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Rendsburg : Als Götter in die Berufswelt starten

vom
Aus der Redaktion der Landeszeitung

19 junge Erwachsene ohne Job bereiten sich mit Theaterstück über Odysseus’ Abenteuer auf die Herausforderungen im Arbeitsmarkt vor.

von
erstellt am 20.Nov.2014 | 06:00 Uhr

„Ich verstelle mich, trage quasi seit zehn Jahren eine Maske. Deshalb ist es kein Problem für mich, jemand anderen darzustellen“, sagt ein junger Mann, der anonym bleiben möchte, „ich habe viel Scheiße durch. Irgendwann habe ich die Emotionen abgestellt.“ Die Gleichaltrigen um ihn herum nicken – manche verständnisvoll, andere zustimmend, weil es ihnen ähnlich geht.

Jemand anderen darzustellen, gehört seit vier Wochen zu ihrem Alltag. Täglich trifft sich die 19-köpfige Truppe in einem großen Raum mit Dachschrägen und Holzbalken zu Theaterproben. Sie alle verbindet in erster Linie ihr junges Alter und die Arbeitslosigkeit. Einige sind Langzeitarbeitslose, andere suchen einen Ausbildungsplatz, wieder andere haben eine Ausbildung absolviert, müssen aber aufgrund von gesundheitlichen Problemen umschulen.

Darüber hinaus verbinden sie nun aber auch zwei Ziele: Die Unter-25-Jährigen wollen im April ein Theaterstück über den griechischen Sagenheld Odysseus auf die Bühne bringen und die Zeit bis dahin gemeinsam für ihre Bewerbungen nutzen. Das bedeutet: vier Tage die Woche Theaterproben, einen Tag Bewerbungstraining.

„Maßnahme“ nennen das viele der Teilnehmer. Sie kommen aus dem gesamten Kreisgebiet. Das Theater-Bewerbungs-Projekt hat ihnen das Jobcenter über Bildungsgutscheine finanziert – trotzdem ist die Teilnahme freiwillig. Einige waren anfangs skeptisch, als es mit einem Casting und kurz darauf mit der ersten Probe losging, aber sie erkannten schnell die Vorteile: „Manche von uns haben eine schlechte Vergangenheit und können deshalb nicht so gut auf andere Menschen zugehen. Hier üben wir, aus uns rauszukommen und uns zu präsentieren,“, sagt der 19-Jährige Jan Bartels aus Nortorf, der im Stück den Götterboten Hermes spielt. Der Odysseus-Schauspieler Patrick Holst (23) aus Elsdorf-Westermühlen sagt: „Mir helfen die Proben dabei, Frust abzubauen. Hier kannst du auch mal schreien, wenn dir danach ist.“ Die Treffen von 9 bis 14 Uhr geben den jungen Arbeitssuchenden eine Struktur in ihrem Alltag: „Wir sind alle froh, ein bisschen was um die Ohren zu haben“, so Holst. Und Bartels ergänzt: „Man findet sich hier und kann gucken, wo es später hingehen soll.“

Dabei unterstützen sie die Theaterpädagogin Ilona Januschewski und Frank Hildebrandt, Bewerbungsmanager bei der „Interkulturellen Schule, Fortbildung und Ausbildung“ (ISFA). Sie kooperieren mit der „Projektfabrik“ aus Witten, die theaterpädagogische Methoden mit Bewerbungsmanagement verknüpft. „Wir wollen die jungen Menschen durch Theaterarbeit arbeitsbereit und arbeitsmotiviert machen“, erklärt Martin Kreidt von der „Projektfabrik“. Erste Erfolge sind schon nach vier Wochen zu verzeichnen: Die 20-jährige Denise Lehmitz aus Eckernförde hatte seit dem Projektbeginn schon ein Bewerbungsgespräch und fühlte sich dabei deutlich sicherer als sonst: „Ich war viel ruhiger und wusste, was ich sagen soll“, erzählt sie begeistert.

Auf die Frage, was sie aus dem Projekt mitnehmen, kommen den Teilnehmern mehrere Ideen: Selbstbewusstsein, Selbstbeherrschung, Erfahrung und Freunde. Dem jungen Mann, der seinen Namen nicht in der Zeitung sehen möchte, tun die täglichen Proben gut: „Das ist hier wie Urlaub. Ich habe privat so viel Stress, aber hier bekomme ich sofort gute Laune, wenn ich die anderen sehe.“

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