Ahmeds langer Weg aus dem Krieg

Starke Betreuer an der Seite: Janet und Konrad Groß passen auf Ahmed auf - und sorgen dafür, dass er bleiben kann.  Foto: Privat
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Starke Betreuer an der Seite: Janet und Konrad Groß passen auf Ahmed auf - und sorgen dafür, dass er bleiben kann. Foto: Privat

Nach zwei Jahren auf der Flucht aus Somalia landete der 16-jährige Ahmed Mahmud Ali in Kiel / Kostenlose Operation am Auge in Rendsburg

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01. April 2011, 08:36 Uhr

rendsburg/Kiel | Sein linkes Auge ist rot unterlaufen. Ständig hält Ahmed ein Taschentuch davor. Es tränt. Er stöhnt. Schmerzen? Er nickt. Tag eins nach der Operation. Kein guter Tag für Ahmed. Aber so viel besser als früher: "Das Leben in Somalia - es ist gefährlich."

Kämpfe, immer nur Kämpfe. Und Ahmed mittendrin. November 2008. Ahmed ist 14 Jahre alt, als somalische islamistische Milizen seinen Vater erschießen. Als sie ihn zum Kindersoldaten machen wollen, versteckt ihn seine Mutter in Mogadischu. Doch dort ist er nicht sicher. "Man konnte sich nicht verweigern", sagt Ahmed in gebrochenem Englisch. Der Junge muss fort. Zwei Jahre werden vergehen, bis er ein neues Zuhause in Schleswig-Holstein findet. Auf Menschen trifft, die ihm Gutes tun - wie in Rendsburg und Kiel.

Zwei Jahre ist Ahmed auf der Flucht - durch Äthiopien, den Sudan, Libyen. Immer in Gefahr, als Somali, als Illegaler. Immer allein, immer angewiesen auf Helfer, Fremde, Schleuser. Ohne Geld, ohne Papiere, mit einem T-Shirt, einer Hose, einer Jacke. Ahmed kämpft um sein Überleben. Versteckt sich in kalten Steinhäusern, gerät in Schusswechsel. Irgendwann hat er Glück: In einem kleinen Boot setzt er mit 230 anderen Flüchtlingen ohne Essen und Trinken von Libyen nach Malta über. Doch dort muss er sieben Monate in einem Flüchtlingsgefängnis ausharren - "96 Leute in einem Raum, mit einer Toilette", berichtet er. "Ich wurde krank, bekam allergische Ausschläge, wurde immer schwächer", sagt Ahmed. Weiter geht es nach Italien. Mit gefälschten Papieren fliegt er nach Schweden. Dann über Dänemark Richtung Deutschland. Endstation wird ein Zug an der Grenze sein. Dort greifen ihn Bundespolizisten auf.

Ahmed Mahmud Ali, inzwischen 16 Jahre alt, sitzt an diesem sonnigen Tag nach der Operation am Auge auf einem Sofa in Kiel. Er will sich ein paar Tage in der Wohnung von Janet (62) und Konrad (70) Groß schonen. Konrad Groß, früher Professor für Englisch, hat die Vormundschaft für Ahmed übernommen. Da Ahmed seit der Geburt an einer Augenkrankheit leidet, hatte er ihn zu einer Ärztin gebracht. Die stellte fest: Ein Muskel ist unbeweglich, das linke Auge unflexibel, Ahmed sieht schlecht. Die Ärztin empfahl die Augenklinik in Rendsburg. Dort wurde er nun operiert. Kostenlos. Konrad Groß zeigt sich dankbar: "Ich hatte nicht damit gerechnet. Das ist alles ganz toll gelaufen. Dr. Reichelt und sein Team haben Ahmed so freundlich behandelt."

Überhaupt können Konrad und Janet Groß nur Positives berichten. "Es ist zwar viel bürokratische Arbeit, doch alle sind freundlich. Auch die Stadt Kiel bemüht sich", lobt Janet Groß, die aus Irland stammt. Das Paar ist pensioniert. Konrad Groß sagt: "Ich habe ein gutes Leben gehabt. Nun möchte ich etwas zurückgeben." Er habe sich in seinem Beruf viel mit multikultureller Theorie beschäftigt. "Das ist jetzt für mich die Praxis". Vor gut einem dreiviertel Jahr nahm er Kontakt zum Kieler Verein Lifeline auf, der Vormundschaften für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge vermittelt. Der stellte Kontakt zu Ahmed her - dem Flüchling aus Somalia. "Wir verstanden uns auf Anhieb", sagt Groß.

Er holt Ahmed im Herbst aus der zentralen Auffangstation für Flüchtlinge in Neumünster. Besorgt eine Unterkunft für Flüchtlinge eines christlichen Vereins in Kiel. Janet und Konrad Groß wollen, dass Ahmed in Deutschland bleiben kann, dass er hier Deutsch lernt und eine Ausbildung macht. Mehrmals in der Woche besucht der Junge nun einen speziellen Integrationskurs an der Volkshochschule. "Ich spiele gern Fußball", sagt er, zwar auf Englisch, und kneift sein wundes Auge zusammen. Kontakt zu seiner Mutter Hali und seiner Schwester Safa, die jetzt sechs Jahre alt ist, hat er nicht. Wohl aber zu anderen Familienmitgliedern - übers Internet.

Inzwischen ist Ahmed in Deutschland "geduldet". Das heißt, er wird nicht nach Malta oder Somalia abgeschoben. Konrad Groß hat eine Aufenthaltsgenehmigung beantragt. Möchte Ahmed zurück nach Somalia? "Nein!", sagt der. "Nicht, so lange dort gekämpft wird". Und einen Traum von der Zukunft, den hat er auch: "Ich möchte Arzt werden", sagt er und strahlt - "weil ich gern kranken Menschen helfe". Und sein Auge, das wird auch wieder.

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