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Als ein Feuerball zwei Häuser zerstörte

vom
Aus der Redaktion der Landeszeitung

Vor 40 Jahren stürzte eine dänische Militärmaschine über Jevenstedt ab / Zeitzeugen berichten von dem erschütternden Ereignis

shz.de von
erstellt am 24.Feb.2016 | 12:57 Uhr

Anna Schlüter sah nur einen Feuerball auf sich zurasen. Dann wurde sie von einer Druckwelle erfasst und stürzte die Treppe in ihrem Haus hinunter. Die alte Dame prellte sich dabei eine Schulter und zog sich ein sogenanntes Brillenhämatom, ringförmige Blutergüsse um beide Augen, zu. Dass sie dabei dennoch viel Glück hatte, erfuhr sie unmittelbar danach – sie hatte den Absturz einer dänischen Militärmaschine überlebt.

Auf den Tag genau 40 Jahre ist es her, dass das Flugzeug des Typs Sabre F-86 in Jevenstedt zerschellte. Dabei kam eine Frau ums Leben, zwei Häuser wurden schwer beschädigt. In einem davon wohnte Anna Schlüter mit ihrer Tochter Annelene Kerber, dem Schwiegersohn Gerhard und den Enkelkindern Gerd und Henri. „Das Unglück ereignete sich gegen 19.30 Uhr. Zu diesem Zeitpunkt saßen meine Mutter und Großmutter normalerweise im Wohnzimmer meiner Oma im ersten Stock des Hauses“, erinnert sich Henri Kerber. An diesem Abend jedoch telefonierte Mutter Annelene mit ihrer Schwester. „Das Telefon war im Erdgeschoss. Ohne den Anruf hätten beide vor dem Fernseher am Fenster gesessen und den Absturz definitiv nicht überlebt“, so Kerber. Er vermutet, dass die Großmutter dem Telefonat am Fuße der Treppe gelauscht habe und deshalb nicht in ihrem Wohnzimmer saß. Henri Kerber selbst befand sich mit einem Freund ebenfalls in dem Haus. „Ich hörte nur einen ohrenbetäubenden Knall und lief in den Flur. Als ich ins Wohnzimmer meiner Eltern gucken wollte, war es nicht mehr da.“ Wände waren eingestürzt, Möbel umgerissen und verschüttet und es gab eine große Hitzeentwicklung, viele Dinge brannten an. Dass niemand zu ernsthaftem Schaden kam, war großes Glück. „Das Haus hatte einen Totalschaden und musste abgerissen werden“, berichtet Andreas Kerber, ein weiterer Sohn der Familie.
   Was für Kerbers glimpflich ausging, endete für die Nachbarin Käthe Rohwer tödlich. „Es wurde letztlich vermutet, dass sich das Kerosin des Jets über ihrem Haus entladen hatte, wodurch es schlagartig in Brand geraten ist“, sagen die beiden Brüder. „Bis zum Schluss haben alle gehofft, dass Käthe Rohwer zum Doppelkopf spielen Freunde besucht hatte, das machte sie so gern. Aber leider war dem nicht so, und man fand später ihre Leiche in dem Haus. Sie war eine sehr nette Frau“, erzählt Henri Kerber.

Psychologische Betreuung habe es nach dem Vorfall für keines der Familienmitglieder gegeben. Lediglich die Oma habe ein recht geringes Schmerzensgeld bekommen. Während diese zunächst bei einer anderen Tochter wohnen konnte, kamen Annelene, Gerhard, Henri und Gerd Kerber bei Sohn Andreas unter. „Ganz einfach war das auch nicht immer, weil das Haus von meiner Frau und mir natürlich nicht dafür eingerichtet war, vier weitere Personen aufzunehmen.“ Man habe sich aber immer gut arrangieren können, und Weihnachten desselben Jahres konnten die Familienangehörigen bereits im neu gebauten Haus in der Straße Jevenstedter Teich feiern. Aus dem alten Heim konnten sie jedoch nur ein paar Fotos retten. Unmittelbar nach dem Absturz hatte das Militär die Unfallstelle hermetisch abgeriegelt und die Trümmerteile, die auf einem Acker neben dem Haus der Kerbers lagen, untersucht.

Über die genaue Ursache wurde die Bevölkerung nie informiert. Die beiden Piloten jedoch konnten sich per Schleudersitz in der Nähe von Erfde retten. Laut alten Berichten der Landeszeitung waren sie in einer Höhe von etwa 3500 Metern aus der Maschine ausgestiegen und meldeten sich kurz danach bei der örtlichen Polizeistelle. Sie hätten angegeben, in etwa 8000 Metern Höhe eine Störung der Kompression und einen fallenden Öldruck bemerkt zu haben. Ein Triebwerkschaden hatte den Jet offenbar manövrierunfähig gemacht.

Dass diese Ereignisse nun schon 40 Jahre her sind, kann sich Andreas Kerber nicht vorstellen. „Ich habe vieles von damals noch vor Augen“, berichtet er. Die Familie habe es noch mehr zusammengeschweißt. Und sein Bruder Gerd wohnt auch jetzt noch in dem Haus, das damals auf dem selbem Grundstück wieder aufgebaut wurde.

> Der NDR berichtet am Sonntag, 28. Februar, ab 19.30 Uhr in der Sendung „Schleswig-Holstein Magazin“.

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