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Rendsburg-Eckernförde : Bald keine Hausgeburten mehr?

vom
Aus der Redaktion der Landeszeitung

Hebammen können die hohen Haftpflichtprämien ihrer Versicherungen kaum noch bezahlen. Deshalb gibt es immer weniger außerklinische Geburtshelferinnen im Kreis. In diesem Jahr steht eine neue Erhöhung auf 5090 Euro an.

shz.de von
erstellt am 10.Jan.2014 | 19:20 Uhr

Für Nicole Sutter (31) hätte es keine entspanntere Geburt geben können: Die Bredenbekerin brachte ihren Sohn Fiete zu Hause zur Welt, gut betreut von zwei Hebammen. Das war am 1. Januar um 12.43 Uhr, damit ist der Säugling ein echtes Neujahrsbaby. Doch schon in diesem Jahr kann es soweit kommen, dass Mütter im Kreis Rendsburg-Eckernförde nicht mehr die Möglichkeit haben, ihre Kinder zu Hause zur Welt zu bringen: Zum 1. Juli erhöhen die Versicherungen die Haftpflichtprämien für freiberufliche Hebammen erneut um 20 Prozent. Der Betrag erhöht sich damit auf 5090 Euro im Jahr. Das kann jedoch kaum eine Hebamme bezahlen.

Die junge Familie aus Bredenbek mit Vater Johannes (30), Mutter Nicole und dem zweieinhalbjährigen Matti würde auch nach der Geburt von Fiete wieder auf eine Hausgeburt setzen. Die Familienplanung ist noch nicht zu Ende. „Mir ist es wichtig, dass mich die gleiche Hebamme bis zur Geburt begleitet“, sagt Nicole Sutter. Zudem gehe die Ruhe verloren, wenn es unter Wehen kurz vor der Geburt zu einer stressigen Autofahrt in die Klinik komme. Das kann laut Hebamme Anke Baß durch den Adrenalinschub sogar hemmend wirken. Sie hatte Nicole Sutter mit ihrer Kollegin Annkathrin Brien bis zur Geburt begleitet.

Diese Betreuung hat ein Ende, wenn sich die Beiträge weiter steigern. Nach Angaben der Kreisdelegierten Maike Pagel-Feldmann vom Hebammenverband Schleswig-Holstein arbeiten rund 60 freie Hebammen in Rendsburg-Eckernförde. Sie mussten im vergangenen Jahr bereits einen Anstieg auf 4242 Euro hinnehmen. 2015 soll der Beitrag 6200 Euro erreichen. Dabei habe er vor zehn Jahren noch unter eintausend Euro gelegen, sagt Anke Baß. Die Hebammen sind jedoch von dem Angebot abhängig, weil nur noch ein Konsortium aus mehreren Versicherungen eine Gruppenhaftpflichtversicherung anbietet. „Die Prämien steigen jährlich um rund 20 Prozent, aber unsere Gebühren werden nicht um den jeweilen Anteil erhöht“, sagt Maike Pagel-Feldmann. Im Tagtarif bekommen sie für eine Hausgeburt von den Krankenkassen 707 Euro, für eine Entbindung im Geburtshaus sind es 563 Euro. Beleghebammen, die ebenfalls freiberuflich arbeiten, erhalten 293 Euro für eine Geburt in der Klinik. Demnach muss eine Hebamme ab dem 1. Juli über sieben Hausgeburten begleiten, um allein die Versicherungsprämie zu stemmen. Dabei gehe es nicht nur um den Geburtstermin selbst, sondern auch um die Betreuung davor und danach. Dazu komme die ständige Rufbereitschaft.

„Mit 50 bis 60 Geburten pro Jahr arbeiten wir am Limit“, sagt Anke Baß. Wie Annkathrin Brien und die meisten ihrer Kolleginnen bietet sie auch Klinikgeburten als Beleghebamme in der Eckernförder Imland-Klinik an. Dort herrsche ebenfalls Unsicherheit. Erst vor kurzem war die Schließung der Geburtsstation abgewehrt worden. „Nachdem wir schon so viel geleistet haben, zehren nun die Beitragserhöhungen an unseren Kräften“, so Baß. Am Rendsburger Standort hingegen arbeiten nur angestellte Hebammen. Sie sind über die Klinik versichert.

„Hebammen, die im Kreis ausschließlich außerklinische Geburtshilfe anbieten, kann ich inzwischen an einer Hand abzählen“, sagt Maike Pagel-Feldmann. Auch ihre eigene Grenze sei fast erreicht: „5090 Euro geht gerade noch, bei 6200 Euro kann ich nicht mehr als Hebamme arbeiten. Das wäre dann nur noch ein teures Hobby.“ In vielen Kreisen des Landes gebe es schon keine Möglichkeit mehr, zu Hause zu entbinden.

Die hohen Versicherungssummen kommen zustande, weil bei Komplikationen mit gesundheitlichen Folgen für das Kind inzwischen nicht nur ein Schmerzensgeld, sondern auch der Ausfall von Verdienst und damit die Renten-und Krankenkassenbeiträge berücksichtigt werden, so Pagel-Feldmann. „Dabei ist das Risiko bei Hausgeburten am geringsten.“ Denn Schwangere, bei denen Komplikationen zu erwarten sind, werden gleich an die Klinik verwiesen. Nun will sich der Hebammenverband für eine staatlich organisierte Versicherung einsetzen.

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