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Landeszeitung

20. Oktober 2017 | 02:08 Uhr

Als zum letzten Mal Bomben fielen

vom
Aus der Redaktion der Landeszeitung

Am Sonntag jährt sich das Ende der Luftangriffe auf Rendsburg / Zeitzeuge erinnert sich / Einblick in ein Logbuch der Royal Air Force

shz.de von
erstellt am 19.Apr.2016 | 14:26 Uhr

Am Sonntag jährt sich der letzte Luftangriff der Royal Air Force auf Rendsburg während des Zweiten Weltkriegs zum 71. Mal. Der Zeitzeuge Heinz Johannsen (81) hat sich der Geschichte seiner Vaterstadt verschrieben. Bei der Recherche zum Angriff in der Nacht vom 23. auf den 24. April 1945 trifft er schließlich auf einen ehemaligen Navigator der Royal Air Force, der beim letzten Angriff auf Rendsburg dabei war – und der ihm einen Einblick in sein Logbuch mit dem für Rendsburg so wichtigen Eintrag gewährt.

Johannsen, damals zehn Jahre alt, erinnert sich noch gut an die Nacht kurz vor Kriegsende. Mit seiner Familie wohnt er in der Hindenburgstraße neben dem Krankenhaus. „Wir sind immer angezogen ins Bett gegangen, weil jeden Abend Fliegeralarm war“, erinnert sich Johannsen. Ausgerechnet in der Nacht auf den 24. April, rund zwei Wochen vor Kriegsende, sagt seine Mutter: „Ich glaube, da passiert nichts mehr, heute gehen wir ohne Zeugs ins Bett.“ Und in der Nacht haben sie gut geschlafen. So gut, dass sie die Sirenen nicht gehört haben. Die Johannsens werden wach vom Lärm der fallenden Bomben. Nur im Pyjama und in eine Wolldecke gewickelt, rennt die Familie – Heinz, seine drei Schwestern und die Eltern – in den Keller. Im Treppenhaus hört er den Pfeifton der Luftmine, denkt sich noch: „das ist aber dicht bei“ und „jetzt ist Feierabend“, dann fliegen ihm auch schon Fenster und Türen entgegen. „Man steht unter Schock, wenn man hört, wie die Bomben einem entgegenfliegen und dann alles zittert und bebt“, sagt er. Aber die Johannsens haben Glück, im Luftschutz-Keller überstehen sie die Nacht mit heiler Haut.

Auch Rendsburg hat während des Krieges vergleichsweise viel Glück gehabt. Insgesamt werden in der Stadt 19 Häuser und 64 Wohnungen total zerstört. 375 Wohnungen werden schwer beschädigt, rund 2000 weitere werden leicht beschädigt, weiß Alfred Gutt, der mehrere Bücher über die Geschichte Rendsburgs verfasst hat. In der Nacht auf den 24. April sterben 20 Rendsburger Bürger. Die meisten Angriffe gelten den Kanalbrücken, die aber durch Flak gut gesichert sind. Manchmal werfen die Bomber ihre verbliebene Last auch auf dem Rückflug von anderen Einsatzzielen über dem Stadtgebiet ab – meist, ohne großen Schaden anzurichten. Viele Bomben fallen ins Wilde Moor, ohne dass sie Schaden anrichten.

Die Bombe, die Heinz Johannsen den Schreck seines Lebens eingejagt hat, galt eigentlich der Wrangel-Kaserne. Zerstört hat sie zwei Häuser in der Grafenstraße. Die anderen Treffer zerstörten militärische Ziele – die große Militär-Bäckerei und ein Versorgungs-Depot. „Am nächsten Morgen brannte noch alles“, blickt Johannsen zurück. Die hohe Mauer um das Depot an der Alten Kieler Landstraße ist eingestürzt, das Depot selber dem Erdboden gleich gemacht. „Da liefen Soldaten mit Stahlhelm und Gewehr rum, die schoben da Wache. Aber es wimmelte auch von Zivilisten, die sich mit Lebensmitteln versorgt haben“, sagt er. „Es gab weißen Zucker, das war damals eine Sensation, und Roggenmehl in Paketen“, erinnert er sich.

Der Zehnjährige wird zum Plünderer – ungeachtet der Gefahren, denn darauf steht die Todesstrafe. Randvoll füllt er einen geflochtenen Korb mit kostbarem Zucker und zieht, ohne es zu ahnen, eine verräterische weiße Spur bis nach Hause hinter sich her. Als er dort ankommt, ist der Korb halb leer. Erwischt wurde er trotzdem nicht.

Zwei Wochen später ist der Krieg vorbei, und mit dem Einmarsch der Engländer beginnt eine neue Zeit. Der kleine Heinz spricht ein bisschen englisch, er fragt nach Soap (Seife) und Matches (Streichhölzern). „Das fanden die Soldaten natürlich witzig, dass so ein kleiner Junge englische Worte konnte“, sagt er. Bald übernimmt er kleine Dienste für sie und wird so mit zum Ernährer der Familie – denn bezahlt wird mit Essen. Irgendwie fressen die Besatzer einen Narren an ihm, sie schneidern dem Jungen sogar eine Regimentsuniform, und er begleitet sie fortan als Maskottchen zu Fußballspielen gegen andere Regimenter. Als einziger Deutscher darf er in die Kasernen und auch in den Convent-Garten, den die Engländer als Restaurant nutzten. Nur mit seinem Vornamen Heinz können sie so rein gar nichts anfangen – sie nennen ihn lieber Jimmy, und so nennen alte Rendsburger Heinz Johannsen heute noch. Bis zum Abzug der Engländer 1949 schließt er Freundschaft mit vielen Regimentsangehörigen.

Im Juni 2015, 70 Jahre später, liest er in einer englischen Zeitung über den letzten Luftangriff auf Nazi-Deutschland. Ted Wearn, ehemaliges Mitglied der Royal Air Force, berichtet vom Angriff auf Kiel am 2. Mai 1945. Dabei zeigt er sein altes Logbuch, in dem alle Einträge militärisch-exakt vermerkt sind. Doch Johannsens Blick bleibt auf einem Eintrag wenige Zeilen darüber hängen. Das Datum: 23. April 1945, der Zielort: Rendsburg. Er schaut in ein englisches Telefonbuch und findet tatsächlich den inzwischen 93-jährigen Wearn. „Ich rufe aus Rendsburg an, ich habe in ihrem Logbuch gesehen, dass sie derjenige waren, der unsere Stadt bombardiert hat“, sagt er forsch. Wearns ist verlegen. „Naja, sagt er, „wir haben das getan, was uns befohlen wurde, es war ja Krieg“, antwortet er. Doch darum geht es Johannsen gar nicht. Er will lieber wissen, welche Funktion Wearn an Bord hatte. Navigator sei er gewesen. „Dann hast du einen guten Job gemacht, ein Volltreffer ging in die Bäckerei und der andere in das Versorgungsdepot.“ Als Ted Wearn merkt, dass Johannsen die Sache mit Humor nimmt, ist er erleichtert. Dann schreibt Ted ihm einen langen Brief, wie schlimm Kriege sind und dass man alles tun soll, um daraus zu lernen. „Aber das kapiert heute ja wieder keiner“, seufzt Johannsen resigniert.

Das ehemalige Regiments-Maskottchen wurde 2003 übrigens befördert. Seitdem ist Heinz Johannsen, der heute in fockbek lebt, offiziell Ehrenmitglied des First Battalion of the Middlesex Regiment. Aber das ist eine andere Geschichte.

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