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Zurück vom Hilfseinsatz : Ärzte-Ehepaar entgeht Luftangriff

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Aus der Redaktion der Landeszeitung

Martin und Ioana Klopf setzen sich ehrenamtlich für Flüchtlinge im Nordirak ein – Stunden später fallen türkische Bomben. Zurück in Rendsburg, verfassen sie eine Protestnote an Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier.

shz.de von
erstellt am 06.Mai.2017 | 06:00 Uhr

Für Martin und Ioana Klopf (beide 48) war es schon der sechste Hilfseinsatz innerhalb von eineinhalb Jahren in der Autonomen Region Kurdistan, Nordirak. Vor kurzem kehrte das Rendsburger Ärzte-Ehepaar zurück. Unmittelbar nach der Ankunft wurden die Mediziner von betrüblichen Nachrichten überrascht. Am Tag nach ihrer Abreise aus dem Krisengebiet griff das türkische Militär kurdische Stellungen aus der Luft an. Es gab Tote und Verletzte, auch unter Zivilisten.

Zerstört wurde unter anderem die einzige Krankenstation von Sindschar, in der die Rendsburger ärztliche und humanitäre Hilfe leisteten. Der Luftschlag erfolgte wenige Stunden, nachdem das Ehepaar Klopf die Stadt und das benachbarte Gebirge verlassen hatte.

„Es hat fürchterlich gestürmt und geregnet in unserer letzten Nacht da oben. Vielleicht hat uns das vor Schlimmerem bewahrt“, berichtet Dr. Martin Klopf, der eine HNO-Praxis im Provianthaus betreibt; seine Frau ist Kinderärztin in der Imland-Klinik. Neun Tage verbrachten die Rendsburger im Irak. Wie bei den Hilfseinsätzen davor waren sie ehrenamtlich für die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte im Einsatz. 50 Bananenkartons, gefüllt mit Medikamenten und Schreibmaterial für Schulkinder, hatten die Rendsburger aus eigener Tasche bezahlt und in den Nordirak transportieren lassen.

Ziel war dieses Mal das Sindschar-Gebirge, eine Hochburg der religiösen Minderheit der Jesiden. Das Gebiet war 2014 von Extremisten der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) überrannt worden. Tausende Jesiden wurden aus ihren Siedlungsgebieten verschleppt und Opfer von Hinrichtungen oder anderen Gewaltverbrechen. Nach Einschätzung der Vereinten Nationen erreichte die Verfolgung das Ausmaß von Völkermord. Zehntausende flüchteten an die Grenze zur Türkei, wo riesige Flüchtlingscamps entstanden.

Mehrmals waren Martin und Ioana Klopf bereits dort, und eine Frage ließ ihnen keine Ruhe: Was hält die Vertriebenen von der Rückkehr in ihre Heimatdörfer ab? „Die Resignation in den Camps ist erschreckend groß. Wir wollten an den Ort des Ursprungs der Flüchtlingswelle gehen.“

Von der Front zum IS kehrten Klopf und seine Frau mit schockierenden Bildern zurück. Befreite Dörfer liegen unverändert in Trümmern. Massengräber wurden nicht beseitigt, die Opfer darin immerhin geborgen und für spätere strafrechtliche Ermittlungen identifiziert. Ausgebrannte Autowracks von getöteten Flüchtlingsfamilien liegen am Straßenrand.

Noch am Tag ihrer Rückkehr schrieben die Rendsburger an den Bundespräsidenten. „Es ist ein Skandal, dass der Wiederaufbau der Region Sindschar noch nicht begonnen hat. Es sollte für die internationale Staatengemeinschaft höchste Priorität haben, sich für die Rückkehr der Flüchtlinge einzusetzen“, heißt es in der Protestnote an Frank-Walter Steinmeier. Der türkische Luftangriff sei „völkerrechtlich unzulässig“ und müsse international scharf kritisiert werden. Haben sich die Krisenhelfer in Gefahr begeben? „Bewusst nicht“, antwortet Martin Klopf. „So lebensmüde sind wir nicht.“ Dass die Türkei Bomben auch auf Flüchtlinge werfen oder zumindest Opfer unter ihnen in Kauf nehmen würde, sei nicht vorhersehbar gewesen. „Einer muss sich ja der Flüchtlinge annehmen. Das müssen zwar nicht unbedingt wir sein, aber wie viele Menschen kümmern sich sonst? Wir können angesichts des Dramas dort nicht Augen und Ohren zuhalten.“

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