Medizinische Versorgung : 6000 Bürger brauchen einen Arzt

Arbeit als Einzelkämpfer: Hausarzt Dr. Wolfgang Reinke hält die Grundversorgung in Mastbrook im Alleingang aufrecht.
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Arbeit als Einzelkämpfer: Hausarzt Dr. Wolfgang Reinke hält die Grundversorgung in Mastbrook im Alleingang aufrecht.

Der letzte Allgemeinmediziner im Westen von Rendsburg findet keinen Nachfolger / Appell an Stadt und Kassenärztliche Vereinigung

shz.de von
28. Dezember 2017, 13:42 Uhr

Der Humor stirbt zum Schluss. Mastbrooks letzter Hausarzt empfängt seine Patienten mit einem Skelett. Ein weißer Kittel umhüllt das auf Rollen stehende Modell, an den Ohren baumelt ein Stethoskop. Doch der Nachbau des menschlichen Knochengerüsts ist nur die eine Attraktion in der Praxis von Dr. Wolfgang Reinke.

Die andere ist der Blick aus dem elften Stock. Seit 40 Jahren arbeitet der Mediziner ganz oben im höchsten Wohnturm Rendsburgs, dem Ostlandhaus. „Schauen Sie hier“, sagt Reinke und deutet auf die Dächerlandschaft mehr als 30 Meter unter ihm. Zu sehen sind aus diesem Fenster seiner Praxis die Stadtteile Kronwerk, Rotenhof und Bereiche von Mastbrook. „Für diese Menschen fällt der fußläufig erreichbare Arzt weg, sollte ich hier aufhören.“

Reinke will einen Schlussstrich ziehen, zumindest unter den jetzigen Bedingungen im Ostlandhaus. Bereits vor gut vier Jahren hatte der 68-Jährige auf das Problem aufmerksam gemacht. Im Sozialausschuss warnten er und ein Apotheker vor dem drohenden Notstand in und um Mastbrook. Getan hat sich nichts. Weder Politik noch Verwaltung haben gegengesteuert. Die Kassenärztliche Vereinigung (KV) sah ebenfalls keinen Handlungsbedarf – und wartet auch jetzt noch ab. Nun wird der Notstand demnächst Realität. In einem Jahr beendet Reinke den Mietvertrag für seine Praxis im Ostlandhaus.

Macht er Feierabend, müssen sich viele Rendsburger einen anderen Hausarzt suchen. Betroffen ist ein Einzugsbereich mit geschätzten 6000 Menschen. „Es wäre fatal und desolat, wenn hier kein Arzt mehr wäre“, mahnt der Letzte seiner Art im Stadtnorden. 2015 wurden in Mastbrook das Familienzentrum und die „Grüne Mitte“ eingeweiht. Die Mehrzweckhalle ist bald fertig. „Es fließen Millionen in diesen Stadtteil, weil es viele Bedürftige gibt“, sagt Reinke. „Bedacht wird jedoch nicht, dass eine Infrastruktur ohne Arzt und Apotheke in der Nähe eine Katastrophe ist. Mehr als 50 Prozent der Kinder leben unterhalb der Armutsgrenze.“

Reinke mag Mastbrook. Er war schon hier, als die Feldwebel-Schmid-Kaserne noch in voller Blüte stand. Er blieb, als die Truppe abzog. Er harrte auch aus, als das Ostlandhaus durch mehrere Investorenhände ging und ein Sanierungsfall wurde. Nun würde der 68-Jährige gerne an der Zukunft mitwirken, bevor er die Vergangenheit hinter sich lässt.

Ihm schwebt eine Lösung vor: „Die Kommune sorgt für gute und günstige Räumlichkeiten, möglichst für zwei Ärzte und eine Apotheke“, schlägt Reinke vor. Unter diesen Voraussetzungen würde der 68-Jährige noch ein paar Jahre dranhängen, um einen jungen Nachfolger einzuarbeiten. Umsetzen lässt sich der Plan aber nur mit Hilfe der KV. Sie erteilt den Versorgungsauftrag und müsste eine zweite Arztstelle genehmigen. Wer eine Praxis gründen will, muss sich an die Bedarfsplanung halten. Um Überversorgung in Ballungsgebieten zu vermeiden, gibt es eine Obergrenze von Ärzten einzelner Fachrichtungen pro Einwohnerzahl. Mastbrook zählt zu einem Bereich, der statistisch als ausreichend versorgt gilt (siehe unten).

