Bildhauer mit 80 Jahren „noch lange nicht müde“

Unter hunderten Büsten aus Manfred Sihle-Wissels Herstellung finden sich auch Porträts des Altbundeskanzlers Helmut Schmidt und dessen Frau Loki.
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Unter hunderten Büsten aus Manfred Sihle-Wissels Herstellung finden sich auch Porträts des Altbundeskanzlers Helmut Schmidt und dessen Frau Loki.

Manfred Sihle-Wissel hat in Brammer viele prominente Köpfe gemeißelt

shz.de von
25. Januar 2015, 14:01 Uhr

Siegfried Lenz, Helmut und Loki Schmidt, Sarah Kirsch – in der alten Schmiede aus dem Jahr 1888 reiht sich Porträtkopf an Porträtkopf. Wie viele dieser Büsten sich tatsächlich in der Schmiede befinden, kann Manfred Sihle-Wissel nicht sagen. „Ich habe irgendwann aufgehört zu zählen. Aber sagen wir einmal so: Es sind genügend, um festzustellen, dass ich nicht immer faul gewesen bin“, lacht der Bildhauer. Im vergangenen Jahr wurde der in Brammer lebende Sihle-Wissel 80 Jahre alt. Zur Ruhe setzen will er sich aber nicht. „Ich bin nicht müde. Noch lange nicht.“

Seit 33 Jahren ist das alte Gebäude in Brammer sein Lebensmittelpunkt. „Eigentlich war ich damals nur auf der Suche nach einem größeren Atelier“, berichtet Sihle-Wissel. „Aber auf einmal stellt man fest, dass man in Brammer öfter ist, als in Hamburg.“ Seine zahlreichen Plastiken seien eher ein „Nebenarbeitsbetrieb“. Die Porträtierten kommen alle zu ihm. „Sie setzen sich hin. Dann hab ich exakt zwei Stunden. Länger sitzt hier keiner bei mir. Keine Sekunde“, sagt der Künstler.

Nebenan, im ehemaligen Stall, befindet sich der große Arbeitsplatz. Zwischen Sägen, Hammer, Meißel und etlichen weiteren Werkzeugen entstehen seine weltweit geschätzten Kunstwerke. Bevor er sich an die eigentliche Skulptur macht, fertigt der Künstler zunächst ein kleines Modell nach einer Skizze. Sofort loszulegen sei nicht sein Ding. „Das dauert sogar länger, als die eigentliche Figur“, erklärt der 80-Jährige seine Arbeitsweise.

Ein Lieblingsmaterial habe er nicht. „Aber ich liebe Holz.“ Kunststoff hingegen möge er nicht. „Aber früher, als ich so um die 30 war, da hatte ich noch kein Geld für Bronze“, denkt Sihle-Wissel zurück. „Da hab ich dann wohl auch mal Kunststoff verwendet.“

Im vergangenen Jahr fanden zwei große Ausstellungen über den Bildhauer statt. „Retrospektive“ lief anlässlich seines 80. Geburtstages auf Schloss Gottorf in Schleswig. Eine weitere Ausstellung fand in der Freien Akademie in Hamburg statt. „Zwei in einem Jahr reichen vollkommen aus. Da steckt sehr viel Arbeit hinter.“ Für dieses Jahr sei noch nichts geplant. Dass er stets als Künstler arbeiten konnte, sei „auch ein wenig Glück“ gewesen. Seine Überzeugung: „Wenn man wirklich eine Sache machen möchte, dann kann man das auch. Man muss nur dran glauben.“

Einen besonderen Moment seiner Karriere werde der Bildhauer wohl nicht vergessen – die Enthüllung der Büste des Friedensnobelpreisträgers Carl von Ossietzky in Oldenburg. An dem Festakt im Mai 1996 nahm auch dessen Tochter teil, Rosalinda von Ossietzky-Palm. „Als die Büste enthüllt wurde, sah ich, wie ihr die Tränen in die Augen schossen. Das war sehr bewegend.“

Mit Haut und Haar müsse man sich in seine Arbeit hineinknien, um Erfolg zu haben. „Neben dem Talent des Künstlers ist auch der Charakter wichtig“, betont Sihle-Wissel. Dass er seit mehr als 60 Jahren in der Kunstwelt Bestand habe, komme nicht von ungefähr. „Man darf sich nicht entmutigen lassen.“ Künstler sei man sein ganzes Leben. „Man muss sich nur weiterentwickeln.“

Ein Lieblingskunstwerk hat er nicht. Auch keine Trennungsangst. „Ich bin froh, wenn die aus der Welt gehen und ihren Weg finden. Das ist wie mit Kindern“, so der Vater einer Tochter. Mit seinem Lebenswerk sei er zufrieden. „Es ist die Fortsetzung eines kindlichen Spielens im Sandkasten. Das habe ich als kleiner Junge nämlich sehr gern gemacht“, berichtet Manfred Sihle-Wissel. Auch mit 80 Jahren fehle es ihm nicht an Inspiration. „Die fliegt einem zu. Man muss nur offen und bereit sein, sie zu erkennen und zu erhalten.“

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