Kurzer Prozess für Coop-Erpresser

Andy S. steht im Kieler Landgericht neben seinem Rechtsanwalt, Gerd-Manfred Achterberg.
1 von 2
Andy S. steht im Kieler Landgericht neben seinem Rechtsanwalt, Gerd-Manfred Achterberg.

Urteil nach nur einem Verhandlungstag vor dem Kieler Landgericht: Andy S. muss vier Jahre und neun Monate ins Gefängnis

von
13. März 2017, 19:56 Uhr

Der Angeklagte hat das Recht zu lügen. Auch bei seinem Geständnis. Es spricht viel dafür, dass Andy S. (38) das gestern getan hat. Der schlaksige Mann mit den dunklen Augenringen, der in Handschellen in Saal 232 des Kieler Landgerichts geführt wird, wollte vergangenen September drei Millionen Euro vom Handelskonzern Coop erpressen. Mit vergifteten Marzipanherzen vor einer Grundschule und zusätzlichen Bombendrohungen versetzte er in seiner Heimatstadt Kiel elf Tage lang Schüler, Eltern und Lehrer in Angst.

Dem Gericht erklärte er nun: „Es war keine Erpressung, sondern ein Test für ein Verschlüsselungsprogramm, dass ich im Darknet verkaufen wollte. Durch maximalen Druck wollte ich erreichen, dass die Polizei alles aufwendet, was sie technisch hat, um zu beweisen, dass Behörden keine Chance haben, meine Spuren aufzudecken.“

Der Staatsanwalt hakt nach: „Es war eine Werbeveranstaltung für eine Software?“ Andy S. antwortet: „Ja, das ist korrekt. Und mit dem Gutachten des Landeskriminalamts habe ich jetzt schwarz auf weiß, dass es funktioniert.“ Tatsächlich konnten die Ermittler seine Mails nicht zurückverfolgen, den Laptop nicht knacken. Auf die Spur kamen sie ihm über die Marzipanherzen. Andy S. schiebt seinen Seitenscheitel zurecht und sagt dann mit gefalteten Händen. „Ich habe die Tat begangen, aber es war nie meine Absicht, Kinder in Gefahr zu bringen. Und mir tut es aufrichtig leid, die Kieler Bevölkerung verunsichert zu haben.“

Wer ist Andy S.? Seine Biografie rattert er hastig herunter: Eine schöne Kindheit in bürgerlicher Umgebung, zwei Geschwister. Nach der Schule jahrelang gejobbt, 2005 dann nach China, um sich der deutschen Justiz zu entziehen, die wegen Betrügereien ermittelte. Dort ein Studium der chinesischen Sprache aufgenommen und 2009 abgeschlossen. Weil sein Reisepass abgelaufen war, wurde Andy S. im gleichen Jahr in Abschiebehaft genommen, blieb dort 14 Monate. Er will gefoltert worden sein und gesehen haben, wie Kinder mit Giftspritzen hingerichtet wurden. Die Folge: eine posttraumatische Belastungsstörung. Die psychiatrische Gutachterin sieht aber keine Hinweise auf ein solches Leiden, sagt: „Ein Betroffener würde nie in das Land zurückreisen, in dem er gefoltert wurde. Der Angeklagte stellt sich kränker dar, als er ist.“

Andy S. flog nach seiner Freilassung einmal pro Monat nach China, bot deutschen Bundesbehörden eine Mitarbeit bei der Spionageabwehr an. Doch die lehnten ab. Auch nach einem Hackerangriff auf Kieler Hotels, der vergangenen August eine Buchungsflut auslöste, war sein Angebot ans Landeskriminalamt, die Straftäter ausfindig zu machen, nicht gefragt. „Stattdessen wurde gegen mich ermittelt“, sagt der Angeklagte.

Vom 8. bis 19. September 2016 verschickte Andy S. rund 20 Mails in einem Mix aus Deutsch und Englisch, forderte von Coop drei Millionen Euro in der digitalen Währung Bitcoin. Die Marzipanherzen bestrich er mit einem Ameisengift mit dem Wirkstoff Pyrethrine, der Übelkeit und Erbrechen verursacht. Ebenso präparierte er Nimm-Zwei-Bonbons, die er in Kieler Parks auslegte und Weingummis, die er in einer Brotdose an einer Schulbushaltestelle deponierte. Fingerabdrücke oder DNA-Spuren gab es daran nie, und einem Kieler Youtube-Sternchen, dass er managen wollte, erklärte Andy S.: „Ich habe eine große Sache am Laufen, danach können wir durchstarten.“

Der Staatsanwalt sagt zum Angeklagten: „Ich glaube ihnen kein Wort. Software zur Verschlüsselung gibt es schon, es ging um Erpressung.“ Der Verteidiger erklärt in seinem Plädoyer: „Es wurde nie ein Bitcoin-Konto zur Zahlung genannt, es war nur besonders schwere Nötigung.“

Richter Ralph Jacobsen folgte der Staatsanwaltschaft, sah in der Tat eine versuchte räuberischen Erpressung. Das Urteil: vier Jahre und neun Monate Haft. In seiner Begründung sagte der Richter: „Die Gesundheit von Schulkindern wurde als Druckmittel eingesetzt.“ Und: „Mit dem erpressten Geld wollte der Angeklagte sich bereichern.“

zur Startseite
Karte

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen