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Funde zwischen Hohenwestedt und Grauel : Archäologen legen 1700 Jahre altes Haus germanischer Siedler frei

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die Funde an der Gemeindegrenze sind eine mittlere Sensation. Denn sie sind im Kreis Rendsburg-Eckernförde sehr selten.

shz.de von
erstellt am 26.Mai.2017 | 18:49 Uhr

Hohenwestedt/Grauel | Vor etwa 1700 Jahren errichteten germanische Siedler an der Stelle, wo heute die Gemeindegrenze zwischen Hohenwestedt und Grauel verläuft, ein 28 mal fünf Meter großes Wohnstallhaus sowie Verhüttungsöfen zur Eisenherstellung. Für die Experten vom Archäologischen Landesamt Schleswig-Holstein ist dieser Fund eine mittlere Sensation, denn Langhäuser aus dieser Epoche sind insbesondere im Kreis Rendsburg-Eckernförde extrem selten. Da, wo die Gemeinde Hohenwestedt im Herbst weitere zehn Hektar Gewerbefläche erschließen will, hat jetzt eine sogenannte „Hauptuntersuchung“ des Archäologischen Landesamts begonnen.

Bei einer „Voruntersuchung“ im vergangenen September hatten die Archäologen mehrere Hinweise auf Wohnhäuser und Verhüttungsöfen entdeckt. „Die Funde bei der Voruntersuchung waren so bedeutend, dass sie eine zweimonatige Hauptuntersuchung rechtfertigen“, erklärt Marc Kühlborn von der Neumünsteraner Zweigstelle des Archäologischen Landesamts. Als Verdachtsfläche auf ihrem Radar hatte die Obere Denkmalschutzbehörde das Areal, seit dort in den 1950er-Jahren im Zuge einer landesweiten Dokumentation Tonscherben und andere Siedlungsspuren gefunden worden waren. Die Hauptuntersuchung sei für die Experten wie die „einmalige Chance, in ein Buch reinzugucken, das danach für immer verschwunden sein wird“, sagt Kühlborn.

Begeistert vom Hallenhaus-Fund: Ortsmanager Jan Butenschön, Bürgermeister Holger Bütecke (Hohenwestedt), Bürgermeister Dierk Ruhsert (Grauel) und Gemeindewerke-Geschäftsführer Kay Fischer (von links).
Begeistert vom Hallenhaus-Fund: Ortsmanager Jan Butenschön, Bürgermeister Holger Bütecke (Hohenwestedt), Bürgermeister Dierk Ruhsert (Grauel) und Gemeindewerke-Geschäftsführer Kay Fischer (von links). Foto: Hans Jürgen Kühl
 

Anhand der Pfostengruben, die sie an den Stellen freigelegt haben, wo die germanischen Siedler Holzpfosten für ihr Bauwerk in den Boden rammten, können die Archäologen den Standort des einstigen Wohnstallhauses genau bestimmen. „Es handelt sich dabei um eine Vorstufe des typisch niederdeutschen Hallenhauses“, erläutert Kühlborn, „das ist für uns spannend, denn für den Kreis Rendsburg-Eckernförde sind Funde von solchen kompletten Häusern aus dieser Zeit ganz selten.“

Den Zeitpunkt, an dem die Siedler eine Anhöhe in der Nähe der Quelle der Wapelfelder Au zu ihrem neuen Zuhause erkoren, können die Wissenschaftler ebenfalls ziemlich genau datieren. „Die Öfen stammen aus dem vierten Jahrhundert nach Christus, die Behausungen aus dem vierten bis fünften Jahrhundert“, so Kühlborn. Noch exakter könnte man das Alter der Siedlung bestimmen, wenn man verkohlte botanische Reste findet, die man dann für eine Radiokohlenstoffdatierung nutzen könnte.

Die gegrabenen Löcher zeigen, wo die Holzpfosten eines germanischen Wohnstallhauses standen.
Die gegrabenen Löcher zeigen, wo die Holzpfosten eines germanischen Wohnstallhauses standen. Foto: Hans Jürgen Kühl
 

„Dass unsere Altvorderen auf dieser Fläche auch schon Eisen produziert, also Gewerbe betrieben haben, zeigt uns, dass es genau richtig ist, hier Gewerbeflächen auszuweisen“, sagt Bürgermeister Holger Bütecke mit einem Augenzwinkern. Als die Gemeinde Hohenwestedt vor 20 Jahren ihr Gewerbegebiet Böternhöfen startete, hat sie der Nachbargemeinde Grauel vorausschauenderweise auch schon die zehn Hektar abgekauft, auf denen jetzt die neuen Gewerbeflächen entstehen sollen. „Die Entwicklung dieser Fläche wird durch die Ausgrabungen des Landesamts nicht verzögert oder sonst irgendwie behindert“, betont der gemeindliche Projektmanager für Wirtschaftsförderung und Ortsentwicklung, Jan Butenschön.

Ende Juni wollen die Archäologen ihre Dokumentation der Siedlungsspuren abgeschlossen haben. „Dann haben wir erforscht, was wir wissen sollen“, erklärt Kühlborn, „wenn bei späteren Bauarbeiten was ganz Bedeutendes zu Tage befördert wird – also so was wie eine zweite Himmelsscheibe von Nebra – müssten wir noch mal wiederkommen, aber das ist relativ unwahrscheinlich.“

Der Museumsverein Hohenwestedt stattete der Ausgrabungsstätte bereits einen Besuch ab, bei dem Kassenwart Rolf Wohlers den Wissenschaftlern einen Tipp gab, wofür eine gerade freigelegte Siedlungsgrube wohl gedient haben könnte („zum Bierkaltstellen“), und Matthias Köster seine ehrenamtliche Mitarbeit anbot. Schulklassen und andere Gruppen können mit Jan Butenschön (Telefon 04871/768723, E-Mail: j.butenschoen@gemeindewerke-hohenwestedt.de) einen Besichtigungstermin vereinbaren.

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