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Landeszeitung

17. August 2017 | 15:50 Uhr

Auf den Spuren der NS-Zeit

vom

Matthias Lauer entwickelte einen Stadtrundgang / Die nicht-jüdischen Opfer der Nazis im Blick

Rendsburg | Nicht nur Juden wurden von den Nazis verfolgt und ermordet. Widerstandskämpfer, Zeugen Jehovas, Homosexuelle, Behinderte und sogenannte Asoziale wurden ebenfalls deportiert. Auch in Rendsburg. Auf ihre Spuren hat sich in den vergangenen Monaten Matthias Lauer geheftet. Das Ergebnis seiner Forschungsarbeiten sind eine Publikation, neue Stolpersteine und ein Stadtrundgang, den der junge Mann jeden Sonntag im August anbietet.

Beim Gang durch Neuwerk erzählt er beispielsweise die Geschichte von der "Menzelschlacht". Kommunisten und Nazis standen sich in der Baronstraße gegenüber. "Die Arbeiter hatten Angst, dass das Gewerkschaftshaus gestürmt wird", hat der junge Forscher aus alten Unterlagen ermittelt. Rund hundert Personen waren an der Massenschlägerei beteiligt, die ihren Namen nach dem einzigen Opfer erhielt.

Ein NS-Mann namens Menzel starb an den Folgen eines Steinwurfes "und die Nazis haben diesen Vorfall dann propagandistisch ausgeschlachtet" und die Baronstraße in Menzelstraße umbenannt, berichtet der junge Stadtführer, der die Stadtgeschichte der Nazi-Zeit inzwischen bestens kennt.

Dabei ist Matthias Lauer kein promovierter Forscher, sondern Abiturient des Helene-Lange-Gymnasiums. Aber in den vergangenen Monaten hat er ein Freiwilliges Bildungsjahr Politik (FBJ) am Jüdischen Museum absolviert und viele Stunden in den verschiedensten Archiven verbracht. Gemeinsam mit Museumsleiter Christian Walda hatte er die Idee zu dem Forschungsprojekt entwickelt.

"Überwiegend habe ich auf Sekundärliteratur zurückgegriffen", erklärt Lauer. Beistand und Tipps erhielt er von Frauke Dettmer, der ehemaligen Leiterin des Jüdischen Museums, und Rolf Schwarz, einem Hobbyforscher und Lehrer an der Christian-Timm-Schule. Ebenso von Regina-Maria Becker, bei der er im Stadtarchiv die Materialsammlung von Erich Schotten sichtete. Dieser hatte früher schon einmal ein Buch zu der Thematik geschrieben, was wohl aber mangelhaft war und schnell wieder eingestampft wurde. Doch "ich musste nur die Kartons aus den Regalen nehmen", erinnert sich Matthias Lauer und hatte Etliches an Unterlagen vorliegen. Aber auch im Landesarchiv in Schleswig und im Bundesarchiv in Berlin hat er Material gesichtet. Und von der ITS (International Tracing Service) in Bad Arolsen ließ er sich Informationen über Personen schicken, von denen er lediglich die Namen ermitteln konnte.

Aufgrund von Matthias Lauers Forschungen gibt es nicht nur einen Stadtrundgang, sondern auch 13 neue Stolpersteine - elf in Rendsburg, einen in Büdelsdorf und einen in Schacht-Audorf. Außerdem eine Publikation, die die Aspekte Widerstand, Gleichschaltung, Orte der Propaganda und Repression beleuchtet. Zunächst hatte er sich vor allem auf den Widerstand gegen Nationalsozialisten fokussiert. "Anfangs gab es noch Möglichkeiten, der Ausgrenzung zu begegnen", weiß er und erzählt die Begebenheit aus dem Geschäft der Gortatowskis in der Hohen Straße: Der Geschäftsmann hatte Kontakt zu linken Kreisen. Etliche seiner Bekannten suchten am 1. April 1933, dem Tag des Judenboykotts, das Geschäft auf und trugen bei Hinausgehen demonstrativ Schuhkartons. Die waren leer, denn die Helfer hatten kein Geld. Aber die Botschaft war klar: Seht her, wir kaufen hier ein!

Politik und Geschichte interessieren Matthias Lauer. So wird er ab September voraussichtlich in Leipzig Ethnologie studieren. Denn die Flüchtlingsproblematik, der er sich widmen möchte, ist vor allem im Mittleren und Nahen Osten akut.

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erstellt am 03.Aug.2013 | 05:59 Uhr

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