Interview : Abschied ohne Tränen

Urgesteine der Kommunalpolitik: Karin Wiemer-Hinz (60), Lehrerin an der Schule Mastbrook, trat 1988 in die SPD ein, wurde 1990 Ratsmitglied und 1998 Fraktionsvorsitzende. 2008 folgte die Wahl zur Bürgervorsteherin/ Stadtpräsidentin. Helge Hinz (63), als Diplom-Pädagoge beim Landesverband der Arbeiterwohlfahrt beschäftigt, wurde 1991 Sozialdemokrat. Seit 1998 gehört er dem Rat an, 2008 wurde er zum SPD-Fraktionschef gewählt, seit 2014 ist er Vorsitzender des Senats. Nach internen Querelen trat das Ehepaar 2016 aus der SPD-Fraktion aus und gründete die Fraktion „Soziales Rendsburg“. Dies führte im April dazu, dass sie nach einem langen Parteiverfahren aus der SPD ausgeschlossen wurden. Helge Hinz und Karin Wiemer-Hinz haben drei Kinder und zwei Enkel.
Urgesteine der Kommunalpolitik: Karin Wiemer-Hinz (60), Lehrerin an der Schule Mastbrook, trat 1988 in die SPD ein, wurde 1990 Ratsmitglied und 1998 Fraktionsvorsitzende. 2008 folgte die Wahl zur Bürgervorsteherin/ Stadtpräsidentin. Helge Hinz (63), als Diplom-Pädagoge beim Landesverband der Arbeiterwohlfahrt beschäftigt, wurde 1991 Sozialdemokrat. Seit 1998 gehört er dem Rat an, 2008 wurde er zum SPD-Fraktionschef gewählt, seit 2014 ist er Vorsitzender des Senats. Nach internen Querelen trat das Ehepaar 2016 aus der SPD-Fraktion aus und gründete die Fraktion „Soziales Rendsburg“. Dies führte im April dazu, dass sie nach einem langen Parteiverfahren aus der SPD ausgeschlossen wurden. Helge Hinz und Karin Wiemer-Hinz haben drei Kinder und zwei Enkel.

Nach Jahrzehnten in der Politik: Stadtpräsidentin Karin Wiemer-Hinz und Senatschef Helge Hinz ziehen sich ins Private zurück.

shz.de von
08. Juni 2018, 09:49 Uhr

Rendsburg | Mit der konstituierenden Sitzung der Ratsversammlung am kommenden Dienstag endet eine Ära. Stadtpräsidentin Karin Wiemer-Hinz und Senatsvorsitzender Helge Hinz werden verabschiedet. Mehr als zwei Jahrzehnte hat das Ehepaar die Entwicklung der Stadt mitgeprägt. Unser Redaktionsmitglied Dirk Jennert sprach mit ihnen über Erfolge und Enttäuschungen.

Frau Wiemer-Hinz, Herr Hinz, die Fraktionen der neuen Ratsversammlung haben in den vergangenen Wochen über Ziele und Personalien verhandelt. Zum ersten Mal seit 1990 war keiner von Ihnen dabei. Vermissen Sie es bereits?

Helge Hinz: Ich vermisse es nicht. Es ist aber noch ungewohnt, es ausschließlich aus der Zeitung zu erfahren, was passiert. Früher wussten wir das ja schon vorher.

Karin Wiemer-Hinz: Ich empfinde das wie mein Mann. Ein bisschen habe ich noch mitbekommen. Ich war am Mittwoch im Rathaus, um die konstituierende Ratssitzung vorzubereiten. Aber die großen Interna wurden da nicht besprochen.

Einer der ersten Tagesordnungspunkte wird die Wahl des Stadtpräsidenten sein. Mit der Verpflichtung Ihres Nachfolgers, Frau Wiemer-Hinz, endet Ihre Amtszeit. Wird Ihnen damit eine Last genommen – oder auch ein Stück Freude und Vergnügen?

Wiemer-Hinz: Eigentlich beides. Ich habe dieses Amt immer gern ausgeübt. Andererseits ist damit eine ganze Menge Verantwortung verknüpft. Als wir im Rathaus die ganzen Punkte der Ratssitzung durchgegangen sind, habe ich gedacht, dass ich froh bin, jetzt nicht mehr dabei zu sein.

Ihre letzten zwei Jahre waren unter anderem geprägt von dem Zerwürfnis mit Ihrer früheren SPD-Fraktion. Was ist da schief gegangen?

Hinz: Ich wollte immer etwas für die Menschen erreichen. Das ist ja generell das Ziel, wenn man kommunalpolitisch tätig ist. Ich habe schnell gemerkt, dass das ohne Kompromisse nicht geht. Mir wurde damals in der SPD-Fraktion vorgehalten, dass ich mich ja häufiger mit den Konservativen unterhalte. Aber genau das muss man tun, wenn man Lösungen finden will. Einige in der SPD waren eher bereit, das Scheitern eines Vorhabens in Kauf zu nehmen, als einen gemeinsamen Mittelweg mit den anderen Fraktionen zu finden. Das konnte ich nicht akzeptieren.

