Kein Platz für Artisten und Esel : Behörde vertreibt Zirkus-Familie

Versuchen, optimistisch zu bleiben: Barbara (52) und Harry  (59) Hecker.
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Versuchen, optimistisch zu bleiben: Barbara (52) und Harry (59) Hecker.

Sechs Jahre lang war das Grundstück an der B77 das Winterquartier von Circus Hecker. Aber eine Anzeige rief die Untere Bauaufsichtsbehörde des Kreises auf den Plan. Jetzt müssen sich die Heckers innerhalb von fünf Monaten eine neue Bleibe suchen.

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17. März 2014, 09:30 Uhr

Einen Seiltanz haben die Heckers nicht in ihrem Zirkusprogramm. Doch einen Drahtseilakt um Definitionen beschert ihnen nun ein Schreiben von der Unteren Bauaufsichtsbehörde des Kreises: Fünf Seiten mit Begründungen und Paragraphen, warum die Heckers nicht mehr in Jevenstedt an der B77 mit ihren Wagen stehen dürfen. Das bedeutet: Harry und Barbara Hecker sind demnächst heimatlos.

Seit sechs Jahren hat Circus Hecker an der Bundesstraße sein Stammquartier – das heißt, die Eheleute sind in der Gemeinde polizeilich gemeldet und verbringen auf dem Grundstück den Winter (die Landeszeitung berichtete). Warum auf einmal nicht erlaubt sein soll, was viele Jahre den örtlichen Behörden bekannt war, irritiert das Ehepaar. Sie kennen einen Vertreter der Baubehörde persönlich, der dort auch schon das Baubuch für ihr Zelt ausgestellt hat. Auch der Veterinär war auf dem Grundstück, hat Ziegen, Esel und Rind für gesund erklärt und die Haltung mit Adresseintrag genehmigt. „Dem Kreis und der Gemeinde war bekannt, dass wir hier unseren Stammplatz haben“, wundert sich das Ehepaar.

Eine Anzeige („Antrag auf bauaufsichtliches Einschreiten“) sei der Grund für die amtlichen Aktivitäten, erklärt Britta Siefken, die Leiterin der Bauaufsichtsbehörde des Kreises. Darum habe es am 14. Januar dieses Jahres eine Ortsbesichtigung gegeben. Der Ort trägt die Adresse Spannan 25: Ein hoher Drahtzaun mit einem Briefkasten, dahinter eine kleine gepflasterte Fläche mit einem Verstärkerhäuschen, das ehemals der Deutschen Bundespost gehörte, sowie eine große Wiese. „Gemäß § 35 des Baugesetzbuches . . . sind im Außenbereich bauliche Anlagen nur dann zulässig, wenn öffentliche Belange nicht entgegen stehen“, schreibt die Behörde. Das sei aber hier der Fall, da das Gebiet von der Gemeinde Stafstedt als Fläche für die Landwirtschaft ausgewiesen wird. Damit seien Stromnutzung und das Abstellen von Wagen nicht erlaubt. Was für Harry Hecker schwer nachzuvollziehen ist. „Ein Landwirt stellt seine Fahrzeuge doch auch auf landwirtschaftlichem Gebiet ab.“ Das Gegenargument von Britta Siefken: „Herr Hecker ist kein Landwirt.“

Nun hat diese Auseinandersetzung allerdings auch ein Vorspiel. Eigentümer des Grundstücks ist Bernd Eichstedt. Als er seinen „Caravanpark Spann an“ um eine Werkstatt erweitern wollte, wurde ihm dies gerichtlich untersagt. Eichstedt siedelte in das Gewerbegebiet von Osterrönfeld um. „Der Außenbereich muss von Bebauung geschont werden“, erklärt Behördenleiterin Siefken.

Häuser nein – Wagen ja, heißt das für Eichstedt und Heckers. Doch die Untere Bauaufsichtsbehörde winkt ab: Wagen seien auch bauliche Anlagen, „wenn die Anlage durch eigene Schwere auf dem Boden ruht oder wenn die Anlage nach ihrem Verwendungszweck dazu bestimmt ist, überwiegend ortsfest genutzt zu werden“. Fast muss Harry Hecker grinsen. „Die Wagen sind leichter als sie aussehen.“ Und ortsfest seien sie auch nicht: „Wir sind ein Wanderzirkus“ und damit in neun von zwölf Monaten unterwegs. Doch das Amt erweitert seine Definition: „So fallen Zirkus- und Wohnwagen bereits unter den Begriff der baulichen Anlagen, da sie regelmäßig auf dem Grundstück abgestellt werden.“

Eine weitere Begründung für das Verbot lautet: Es könnte Nachahmer geben. Befürchtet wird auch, dass eine „Splittersiedlung“ entstehen könnte – das ist im Außenbereich eine Ansammlung von Gebäuden, so Siefken. „Wir mussten einschreiten, weil die öffentlichen Belange ein höheres Gewicht haben“ als die privaten Interessen, begründet die Leiterin der Bauaufsichtsbehörde das Verbot. Zwar ist in dem Schreiben mehrfach von einem Ermessensspielraum die Rede – die Behörde „kann“ die Nutzung der Anlagen untersagen, muss aber nicht. Doch Siefken widerspricht: „Die Sache ist eindeutig, von unserer Seite gibt es kein Ermessen.“

Heckers wollen die Vorwürfe nicht unwidersprochen lassen, jonglieren statt mit Fackeln mit Paragraphen. Was für Harry Hecker nicht ganz neu ist, als Gewerbetreibender muss er sich mit vielen Vorschriften auskennen. So weiß er: In Wohngebieten darf er mit seinem Zirkus nicht stehen, weil er ein Gewerbe betreibt. In Gewerbegebieten aber auch nicht, denn dort sind Nutztiere nicht erlaubt. „Wo sollen wir dann stehen?“, fragt sich Ehefrau Barbara. „In Haby und Holtsee haben wir früher auch auf landwirtschaftlichem Gelände gestanden.“ Die Artistin bringt der Seiltanz inzwischen um den Schlaf – denn ein Netz gibt es nicht.

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