Arbeiter-Pause Net-Working Lebens-Retter

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29. Mai 2015, 11:26 Uhr

Die schlafmützigen Arbeiter der Kanaltunnel-Baustelle sind ihrem schlechten Ruf in dieser Woche wieder voll gerecht geworden. Was ist mit diesen Jungs bloß los, dass sie sich allesamt in Zeitlupe bewegen? Die Krönung der Langsamkeit: An der Nordrampe konnte man am Mittwoch einen entspannten Arbeiter dabei beobachten, wie er gelassen und ganz allein die Verschalung eines Bauteils herrichtete. Tags darauf schien die Verschalung immer noch nicht fertig zu sein, aber der Arbeiter war verschwunden. Auf der Südrampe – die Uhr zeigte 10.45 Uhr an – bot sich auf den ersten Blick das gleiche Bild. Kein einziger Mensch auf der Baustelle. Aber man hat ja im Stau genügend Zeit, sich das Drama anzusehen, wenn man im Schneckentempo in den Tunnel hinein- und auf der anderen Seite wieder herausfährt. Zwei Arbeiter an der Südrampe hatten wir doch glatt übersehen. Zu unserer Ehrenrettung muss gesagt werden, dass sie hinter ihrer spiegelnden Windschutzscheibe kaum zu erkennen waren. Sie saßen in ihrem Baufahrzeug – und machten Pause.

Kaufleute und Verwaltungsmenschen haben eine Freude daran, neue Wörter zu erfinden. Leider Gottes geht das meist in die Hose. Man denke an den Begriff Kindergarten. Dieser ist so schön, dass er sogar von den Amerikanern verwendet wird. Doch der Kindergarten war den deutschen Verwaltungsleuten wohl zu langweilig. Sie entwickelten das Ungetüm „Kindertagesstätte“. Merkwürdig, dass die Amerikaner das noch nicht übernommen haben. Dafür haben wir uns einige Begriffe aus ihrer Sprache einverleibt. Dabei spielt es keine Rolle, ob es Sinn macht. So sind Touristen aus dem englischen Sprachraum immer ganz irritiert, wenn sie durch deutsche Einkaufsstraßen schlendern und ihr Blick nahezu überall auf das Wort „Sale“ fällt. In der Übersetzung bedeutet es zwar nur „Verkauf“, aber woher sollen das die Deutschen wissen? Deren Lesart: Wo „Sale“ draufsteht, ist „billig“ drin. Der Preis für die sprachliche Überraschung der Woche geht nach Osterrönfeld. Mehr als 200 Fachleute nahmen am Schleswig-Holsteinischen Hafentag im Rendsburg Port teil. Erst hörten sie sich Vorträge an, dann war Zeit für Gespräche. Letzteres klingt gewöhnlich. Wohl deswegen musste im Einladungsschreiben das Wort „Gespräch“ dem „Networking“ weichen.

Dem 27-jährigen Martin Gnewuch und seinem Kumpel Daniel Al-Dairy (25) schlägt seit Donnerstag eine Welle der Sympathie entgegen. Seit wir darüber berichteten, dass sie einem Prügel-Opfer am Obereiderhafen zu Hilfe kamen, während etliche Passanten zu- oder wegguckten, werden sie im Internet überhäuft mit lobenden Kommentaren. Die Meinungsäußerungen der Internetnutzer zeigen, dass die beiden Männer mit ihrem Einsatz weit mehr erreicht haben als einen Menschen zu retten. Sie haben eine Diskussion über Zivilcourage angestoßen. Das lässt darauf hoffen, dass sich prügelnde Täter künftig immer weniger darauf verlassen können, dass Unbeteiligte einfach wegsehen.

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