Kommandierenden der Bundestruppen, General von Hake.

Unter Berufung auf eine direkte Weisung König Wilhelms I. forderte der Prinz „schleunigst eine Garantie gegen die Wiederkehr solcher und noch weitergehender Beleidigungen und Gefährdungen der Soldaten an dem Hauptetappen- und Depotplatz der alliierten Armee“. Doch schon der folgende Satz war Klartext: „Seine Majestät, mein König und Herr, ist dadurch zu dem Befehl veranlaßt worden: Ich soll mich in den Besitz von Rendsburg setzen und zum Herrn des Platzes machen.“ So werde General von Göben am 21. Juli 12 Uhr mittags mit 6000 Mann in Rendsburg die Wachen besetzen. Und mit den üblichen Höflichkeitsfloskeln im Schriftverkehr selbst verfeindeter Militärs hieß es weiter: „Von Eurer Excellenz so oft bewährter tactvoller Mäßigung und Energie wird es abhängen, ob dieser unabwendbare und für die Ehre der preußischen Armee unvermeidliche Schritt so wird geschehen können, daß späteren diplomatischen Verhandlungen die Regelung der ganzen Angelegenheit anheimzustellen seyn wird.“


Rückzug unter Protest


Der General der Sachsen erwiderte, mit der Besetzung Rendsburgs könne er sich „schlechterdings nicht einverstehen“. Aus Protest trat er dennoch den Rückzug an. Da er nur über vier Kompanien verfügte, war an ein militärisches Entgegentreten ohnehin nicht zu denken. Am 21. Juni um 12 Uhr nahm daraufhin Preußen auf dem Paradeplatz von Rendsburg Besitz.

Die auf die höchste politische Ebene katapultierten Tumulte schlugen hohe Wogen in der europäischen Presse. Vor allem die Frage nach den Hintergründen teilte sie in zwei Lager. So brandmarkten die preußennahen Blätter die Hannoveraner als die Schuldigen. Schon seit Längerem, so hieß es da, hätten die in Holstein stehenden Bundessoldaten eine Gereiztheit gegen die Soldaten der alliierten Armee gezeigt. Die sei auch zu verstehen, da sie nach ihrer Besetzung von Holstein dort nun schon seit einem halben Jahr völlig untätig stehen müssten, weil der Deutsche Bund an dem wirklichen Krieg gegen Dänemark nicht teilgenommen habe. Preußen und Österreicher hätten in selber Zeit einen Sieg an den anderen gereiht und damit reiche Lorbeeren geerntet.

Im Lager der Anti-Preußen sah man in den Krawallen eine von Berlin inszenierte Provokation der Bundessoldaten. So schrieb die „Bayerische Zeitung“ über die „neue preußische Invasion in Holstein“: „Preußen geht rasch vorwärts gegen den Bund. Diesem Holstein allmählich zu entwinden, das ging Herrn von Bismarck zu langsam.“

Bismarcks Paukenschlag hatte ein Nachspiel in der Bundes-Versammlung, da fast alle deutschen Staaten die Annektion Rendsburgs missbilligten. Doch Bismarck taktierte gekonnt, nannte die Besetzung eine „rein militärische Maßregel ohne jeden politischen Hinterhalt.“ Zudem habe niemand General von Hake zum Abzug gezwungen – ihm stünde es frei, jederzeit in Rendsburg mit seinen Truppen einzurücken. Was dieser dann am 27. November auch tat. Doch schon zwei Tage später forderte Bismarck die Regierungen von Hannover und Sachsen auf, „ihre Truppen und Kommissäre sofort und ohne weitere Dazwischenkunft der Bundesversammlung zurückzuziehen und dem Bund einfach Anzeige von dem Geschehenem zu machen.“ Hannover war sofort bereit, Sachsen zögerte noch, willigte schließlich aber doch ein. Beide Truppen, von den sich die Sachsen bei den Bürgern Sympathien erworben hatten, nahmen für immer Abschied von Rendsburg.

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