Stolpersteine : 24 Mal über die Vergangenheit stolpern

Familie Magnus im Bild (oben links), die Nazis vor ihrem Geschäft (unten links) und die Stolpersteine. Foto: Sopha (3)
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Familie Magnus im Bild (oben links), die Nazis vor ihrem Geschäft (unten links) und die Stolpersteine. Foto: Sopha (3)

Anhand der Stolpersteine auf den Spuren der Juden / Gunter Demnig wurde gestern mit dem Dönhoff Förderpreis ausgezeichnet

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03. Dezember 2012, 06:49 Uhr

Rendsburg | Es herrscht reger Betrieb vor dem Modegeschäft in der Hohen Straße. Doch die wenigsten Menschen, die sich T-Shirts anschauen, bemerken die drei Messingtafeln, die in das Straßenpflaster eingelassen sind. Sie erinnern daran, dass hier Walter Gortatowski mit seinen Geschwistern Herbert und Wally wohnte - bis sie vor den Repressionen der Nazis flüchteten. Die Stolpersteine sind drei von 24, die an die Rendsburger Juden erinnern. Initiator des Projekts ist der Kölner Bildhauer Gunter Demnig, der gestern in Hamburg mit dem Marion Dönhoff Förderpreis für internationale Verständigung und Versöhnung ausgezeichnet wurde.

"Es ist immer ein Stein pro Person", erklärt Frauke Dettmer. "Und vor ihrem letzten Wohnort." Die ehemalige Leiterin des Jüdischen Museums führt in den Sommermonaten regelmäßig auf den Spuren der Stolpersteine durch die Kanalstadt. Man kann in der Einkaufsstraße über sie stolpern, mehrfach rund um das Jüdische Museum aber auch in der Nobiskrüger Allee oder in der Moltkestraße.

"1933 gab es in Rendsburg 40 Personen, die als Juden verfolgt wurden. 30 davon waren Gemeindemitglieder", weiß Frauke Dettmer. 19 von ihnen kamen ums Leben. Es war eine kleine Gemeinde mit etlichen Textilkaufleuten in ihren Reihen. Auch Walter Gortatowski führte einen Textilwarenladen. Genau dort, wo heute S. Oliver modische Outfits verkauft, handelte er mit Kleidung unter anderem für Berufstätige - sehr erfolgreich. Die Familie (bis 1934 lebte auch noch Mutter Johanna) bewohnte die Etagen über dem Geschäft. "Schwester Wally hatte ein eigenes Zimmer mit Schaukel", weiß Frauke Dettmer aus Erzählungen von Zeitzeugen. Es gab einen prächtigen Salon, sonntags Kaffeefahrten in den (Klein)-Garten - ein gutbürgerliches Leben. "Die Rendsburger Juden waren sehr gut integriert", erklärt die Forscherin.

Das wird auch am Beispiel der Familie Seelenfreund deutlich, die ihr angesehenes Geschäft in der Nienstadtstraße betrieb. Später musste sie in die Proviant hausstraße umsiedeln, ehe sie 1939 nach Belgien flüchtete. Das Geschäft mit feiner Damenwäsche von Julius und Frieda Magnus in der Rosenstraße war sehr angesehen. "Eine Zeitzeugin erzählte, dass ihre Mutter Julius Magnus Geld mitgab, als dieser nach Berlin fuhr. Er sollte ihr dort einen Mantel kaufen", schildert Frauke Dettmer das Vertrauen, das diese Kaufleute genossen.

Umso härter wird sie die Judenverfolgung getroffen haben. "Noch schlimmer kann es nicht werden." Damit werden sie sich eine Zeit lang beruhigt haben, meint Frauke Dettmer. Herbert Gortatowski (Jahrgang 1905) war allerdings skeptisch und flüchtete 1937 nach Argentinien. Bruder Walter und Schwester Wally blieben. Erst wenige Monate vor der Reichspogromnacht 1938 gingen sie nach Berlin, in der Hoffnung, in der anonymen Großstadt untertauchen zu können. Die Hoffnung erfüllte sich nur zum Teil. Walter musste bei der Reichsbahn Zwangsarbeit leisten und verunglückte. Wally versteckte sich zweieinhalb Jahre lang in einer Laubenkolonie. "Ein traumatisches Erlebnis", so Frauke Dettmer. Geholfen wurde ihr unter Lebensgefahr von ihrem späteren Ehemann Erich Mahrt. Die beiden wanderten nach Kriegsende nach Argentinien aus, kehrten im Rentenalter zurück - doch Wally war nicht glücklich. 1979 setzte sie ihrem Leben selbst ein Ende. Trotz des Überlebens - die Verfolgungsjahre hatten ihren Lebenswillen zerstört.

Der Gang mit Frauke Dettmer durch die Stadt ist spannend. Man vergisst die Novemberkälte und ist am Ende doch eiskalt - denn die Erinnerungen machen die Unmenschlichkeit des Dritten Reiches deutlich. "Es werden noch einige Steine für jüdische Opfer hinzukommen", erklärt sie. "Aber auch für politische Opfer, für einen Homosexuellen, einen Bibelforscher (Zeugen Jehovas) und mindestens ein Euthanasieopfer." Matthias Lauer, der zur Zeit sein Freiwilliges Kulturelles Jahr in der Landeszentrale für Politische Bildung in Verbindung mit dem Jüdischen Museum absolviert, betreibt in diese Richtung momentan intensive Forschungsarbeit. So werden die Schicksale von Kommunisten bei der nächsten Verlegung eine wichtige Rolle spielen.

"Es gibt noch einiges zu heben", sagt Frauke Dettmer. Sie nutzt ihren Ruhestand für intensive Forschungen. Und weil momentan nur einzelne Geschichten in verschiedenen Publikationen zu finden sind, plant sie für das kommende Jahr ein Buch über die Schicksale der Juden.

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