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Landeszeitung

19. Oktober 2017 | 04:16 Uhr

Abi Wallenstein - Blues fürs Leben

vom

Seit Jahrzehnten dieselbe Frau und dieselbe Gitarre / Auftritt beim Hospiz-Benefiz-Festival

shz.de von
erstellt am 07.Aug.2013 | 03:59 Uhr

Rendsburg | Der Blues ist Ausdruck des Lebens. Hoffnungsvolle Musik, die aus vollem Herzen Missstände und Traurigkeit beklagt: Verlorene Liebe, Arbeitslosigkeit, Tod. Die dann das Blatt wendet und einen Ausweg findet, aus dem etwas Neues, Größeres erwächst. Mit dieser Musik und dieser Lebenseinstellung wird Abi Wallenstein, dreifacher Gewinner des German Blues Award, beim Hospiz-Benefiz-Festival "Musik fürs Leben" auftreten. Direkt auf dem Hospizgelände wird ein Fest stattfinden, das Menschen zusammenbringt: jeglichen Alters, jeglicher Lebensauffassung und -situation. "Diese Integration lebt auch der Blues", erklärt Abi Wallenstein. "Er stammt ursprünglich von Afro-Amerikanern, nahm aber schon früh alle Einflüsse auf, die ihm begegneten. Heute gibt es beispielsweise Fusionen mit elektronischer Musik und HipHop."

Das Benefiz-Festival ist Abi Wallensteins erste Begegnung mit einem Hospiz. "Ich bin 67 und ich habe erkannt, dass das Leben endlich ist. Von Hospizen habe ich nur Gutes gehört - ich erwarte ein ausgelassenes Festival." Ihm fällt eine musikalische Entsprechung ein: Der "Death Letter Blues", ein Stück über den Tod einer Geliebten. Der Protagonist lebt seine Trauer und sucht nach einem Weg, sie zu überwinden - "so I dont have to cry no more" - damit er nicht mehr weinen muss.

Abi Wallenstein und der Blues trafen sich in Hamburg. Die Musikrichtung, entstanden im späten 19. Jahrhundert als afro-amerikanische Folklore, verbreitete sich über die Flöße des Mississippi und Baumwollplantagen, um mit der Einführung des Radios in der Mitte weiß-amerikanischer Jugendkultur zu landen. Anfang der 70er Jahre gelang der Sprung über den Atlantik - unter anderem nach Hamburg.

Abi Wallenstein wurde 1946 in Jerusalem geboren und zog mit seinen Eltern und seiner Schwester Anfang der 60er Jahre nach Neuss am Rhein, wo die jüdische Familie nach den Exil-Jahren an ihre deutschen Wurzeln anknüpfte. In Düsseldorf absolvierte er sein Abitur. Die Liebe und das Soziologie-Studium trieben ihn nach Hamburg. Das Studium war schnell geschmissen, das Mädchen Vergangenheit - der Blues aber, dem Abi Wallenstein im Hamburger Kessel aus musikalischem und gesellschaftlichem Aufbruch verfiel, blieb und wurde sein Lebensgefährte. Und ein Mann, der den Blues hat, braucht eine Gitarre. Auch dabei setzt der Künstler, der seit 30 Jahren verheiratet ist, auf Beständigkeit: Über 55 Jahre ist sein bestes Exemplar mittlerweile alt. "Ich habe sie nicht mit zum Interview gebracht - zu dreckig sieht sie aus. Ich wage nicht, sie zu waschen. Das Holz der Gitarre nimmt mit den Jahren den Griff ihres Spielers an. So entsteht der ganz besondere Klang."

An mindestens drei Tagen der Woche ist Abi Wallenstein auf Tour. Freie Zeit in fremden Städten nutzt er zum Fotografieren - bevorzugt Gesichter, in denen sich ein besonderer Moment, eine überraschende Situation widerspiegeln. Zurück in Hamburg lebt er das Leben eines Kleinunternehmers. "Bei mir laufen alle Fäden zusammen - und ich versuche zu verhindern, dass sie sich verknoten", beschreibt der Musiker den bürokratischen Aufwand des Selbst-Managements. Da Hände und Stimme sein Kapital sind, hegt er einen gesunden Lebensstil, geht regelmäßig joggen, kommt auch mit Wohnung im fünften Stock ohne Fahrstuhl aus - womöglich ist heißer Kakao mit Sahne und extra Zucker sein einziges Laster.

Häufig wird Abi Wallenstein nach seinen jüdischen Wurzeln gefragt. Sein Interesse ist überwiegend geschichtlicher Art: "Seit einigen Jahren beschäftige ich mich mit dem Israel-Konflikt, das ist immerhin mein Heimatland. Was die Religion angeht, pflege ich eher einen persönlichen Aberglauben", schmunzelt er. Was er damit meint, verrät er nicht: "Das bringt Unglück!" Gerüchten zufolge aber könnte seine Gitarre nicht nur Instrument, sondern auch Talisman sein. So überstanden beide vor einiger Zeit völlig unbeschadet einen filmreifen Fahrradunfall. So ist der Blues - am Ende wendet sich alles zum Guten.

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