Waldkindergarten in Rendsburg : Behörden-Posse um eine Holzhütte für Kinder

Spielzeug, Lebensmittel, Getränke: Für die nötigsten Dinge, die die Waldkinder im Gerhardshain benötigen, steht Betreuerinnen und Eltern nur ein Bollerwagen zur Verfügung.
Spielzeug, Lebensmittel, Getränke: Für die nötigsten Dinge, die die Waldkinder im Gerhardshain benötigen, steht Betreuerinnen und Eltern nur ein Bollerwagen zur Verfügung.

Der Waldkindergarten möchte eine Hütte aus Holz für Schützlinge bauen. Doch die Behörden verweigern das.

shz.de von
24. Januar 2017, 15:24 Uhr

Rendsburg | Fünf mal fünf Meter ist die Hütte groß, die der Waldkindergarten „Die Tummetotts“ auf einer Wiese neben dem Gerhardshain in Rendsburg errichten will. Es soll ein schlichtes Bauwerk sein – komplett aus Holz, ohne Stromanschluss, ohne Heizung, ohne fließend Wasser. Der Verein „Kind und Demokratie“ als Träger des Freilufthorts will für seine drei- bis sechsjährigen Schützlinge einen Rückzugsort schaffen, in dem sie sich bei kräftigem Regen unterstellen oder mal die Kleidung wechseln können. Doch dieser Plan steht vor dem Scheitern. Mit Schreiben vom 13. Januar an Vereinsvorstand Martin Richter-Soyka hat die städtische Bauaufsicht den Bau der Hütte abgelehnt.

Das Rathaus beruft sich auf Vorschriften des Landes und konkret den Paragraphen 35 des Baugesetzbuches. Darin ist geregelt, welche Bauten im sogenannten Außenbereich einer Gemeinde zulässig sind. Am Gerhardshain wären demnach beispielsweise Einrichtungen für einen land- oder forstwirtschaftlichen Betrieb erlaubt oder für die Energiewirtschaft. Die Schutzhütte für die Kinder fällt nach Auffassung der Bauaufsicht nicht darunter. Zudem würde das Bauwerk dem Flächennutzungsplan widersprechen. Dieser weist die Wiese neben dem Gerhardshain als landwirtschaftliche Fläche aus. Die Beamten vertreten die Ansicht, dass durch die Hütte eine „Beeinträchtigung öffentlicher Belange“ gegeben sei. Das Bundesnaturschutzgesetz bemühen sie in ihrer Begründung ebenfalls. Auch aus Gründen des Naturschutzes und der Landschaftspflege sei das Vorhaben abzulehnen.

Im Trägerverein des im November eröffneten Waldkindergartens versteht man die Welt nicht mehr.

„Für uns ist das ein herber Rückschlag“, sagt Vorstand Richter-Soyka. Bis zur Ablehnung der Bauvoranfrage war alles gut gegangen. Das Elterninteresse am Kindergarten ist groß. Zum 1. Februar werden die letzten beiden von insgesamt 16 Plätzen im ersten Betriebsjahr (18 Plätze ab 2018) vergeben sein. Auch bei der Planung der Hütte lief anfangs alles glatt. Der Pächter der städtischen Wiese neben dem Wäldchen (Richter-Soyka: „Das ist ein sehr netter Herr“) wollte einen Teil seiner Fläche für die Hütte zur Verfügung stellen. Die Liegenschaftsabteilung des Rathauses erklärte sich bereit, den Pachtvertrag entsprechend zu ändern. Und die Eltern der „Waldkinder“ brachten 8000 Euro auf, um das Baumaterial für die Hütte zu kaufen. Dann traf der ablehnende Bescheid der Bauaufsicht ein.

Konstanze Kubiessa, deren vierjähriger Sohn Juri den Waldkindergarten besucht, ist „fassungslos“ und übt scharfe Kritik an der Stadt: „Hier wird billigend in Kauf genommen, dass sich das Projekt totläuft.“ Für die Eltern habe eine Zeit der Ungewissheit begonnen. Zwar gibt es für die Kinder bei extremen Wetterlagen einen Schutzraum im Nordkolleg. Doch die behördlichen Auflagen sind so streng, dass sich die Kinder dort nicht einmal umziehen dürfen, weil das Domizil nicht den Anforderungen an einen behördlich genehmigten Kindergartenraum entspricht. Um nasse Kleidung gegen trockene zu tauschen, bliebe also nur die Hütte am Waldrand. Kann der Kindergarten auch ohne Hütte weiterbestehen? Martin Richter-Soyka: „Darüber haben wir noch nicht gesprochen.“

Bürgermeister Pierre Gilgenast hat Verständnis für den Wunsch des Kindergartens nach einer Schutzhütte. „Baurechtlich ist das allerdings sehr schwierig, ich bedauere, dass ich so entscheiden musste“, sagt er und spielt den Ball weiter an die Landesregierung. Diese habe im Jahr 2014 mit einem „Klarstellungserlass“ dafür gesorgt, dass einem klassischen Waldkindergarten weder eine Hütte noch ein Bauwagen genehmigt werden könne. Gilgenast kritisiert diesen Erlass. Am einfachsten wäre es, so der Bürgermeister, wenn das Land diese Vorschrift ändern würde. Sein Vorschlag: Im Außenbereich einer Gemeinde müssten auch Einrichtungen erlaubt sein, die sozialen Zwecken dienen.

Vereinsvorstand Richter-Soyka hofft auf Hilfe aus der Politik. Man wolle die Mandatsträger aus der Region bitten, ihren Einfluss in Kiel geltend zu machen. Zum Auftakt kommt am kommenden Freitag der CDU-Landtagsabgeordnete Hans Hinrich Neve. Er informiert sich bei einem Ortstermin über die Sorgen der „Tummetotts“. Am Dienstag, 31. Januar, hat der städtische Bauausschuss das Thema auf der Tagesordnung. Er befasst sich mit dem Antrag des Waldkindergartens, für die Wiese neben dem Gerhardshain einen Bebauungsplan aufzustellen, um eine Grundlage für den Bau der Hütte zu schaffen. Das Rathaus empfiehlt den Politikern, diesen Antrag abzulehnen.

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