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Erinnerungen einer Rendsburgerin : Als Opa die Hochbrücke baute

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Rita Ihrig über ihre familiäre Bindung zur Schwebefähre. Ihr Opa, Otto Hoffmann, arbeitete in einer Nieterkolonne in schwindelnder Höhe.

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erstellt am 23.Jan.2016 | 16:48 Uhr

Der Arbeitsplatz ist lebensgefährlich. In über 40 Metern Höhe stehen die Männer auf einem Stahlgerüst. Unter der Baukolonne fließt das Kanalwasser. Die Schlosser und Nieter tragen keinen Helm und keine Schutzkleidung. Es gibt auch kein Netz und keine Seile. Mit einer schweren Zange in der Hand müssen die Fachleute Nieten auffangen, die ihnen glühend heiß zugeworfen werden. Dann schlagen die Arbeiter die Bolzen in das Bauwerk. Bis zu zehn Stunden dauert eine Schicht beim Bau der Hochbrücke. Und zu Hause bangen die Frauen um ihre Männer.

„Meine Oma war jeden Tag froh, wenn ihr Mann heil zurückgekommen ist“, weiß Rita Ihrig. Die Rendsburgerin, die auch als Symbolfigur „Stutentrine“ in der Stadt bekannt ist, hat die Schilderungen des schwindelerregenden Arbeitsplatzes über dem Kanal in ihrer Kindheit oft gehört. Denn der Vater ihrer Mutter gehörte zu den 350 Arbeitern, die in den Jahren 1911 bis 1913 das damals bedeutendste Stahlbauwerk Europas im Schichtdienst fast rund um die Uhr errichteten. Bei Sturm mussten die Arbeiten tagelang unterbrochen werden, da sich niemand auf der Brücke halten konnte. Rita Ihrigs Großmutter befürchtete nicht ohne Grund, dass ihr Mann verunglücken könnte. Sieben Arbeiter sind beim Bau der Hochbrücke ums Leben gekommen.

Erinnerung: Rita Ihrig mit einem Foto, auf dem sie als Baby mit ihren Großeltern Margarethe und Otto Hoffmann abgebildet ist.
Erinnerung: Rita Ihrig mit einem Foto, auf dem sie als Baby mit ihren Großeltern Margarethe und Otto Hoffmann abgebildet ist. Foto: Piper
 

Otto Hoffmann, der 1890 in Kropp geboren wurde, hatte eine Lehre als Schlosser absolviert. „Doch in diesem Beruf gab es nicht viel zu verdienen“, sagt Enkelin Rita Ihrig. „Die Arbeit an der Hochbrücke dagegen wurde sehr gut bezahlt.“ Der 20-Jährige nahm daher das Risiko in Kauf und erinnerte sich zeitlebens bis zu seinem Tod 1963 an die „schöne Zeit“ in einer der insgesamt 14 Nieterkolonnen, die 3,2 Millionen Bolzen aus „bestem Siemens-Martin-Eisen“ verbauten. „Er hat immer wieder davon erzählt“, verrät Rita Ihrig, „und sich zum Beispiel daran erinnert, dass die Männer oben auf der Brücke aus Spaß herumgeturnt sind und auch geraucht haben, obwohl das streng verboten war.“

Einsatz für die Hochbrücke: Otto Hoffmann.
Otto Hoffmann setzte für den Bau der Hochbrücke sein Leben aufs Spiel. Foto: Privat
 

Die Leitung der Arbeiten hatte der Ingenieur Friedrich Voß, der Chef des Kanalbrückenamtes. Zusammengefügt wurden rund 19.000 Tonnen Stahl. Der Bau kostete 13,4 Millionen Goldmark. Die einzelnen Teile wurden in Oberhausen und Dortmund vorgefertigt, mit einem Baukran am Kaiser-Wilhelm-Kanal, wie die Wasserstraße damals noch hieß, aufgebaut und dann zusammengenietet. Zeitgleich mit dem neuen Wahrzeichen der Stadt entstand die Schwebefähre. Denn Friedrich Voß hatte sich für eine unter der Brücke angehängte Fähre als Lösung entschieden, weil so die Kanalüberquerung mit wenig Mehraufwand an Material und Arbeit zu verwirklichen war. Also brachten Otto Hoffmann und seine Kollegen beim Brückenbau auch das Tragwerk und die Gleise für den Fahrwagen der Schwebefähre an.

Schon zu Beginn der Arbeiten war klar, dass dieses Bauwerk etwas ganz Besonderes werden würde. Die Postkartenindustrie boomte. So wurde das Meisterwerk der Ingenieurskunst schon vor der Fertigstellung in der ganzen Welt bekannt. Die Anwohner allerdings waren zunächst noch skeptisch und verfolgten das Wachsen des „Monstrums“ aus Stahl mit Argwohn. Die Schwebefähre dagegen war von Anfang an ein Publikumsliebling.

Die Nachricht von der Kollision der Schwebefähre mit einem Frachter am 8. Januar sorgte auch bei der „Stutentrine“ für Entsetzen. „Ich bin sofort am nächsten Tag an den Kanal gefahren und musste beim Anblick der Schäden an der Fähre schwer schlucken“, berichtet die Rendsburgerin. „Ich bin mit dem Bauwerk groß geworden.“ Es müsse alles getan werden, um dieses einzigartige Schmuckstück zu retten. „Die Schwebefähre ist wie ein Familienmitglied für mich.“

Die Liebe zu einer „Hängepartie“ über dem Kanal wurde der Rendsburgerin, die im Stadtteil Schleife wohnt, von ihrem Opa vermittelt. Otto Hoffmann, der nach dem Bau an der Brücke bei der Stadt als Heizer in der Blottnitz-Kaserne beschäftigt war, unternahm nach seiner Pensionierung mit der Enkelin regelmäßig Spaziergänge an den Kanal. „Ich war erst neun Jahre alt, als er starb, aber bis dahin hatten wir eine unglaublich intensive Zeit.“ Fast täglich holte der Großvater das kleine Mädchen ab. Dann ging es zu „seiner“ Brücke. Die beiden ließen sich dann jedes Mal von der Schwebefähre an das andere Ufer bringen. Sie stiegen aber nicht aus, sondern fuhren gleich wieder zurück. „Wir wollten einfach nur den Fahrspaß genießen.“

 

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