zur Navigation springen

Windkraft : „Ausbau ohne Sinn und Verstand“

vom
Aus der Redaktion der Landeszeitung

In Nortorf warnt die Wirtschaft vor einem massiven Ausbau der Windkraftanlagen rund um die Stadt.

In der Region Nortorf gibt es heftigen Widerstand gegen die Absicht der Landesplanung, den Bau weiterer Windkraftanlagen zu gestatten. Der Nortorfer Gewerbeverein ließ einen Flyer verteilen, der den Bürgern das ganze Ausmaß der Pläne zeigen soll – und erhält dafür positive Resonanz. Einige Unternehmer fürchten, dass die neuen Anlagen das Wachstum der Stadt Nortorf abschnüren und auch wirtschaftlich zur Flaute führen. Am Dienstagabend um 19.30 Uhr findet zum Thema eine Einwohnerversammlung im Holsteinischen Haus in Nortorf statt. Am Tag darauf haben die Gemeinden Timmaspe, Gnutz und Schülp zu einer gemeinsamen Versammlung in den Gasthof „Zur Gnutzer Mühle“ eingeladen (Mittwoch, 19 Uhr).

Die Broschüre soll die Bürger informieren. Aber sie soll sie auch dazu bewegen, Stellung zu beziehen, sagt Klaus Pommrehn vom Verein für Handel, Handwerk und Industrie (VHHI). So soll der Flyer, der im ganzen Amt Nortorfer Land sowie in Aukrug und Westensee verteilt wurde, keine Wertung für oder gegen die Windenergie sein, sondern das Prozedere anprangern. „Die Brisanz des Themas wurde bislang unterschätzt“, sagt der Vorsitzende. Würden die Pläne ohne Änderungen umgesetzt, wäre Nortorf von Windanlagen umzingelt. Der VHHI übernehme dabei eine aktive Rolle der Bürgerinformation, die Pommrehn eigentlich bei der Verwaltung gesehen hat. Die betroffenen Gemeinden des Amtes haben das Planungsbüro Elbberg aus Hamburg engagiert, das die Kriterien der in Aussicht gestellten Flächen genau prüfen sollte. Die Ergebnisse sollen unter anderem auf der Einwohnerversammlung am Dienstag vorgestellt werden. Dass das Thema ein Aufreger wird, zeigt sich allein in der Ortswahl. Da ein großer Saal in einer Gastwirtschaft gebucht und nicht wie üblich der Sitzungssaal im Rathaus gewählt wurde, spricht dafür, dass die Verwaltung eine zahlreiche Zuschauerschar erwartet. Seit Erscheinen der Broschüre sei er schon mehrfach von Nortorfern angesprochen worden, meint Pommrehn: „Viele konnten gar nicht glauben, wie die neuen Pläne aussehen sollen.“

Auch Unternehmer Timm Tietje aus Nortorf sieht die Windkraftpläne kritisch. Es werde hier ohne Sinn und Verstand gehandelt. Da es momentan weder eine Möglichkeit gebe, die Energie zu speichern noch sinnvoll weiterzuleiten, da die Trassen dafür fehlten, sei der Bau der neuen Anlagen für ihn unsinnig, Wenn es so weitergehe mit dem Ausbau, sehe es um Nortorf bald aus wie in Dithmarschen, wo ein Windrad neben dem anderen steht.

Auch an der Höhe der Anlagen stört sich der Spediteur. Zwar sollen die größeren Anlagen effizienter sein, aber dafür beeinträchtigten sie auch viel deutlicher das Umfeld. Mit einer Höhe von bis zu 220 Metern seien die neuen Windräder mehr als doppelt so hoch wie die Anlagen der ersten Generation, wie sie damals in Bokel-Ellerdorf gebaut worden sind. Der Raiffeisenturm habe damals nicht höher gebaut werden dürfen, damit das Gebäude nicht den Turm der St.-Martins-Kirche überrage, sagt Tietje. Nun überragen die bestehenden Windanlagen das Wahrzeichen der Stadt deutlich. Der Kirchturm ist nur 56 Meter hoch. In Bayern seien diese 220 Meter-Anlage deutlich schwieriger zu realisieren, meint der Unternehmer. Dort gelte die Formel „Höhe mal zehn“ als Abstand zur Wohnbebauung. Werde dort eine Anlage mit einer Höhe von 220 Metern gebaut, müsse sie mindestens 2,2 Kilometer von Siedlungen entfernt stehen. In Schleswig-Holstein liege der Abstand zu Siedlungen lediglich bei 800 Metern und zu Außenhöfen oder Splittersiedlungen bei 400 Metern.

Genau das trifft bei Michael und Maren Adam zu. Steht das Ehepaar auf der eigenen Terrasse, ist das Brummen der Windräder deutlich zu hören. Die Adams wohnen auf einem Resthof zwischen Gnutz, Nortorf und Timmaspe. Rund 400 Meter vom Haus entfernt dreht sich eines der vier Windräder des Windparks Schülp. „Heute ist ein sehr ruhiger Abend. Es ist nahezu windstill“, meint Maren Adam (45). Je nach Witterung verändere sich die Belastung für die Familie. So sei es am schlimmsten, wenn es sehr windig oder neblig ist. Mitunter höre sich der Lärm der Rotoren dann wie eine Waschmaschine an, die in einiger Entfernung in den Schleudergang schaltet.

Auch der Schattenschlag der Windräder beeinträchtigt die Idylle auf dem Resthof. „Wenn im Sommer die Sonne ungünstig steht, fallen die Schatten direkt in unser Wohn- und Esszimmer“, sagt Michael Adam (46), „man fühlt sich dann, als wäre man betrunken.“ Oder als würde jemand einem immer mit der Hand vor den Augen herumfuchteln. Dabei habe die Familie das Haus vor zehn Jahren gekauft, um ein Idyll auf dem Land zu haben. „Weg ziehen können wir nun auch nicht mehr“, meint Maren Adam. Das Haus habe durch die Windkraftanlagen in der Nachbarschaft drastisch an Wert verloren. Es sei schwierig, es jetzt zu verkaufen. „Durch den Mangel an Mitbestimmung beim Bau der Windkraftanlagen fühlt man sich irgendwie enteignet.“ Warum nun weitere Anlagen im Amt gebaut werden sollen, kann Michael Adam nicht nachvollziehen. „Wenn ich sehe, dass die Offshore-Parks noch nicht komplett am Netz sind, dann verstehe ich nicht, warum ich so ein Ding vor der Terrasse haben soll.“

>Einwohnerversammlung Nortorf: Dienstag, 25. April, 19.30 Uhr, Holsteinisches Haus.

>Einwohnerversammlung der Gemeinden Schülp, Timmaspe und Gnutz: Mittwoch, 26. April, 19 Uhr, Gasthof „Zur Gnutzer Mühle“, Gnutz.

zur Startseite

von
erstellt am 24.Apr.2017 | 12:43 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen