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Landeszeitung

20. November 2017 | 20:19 Uhr

„Bei Abfall ist alles kompliziert“

vom
Aus der Redaktion der Landeszeitung

Der Aufsichtsratsvorsitzende der kreiseigenen Entsorgungsgesellschaft erklärt, weshalb das Gebührenaufkommen steigt

shz.de von
erstellt am 04.Mai.2016 | 10:55 Uhr

Die Abfallwirtschaftsgesellschaft des Kreises Rendsburg-Eckernförde (AWR) expandiert. Mit steigenden Müllmengen gehen auch die Gebühren in die Höhe. Über die Hintergründe sprach LZ-Redakteur Tilmann Post mit dem AWR-Aufsichtsratsvorsitzenden Hans-Jörg Lüth.

Die Abfallgesellschaft und ihre Tochterfirmen scheinen im Geld zu schwimmen – in den vergangenen Jahren stieg das Gebührenaufkommen stetig an. Wie sieht die Entwicklung aus?

Die AWR hatte 2012 rund 13,4 Millionen Euro zur Verfügung, 2013 waren es 14,5 Millionen, dann ist der Betrag bis 2015 auf 16,2 Millionen Euro gestiegen. 2016 rechnen wir mit 16,1 Millionen Euro. Es handelt sich um Bruttobeträge, 19 Prozent Umsatzsteuer sind enthalten.

Weshalb muss die AWR ständig mit mehr Geld versorgt werden?

Die Steigerung von 2013 auf 2014 geht auf größere Mengen Bioabfall zurück, die eingesammelt und verarbeitet werden mussten. Dadurch entstanden höhere Kosten. Gleichzeitig sind, und das ist ein wesentlicher Punkt, die Erlöse aus dem Verkauf von gesammeltem Altpapier gesunken. Damals gab es einen konjunkturbedingten Preisverfall. Im Verkauf von Wertstoffen bringt der Bereich Papier, Pappe und Kartonagen am meisten, denn Altmetall haben wir kaum noch. 2014 haben wir begonnen, die Regelbiotonne einzuführen, deshalb sind die Kosten in dem Jahr noch einmal auf 14,9 Millionen Euro gestiegen. Voll durchgeschlagen sind die Kosten dafür im Jahr 2015, deshalb die Steigerung von 14,9 auf 16,2 Millionen Euro. Hinzu kam der Beitrag zur Deponierücklage, der wegen geringer Zinsen am Kapitalmarkt höher ausfiel.

Wie wird das Gebührenaufkommen berechnet?

Die AWR kalkuliert zunächst, was sie an Ausgaben zu erwarten hat. Dazu zählt etwa der Materialaufwand für beispielsweise Restmülltransport, Sortierung und Recyclinghöfe. Der machte 2015 fast 18 Millionen Euro aus. Die Personalkosten mit 990  000 Euro und auch weitere Positionen wie Abschreibungen sowie Steuern kommen ebenfalls hinzu. Von diesen Kosten (2015: 21,5 Millionen Euro) werden Erlöse abgezogen, zum Beispiel aus dem Wertstoffverkauf und Entsorgungsverträgen mit anderen Kreisen. 2015 waren das knapp acht Millionen Euro. Dieser Posten setzt sich aus vielen Einzelbeträgen zusammen, denn bei Abfall ist alles kompliziert. Hinzu kommt jedoch wieder der Gewinnzuschlag der AWR, den wir ausweisen müssen, weil wir als Wirtschaftsunternehmen sonst Schwierigkeiten mit dem Finanzamt bekommen würden. Das sind seit Jahr und Tag 50  000 Euro. Unter Berücksichtigung der Umsatzsteuer bleibt ein Betrag übrig, der aus den Entgelten der Haushalte bezahlt wird. 2015 waren das eben 16,2 Millionen Euro.

Die Gebühren für die Verbraucher sinken also, je mehr Abfälle die AWR verwerten kann?

Richtig. Restmüll zu entsorgen ist am teuersten. Der besteht unseren Analysen zufolge aber noch immer zu rund 40 Prozent aus verwertbarem Abfall, etwa aus Speiseresten oder Papier. Jeder kann sparen, wenn er die Restmüllmenge verringert, indem er seinen gesamten Bioabfall auch wirklich in die braune Tonne beziehungsweise Papier in die blaue Tonne wirft. Dadurch kann er auf einen kleineren Restmüllbehälter umsteigen oder ihn nur alle vier statt alle zwei Wochen leeren lassen. Durch höhere Erlöse beim Wertstoff kann die AWR wiederum den Entgelt-Anteil drücken.

Könnten Sie diesen Anteil nicht ohnehin weiter senken?

Kaum. Im Landesvergleich haben wir bereits sehr geringe Entgelte. Dass wir gut wirtschaften, zeigt sich auch darin, dass wir Ausschreibungen zur Müllverwertung aus anderen Städten und Kreisen gewonnen haben, zuletzt über 4000 Tonnen Bioabfall aus Neumünster und dem Kreis Plön. Zudem bieten wir zahlreiche Leistungen an, das ist genauso wichtig. Wir betreiben elf Recyclinghöfe, das heißt jeder Bürger kann jederzeit in seiner Nähe Abfälle loswerden, meist sogar gebührenfrei. Dazu haben wir zweimal jährlich kostenlose Grünabfuhr eingeführt sowie Tannenbaum- und Sperrmüllentsorgung. Diese Zusatzleistungen hätten wir zwar streichen und damit die Gebühren senken können. Das ist aber eine Milchmädchenrechnung. Denn entscheidend ist, dass der Abfall keine Belastung für die Bürger ist. Schließlich ist der Kreis laut Gesetz als Entsorgungsträger verpflichtet. Für die Gebührenzahler ist es günstiger, dass die AWR Aufgaben selbst übernimmt, anstatt alle Leistungen an private Unternehmen zu vergeben. Deren Gewinne würden die Entgelte nämlich nicht drücken. Dadurch kann die AWR die Entsorgung günstiger anbieten.

Wann kommt die nächste Gebührenanpassung auf die Haushalte zu?

Wir kalkulieren immer auf zwei Jahre, Schwankungen in der Zwischenzeit gleichen wir über unsere Rücklage aus. Das nächste Mal passen wir im Jahr 2017 an. Ob die Gebühren steigen oder sinken, hängt von vielen Faktoren ab. Etwa von der Entwicklung der Personalkosten, des Dieselpreises, der Erlöse am Wertstoffmarkt – aber eben auch davon, ob möglichst viel Bioabfall in der braunen Tonne landet statt im Restmüll. Dafür kann jeder etwas tun.

In diesem Jahr investiert die AWR am Standort Borgstedt eine Rekordsumme...

Das stimmt, sieben Millionen Euro fließen in eine neue Anlage, mit der wir 80  000 Tonnen Bioabfall pro Jahr behandeln können. Überhaupt sind wir ein großer Wirtschaftsfaktor in der Region, denn seit 2008 haben wir rund 27 Millionen Euro investiert. Dabei achten wir darauf, dass möglichst viel an Betriebe aus der Region vergeben wird. So werden Arbeitsplätze vor Ort erhalten.

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