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Hohenwestedt : 21-Jähriger gesteht tödliche Attacke

vom
Aus der Redaktion der Landeszeitung

Ein Streit in Hohenwestedt eskaliert: Im Prozess vor dem Kieler Landgericht beruft sich der Angeklagte auf Notwehr. Das 16-jährige Opfer verblutete beim Hallo-Partner-Tag.

shz.de von
erstellt am 17.Apr.2014 | 06:00 Uhr

Hohenwestedt | Vor ihr steht ein gerahmtes Foto auf dem Tisch. Äußerlich gefasst, aber doch mit starrem Blick verfolgt Gabriele Ferber, wie der 21-Jährige den Saal im Kieler Landgericht betritt. Er ist es, der ihrem Sohn am 7. September 2013 im Streit mit einem abgebrochenen Flaschenhals das Leben genommen hat. Am Donnerstag begann der Prozess, bei dem sich der junge Mann aus Aukrug wegen Totschlags verantworten muss.

„Es kam natürlich Wut und Hass in mir hoch“, berichtet die Mutter des getöteten Pattrick Kühl über den Moment, als der Angeklagte Florian K. in Handschellen hereingeführt wird. Sie wirkt erschöpft am Ende des ersten Verhandlungstages, an dem Florian K. die Tat zwar einräumte, dabei allerdings in Notwehr gehandelt haben will.

Laut Staatsanwalt ging der Angeklagte während des Volksfestes in Hohenwestedt (Hallo-Partner-Tag) unmittelbar vor der tödlichen Attacke einen Bekannten des Opfers an, weshalb sich der 16-jährige Hohenwestedter einmischte und ihm Schläge von der Seite verpasste. „Ich wollte mich wehren. Dann habe ich ausgeholt. Es war mir nicht bewusst, dass ich den Flaschenhals noch in der Hand hielt“, sagte der 21-Jährige. Bereits kurz zuvor hatte er einem Unbeteiligten die leere Flasche über den Kopf gezogen – angeblich, weil dieser ihn geschubst hatte. Dabei zerbrach die Flasche, den Flaschenhals behielt er in der Hand. Nach Darstellung der Staatsanwaltschaft rammte der Angeklagte diesen dann wenig später seinem Opfer rund drei Zentimeter tief in den Hals. Dadurch wurden eine Vene und die Schlagader verletzt, sodass der 16-Jährige binnen Minuten verblutete. Florian K. flüchtete, noch in der Nacht wurde er vor seiner Wohnung in Aukrug festgenommen und sitzt seitdem in Untersuchungshaft.

Bei der Befragung durch den Vorsitzenden Richter – sowohl zum persönlichen Werdegang als auch zum Tag der Tat – wirkte der wegen Körperverletzungen vorbestrafte Handwerker verunsichert, knetete seine Hände, wippte mit dem Fuß. Häufig ging sein Blick zuerst zu seinem Anwalt, bevor er antwortete. An diverse Dinge konnte er sich nicht erinnern, so zum Beispiel an den Geburtstag seiner Mutter, gegen die er auch schon handgreiflich wurde. Einige Sachverhalte, die er bei der Polizei schilderte, stellte er jetzt anders dar. Zum Beispiel wollte er die Flasche, mit der er zuschlug, auf dem Weg aufgesammelt haben. Bei der Polizei hieß es, er habe sie aus der Wohnung eines Kumpels mitgenommen. Von dort, so der Angeklagte, habe er sich damals auf den Weg gemacht, um nach einem Bekannten zu sehen, der zuvor verprügelt worden sein soll. „Ich wollte schauen, ob es ihm gut geht und ich helfen kann“, sagte er. Warum er überhaupt die Flasche an sich nahm, daran konnte er sich gestern jedoch ebenfalls nicht mehr erinnern.

Bevor es im Gerichtssaal um den Tag der Tat ging, zeichnete sich ein Bild von einem Angeklagten mit schwieriger Vergangenheit ab. Bereits als Kind erlitt er einen Schlaganfall mit leichten Spätfolgen, verließ nach zwei Schulwechseln die Hauptschule ohne Abschluss, griff immer öfter zur Flasche, konsumierte regelmäßig Cannabis und andere Drogen und wurde bereits während der Schulzeit in der Jugend-Psychiatrie behandelt. Später begann er eine Ausbildung als Dachdecker, wurde aber nicht übernommen. Im Februar 2013 trennte sich die Mutter nach langem Hin und Her endgültig vom Vater. Die Woche vor der Tat war gespickt mit Tiefschlägen: das Ende der Beziehung zu seiner Freundin, die Kündigung von der Firma und ein leichter Verkehrsunfall.

„Ich hatte für einen ganz kurzen Moment sogar Mitleid mit ihm, denn mein Kind hatte ein gutes Leben“, sagte die Mutter des Opfers, der die anhaltende Trauer aber während der Verhandlung anzusehen war. „Bei solchen Themen wird man jetzt viel sensibler. Wir Eltern bekommen lebenslänglich, denn das Kind wird nie mehr wiederkommen.“ Der Prozess wird am 7. Mai fortgesetzt. Ein Urteil könnte im Juni fallen. Neben der Frage, ob eine Notwehrsituation vorgelegen hat, wird das Gericht auch prüfen müssen, ob der zum Tatzeitpunkt offenbar alkoholisierte Angeklagte mit einem tödlichen Ausgang seiner Tat rechnen konnte.

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