„Als ein erster Schritt wäre es wichtig, dass Dr. Reinke seine Praxis zur Übergabe ausschreibt. Dies hat er bisher allerdings nicht gemacht – insofern ist es für uns schwierig, in irgendeiner Weise aktiv zu werden“, sagt KV-Sprecher Marco Dethlefsen. Man sei sich der schwierigen Situation bewusst. „Bisher haben alle frei werdenden Hausarztpraxen im Mittelbereich Rendsburg einen Nachfolger gefunden, das stimmt uns vorsichtig optimistisch.“

Reinke ist es nicht. Die Praxis im Ostlandhaus habe im jetzigen Zustand keine Zukunft, argumentiert er. Der Arzt und der Eigentümer liegen im Streit. Reinke wirft ihm vor, das Gebäude verkommen zu lassen. „Es fehlen angemessene Rahmenbedingungen für eine Arztpraxis.“ Problem für den Altmieter: Er sucht einen Nachfolger, kann diesem aber keine zukunftstauglichen Räumlichkeiten bieten. „Es gab zwei Interessenten. Keiner wollte unter diesen räumlichen Bedingungen einsteigen.“ Und seinen Arztsitz einfach frei machen – das möchte Reinke auch mit 68 Jahren nicht. Er will sich nicht die Möglichkeit verbauen, noch ein paar Jahre an einem anderen Standort zu praktizieren, unter besseren Rahmenbedingungen, sollte sich in Mastbrook kein Nachfolger finden. „Die KV ist verpflichtet, für die Sicherstellung der ärztlichen Versorgung zu sorgen. Bei Ankündigung und Meldung von Versorgungsmangel muss und kann sie tätig werden“, bekräftigt er. Jetzt seien Stadt und KV in der Pflicht. Beide Körperschaften müssten endlich zusammen aktiv werden.

Gilgenast: „Sind auf der Suche“

Ist die kommunale Selbstverwaltung beim Thema „Hausarzt-Versorgung“ auf beiden Augen blind? Ein Blick in das Ratsinformationssystem der Stadt Rendsburg nährt zumindest den Verdacht, dass das Thema stiefmütterlich behandelt wird. Die letzte öffentliche politische Beratung fand am 23. September 2013 statt. Der Sozialausschuss befasste sich mit der Hausarzt-Apothekenversorgung in Rendsburg – ohne einen Beschluss zu fassen. „Wir brauchen einen Nachfolger für Dr. Reinke“, sagte Bürgermeister Pierre Gilgenast auf Nachfrage. „Ich unterstütze ihn, wenn seine Überlegungen konkret werden.“ Der Sanierungsträger Big-Städtebau sei im Auftrag der Stadt bereits aktiv. „Es wird nach Räumlichkeiten Ausschau gehalten.“

Theorie: 1 Arzt, 1671 Einwohner

In Rendsburg gibt es nach Angaben der Kassenärztlichen Vereinigung Schleswig-Holstein (KVSH) 23,5 hausärztliche Stellen in der ambulanten Versorgung (Vertragsärzte und in Praxen angestellte Ärzte). In Büdelsdorf sind es vier Stellen. Der Altersdurchschnitt der Hausärzte in Rendsburg liegt bei 55,3 Jahren, in Büdelsdorf bei 58,8 Jahren. Der Bedarf richtet sich nach der Zahl der Einwohner in einem Planungsbereich. Das Gesetz sieht zum Beispiel vor, dass ein Hausarzt durchschnittlich 1671 Einwohner versorgen soll. Ein Planungsbereich gilt als überversorgt und damit für weitere Stellen gesperrt, wenn die Arztdichte einer Fachgruppe einen Wert von mehr als 110 Prozent erreicht. Es gilt ein Zulassungsstopp. Im Mittelbereich Rendsburg, zu dem Büdelsdorf zählt, ist dies nach Aussage der Kassenärztlichen Vereinigung der Fall. Der Versorgungsgrad bei Hausärzten liege bei 112,4 Prozent, teilte ein Sprecher auf Anfrage mit.

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