Wiemer-Hinz: Wenn man keine absolute Mehrheit hat, muss man auf die anderen zugehen, um wenigstens etwas zu erreichen. Kleine Schritte sind besser als kein Schritt. In den Debatten musste ich mich als Stadtpräsidentin aber immer neutral verhalten, auch wenn ich mich manchmal gern eingemischt hätte, zum Beispiel bei der Neuen Heimat.

Die häufigste von Bürgern geäußerte Kritik an der Kommunalpolitik lautet, dass in Rendsburg nichts vorangeht. Ist dieser Vorwurf berechtigt?

Wiemer-Hinz: In dieser Absolutheit nicht. Die Dinge gehen ja voran, aber langsam. Wenn man fünf Jahre zurückblickt, wird deutlich, was alles geschehen ist. Es gibt Veränderungen. Denken Sie an den Ausbau des Kindergartenangebots. Außerdem haben wir viel in die Schulen investiert, zum Beispiel in die Schule Altstadt oder das Kronwerk-Gymnasium.

Hinz: Eine der wegweisenden Entscheidungen der vergangenen fünf Jahre war die Einführung der Schuldenobergrenze von 60 Millionen Euro. Ich glaube, dass im Zuge dessen jeder Politiker verstanden hat, dass es so wie in der Vergangenheit nicht weitergehen kann. Es ist ein neues Kostenbewusstsein entstanden. Wobei ich auch klar sage: Das darf nicht ins andere Extrem umschlagen. Kaputtsparen dürfen wir die Stadt nicht.

Über was haben Sie sich als Politiker immer wieder geärgert?

Hinz: Wenn ich das Gefühl hatte, nicht vollständig oder nicht rechzeitig informiert worden zu sein. In der Mehrheit der Fälle muss ich das der Verwaltung vorhalten. Das hat regelmäßig zu Unmut geführt und auch manche Entscheidung verzögert.

Wiemer-Hinz: An einigen Verzögerungen hatten aber auch wir Politiker selbst schuld. Ich habe öfter den Eindruck gehabt, dass bestimmte Fragen an die Verwaltung nur deswegen gestellt werden, weil man eigentlich noch keine Entscheidung treffen will. Dann hieß es immer: Wir haben ja dieses und jenes noch nicht vorliegen. Was einige da vermissten, war aber nicht immer relevant. Von der neuen Ratsversammlung würde ich mir auf jeden Fall mehr Entscheidungsfreude wünschen.

Hinz: Und ich würde mir wünschen, dass man das auch tatsächlich umsetzt, was man entschieden hat – und nicht immer alles wieder in Frage stellt.

Woran hätten Sie gern noch mitgewirkt, wenn Sie in der Politik geblieben wären?

Hinz: Zum Beispiel an der Entwicklung des Obereiderhafens.

Wiemer-Hinz: Das sehe ich auch so. Aber das ist wirklich ein sehr langes Verfahren. In den neunziger Jahren hatte ich damit schon zu tun. Und ich dachte damals: Das erlebst du nie in deiner aktiven politischen Zeit, dass das verwirklicht wird. So ist es ja leider auch gekommen.

Seit dieser Woche steht fest, dass sich CDU, Grüne, FDP und SSW zusammengerauft haben, um gemeinsam etwas für die Stadt zu bewegen. Was halten Sie davon?

Hinz: Ich finde es gut. Ich wünsche dieser Konstellation, dass sie die ganze Wahlperiode durchsteht, um zügig Entscheidungen herbeizuführen.

Wiemer-Hinz: Außerdem hat dieses Bündnis keine wackelige, sondern eine ordentliche Mehrheit. Es ist schade, dass die SPD nicht dabei ist, aber vielleicht wäre das anders geworden, wenn sie kompromissfähig wäre.

Neuer Stadtpräsident soll Thomas Krabbes werden, der noch vor wenigen Tagen CDU-Fraktionschef war. Frau Wiemer-Hinz, würden Sie sich darüber freuen?

Wiemer-Hinz: Ich hätte mich über Jochen von Allwörden gefreut, der seine Kandidatur aber leider aus gesundheitlichen Gründen zurückgezogen hat. Und ich freue mich jetzt darüber, dass Herr Krabbes sich dazu bereit erklärt hat. Er hat integrative Fähigkeiten, kann Kompromisse formulieren und ist rhetorisch sehr stark. Er bringt alles mit, was man für dieses Amt benötigt.

Was fangen Sie künftig mit Ihrer Freizeit an?

Hinz: Wir werden uns garantiert nicht langweilen. Wir reisen gern, wir haben zwei Enkelkinder. Wir werden aber auch die Freiheit genießen, dass wir nicht mehr unseren Urlaub nach dem Sitzungskalender der städtischen Gremien planen müssen.

Wiemer-Hinz: Der Abschied aus der Politik begann schon in den Osterferien. Zum ersten Mal hatten wir im Urlaub keine Gemeindeordnung dabei.

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