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Schacht-Audorf : 30 Jahre Fährmann: „Wenn Schluss ist, ist Schluss.“

vom
Aus der Redaktion der Landeszeitung

Jürgen Stöcken transportierte Menschen zwischen Rendsburg und Schacht-Audorf.Gestern war der letzte Arbeitstag.

shz.de von
erstellt am 06.Apr.2016 | 06:00 Uhr

Die Wellen plätschern sanft um Bug und Heck, gemächlich schiebt sich die Fähre weg vom Anleger Rendsburg, hinüber nach Schacht-Audorf. Das Knattern des Schiffsmotors nimmt Jürgen Stöcken schon lange nicht mehr wahr. 30 Jahre lang arbeitete er als Matrose auf der Fähre Nobiskrug. Gestern war sein letzter Arbeitstag.

Um korrekt zu sein: „Im September wären es 30 Jahre gewesen“, brummt Stöcken am Dienstag um 12 Uhr, zwei Stunden vor seiner letzten dienstlichen Überfahrt. Sein Brummen ist kein verbittertes, es ist ein gutmütiges, sympathisches Alter-Seebär-Brummen. Die Fähre legt am Südufer an. Stöcken, drückt einen Knopf, die Schranke geht hoch. Autos fahren ab, wartende Fahrzeuge kommen an Bord. Schranke zu, ablegen, Wellenplätschern, Motorenknattern, Anlegen am Nordufer, Knopf drücken, Schranke hoch. „Das ist mein Job. Den mach ich acht Stunden“, sagt Stöcken. Manchmal steuerte er die Fähre auch.

Ein bisschen eintönig sei das schon. Aber die Fahrgäste lockerten den Alltag auf. Zahlreich sprechen sie ihn an seinem letzten Tag an, gratulieren, verschnacken die paar Minuten der Überfahrt. Unter ihnen hat Stöcken im Laufe der Jahre viele Freunde gefunden. Er kennt die Leute, er kennt den Kanal, das kann man sagen. Und er kennt die Welt.

In Schacht-Audorf aufgewachsen, wollte er immer schon zur See. 1966 war er mit 15 Jahren als Schiffsjunge zuerst auf Nord- und Ostsee unterwegs, und ein Jahr später bereits mit einem Frachter auf große Fahrt nach Brasilien, Kap Horn und später die ganze Welt. „Außer Australien hab ich alles gesehen.“ Als Mitte der 80-er Containerschiffe aufkamen, „da war das nichts mehr für mich“, sagt der 65-jährige Bootsmann. „Mit den alten Stückgutfrachtern hatte man zwei Wochen Liegezeiten. Da konnte man die Länder kennen lernen.“ Container sind dagegen schnell entladen.

Seitdem befuhr Stöcken den Nord-Ostseekanal. Spannender als auf den Containerschiffen ist es hier freilich auch nicht. Selten passiert etwas Unerwartetes. „Einmal brannte ein Auto. Ich bin mit dem Feuerlöscher hin, hab’s gelöscht.“ – „Und nun?“, hatte die Besitzerin gefragt. „Joa. Nun schieben wir es runter.“ Stöcken ist ein entspannter, praktisch veranlagter Typ. Wenn einer der Fahrgäste sich schlecht benahm, hatte Stöcken ihn auch schon mal am Ufer stehen lassen. „Immer ruhig. Da muss man drüber stehen“, sagt er. Die gemütlich-gute Laune ließ er sich selten verderben. Die Kameradschaft auf hoher See habe er auf den Kanaltouren schon manchmal vermisst. Aber die Familie regelmäßig zu sehen, sei doch mehr wert. Seit 44 Jahren ist Jürgen Stöcken verheiratet, hat drei Kinder und zwei Enkel.

Auch andere Fähren und Boote in Schleswig-Holstein hat Stöcken während der letzten 30 Jahre gesteuert. Die meiste Zeit aber befuhr er den Nord-Ostsee-Kanal auf der Fähre Nobiskrug. Viel verändert habe sich in all der Zeit nicht. Nur der Schichtdienst sei härter geworden, mit weniger Erholung zwischen den Schichten. Deshalb freut sich Stöcken auf seine Rente. Die letzten Male die routinierten Handgriffe ausführen: „Ein tolles Gefühl! Endlich keinen Stress mehr. Die Luft ist raus.“ Viele würden ihn zwar vermissen – „aber wenn Schluss ist, ist Schluss.“

Also keine Angst vor Langeweile in der Rente? I wo. Stöcken winkt ab. Er ist leidenschaftlicher Angler, fährt hierzu gern nach Norwegen. „Jetzt fängt die Aalsaison an“, sagt er. In Garten und Haus gibt es immer was zu tun. Dann ist da noch seine Pokerrunde. Und: „Australien würde mich noch mal interessieren. Dann habe ich alles durch.“

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