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Gesundheitsamts-Chef Kai Giermann Omikron nicht aufzuhalten: Der Kreis Schleswig-Flensburg ist auf dem Weg zur Durchseuchung

Von Gero Trittmaack | 25.01.2022, 11:57 Uhr

Die Corona-Fallzahlen sind höher als je zuvor. Das Virus ist nicht aufzuhalten, sagt Kai Giermann, der Leiter des Schleswiger Gesundheitsamts. Dennoch sieht er die Chance auf ein baldiges Ende der Pandemie.

Dr. Kai Giermann, der Leiter des Schleswiger Gesundheitsamtes, betrachtet die hohe Zahl der Corona-Fälle im Kreisgebiet emotionslos. „Wir sind an einem Punkt angekommen, an dem wir dagegen nichts mehr können. Wir können das Virus nicht besiegen. Wir brennen jetzt ab. Wir müssen jetzt alles dafür tun, dass dies kontrolliert geschieht. So wie die Feuerwehr einen Schuppen kontrolliert niederbrennen lässt, damit es nicht zu weiteren Schäden kommt. Für uns bedeutet das, dass wir die nicht zu verhindernde Ausbreitung zeitlich strecken müssen, um eine Überlastung der Krankenhäuser verhindern.“

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Ohne Impfung hätte die Intensivstation gedroht

Giermann geht davon aus, dass das Virus nicht zu stoppen ist: „Jeder wird es bekommen“, sagt er, „es ist nur die Frage, wie schwer der Verlauf sein wird.“ Giermann selbst hat es gerade hinter sich. „Ich war müde und habe es zunächst auf die 180 Überstunden geschoben. Dann stellte sich heraus, dass ich positiv war. Das habe ich mit Grog bekämpft und auf dem Sofa auskuriert. Das ging aber nur, weil sich zweimal geimpft und geboostert bin. Ich bin übergewichtig, habe eine sitzende Tätigkeit. Ohne die Impfungen hätte es mich gekillt oder zumindest auf die Intensivstation gebracht.“

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Was die Impfungen zurzeit ausmachen, beschreibt Giermann mit einem Gedankenexperiment: „Nehmen wir einmal es, es gäbe die jetzige Infektionslage ohne Impfungen – dann würde jedes gesellschaftliche Leben, und dazu gehören auch die Krankenhäuser, zusammenbrechen. Das zeigt: Das Impfen bewirkt auch bei dieser hochinfektiösen Mutante eine Verzögerung der Ausbreitung. Das ist der große Vorteil der Impfungen. Ohne sie bräuchten wir keinen Lockdown mehr, weil alle in Quarantäne wären und ohnehin nicht mehr arbeiten könnten.“

„Das Virus war schlauer, es hat sich verändert, lebt weiter, ist ansteckender geworden, aber auch langsamer.“
Dr. Kai Giermann, Leiter des Schleswiger Gesundheitsamts

Den persönlichen Vorteil beschreibt Giermann mit den milderen Verläufen, den gesellschaftspolitischen mit der Tatsache, dass die Welle nicht so durchrast, dass die Krankenhäuser nicht mehr nachkommen. „Schon jetzt sind in einigen Bereichen die Krankenhäuser so voll, dass periphere Stationen zu Corona-Stationen umgerüstet werden müssen. Das ist bei uns im Kreis noch nicht der Fall.“ Wer geglaubt habe, das Impfen schütze vor dem Virus, habe sich getäuscht. „Das Virus war schlauer“, sagt Giermann, „es hat sich verändert, lebt weiter, ist ansteckender geworden, aber auch langsamer. Und es verursacht nicht mehr so schwere Verläufe.“

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Corona-Ausbrüche in Diskotheken sind unmöglich nachzuverfolgen

Dass sich das Virus auch bei uns so rasant ausbreitet, führt Kai Giermann in erster Linie auf die Super-Spreader-Ereignisse rund um die Weihnachtszeit zurück. „Diese großen Disko-Veranstaltungen liefen so nach dem Motto: Wenn es dem Esel zu wohl wird, geht er aufs Eis. Ansteckungen zu Hause gibt es häufig, die aber bekommt man mit der Seuchenhygiene und Quarantäne gedeckelt. Aber bei Busreisen, Diskos oder gar großen Fußballspielen ist die Nachverfolgung der Kontakte nicht möglich. Das schafft kein Gesundheitsamt der Welt.“ Selbst dann nicht, wenn man alle Namen und Telefonnummern hätte.

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Aber wie ist es zu erklären, dass gerade jetzt – zu einer Zeit, in der das Virus durchrast – schon wieder über ein mögliches Ende der Pandemie in naher Zukunft gesprochen wird? Es sei durchaus möglich, so Giermann, dass immer mehr Menschen durch Impfungen, Boosterungen oder die Antikörper durch eine überstandene Infektion gut geschützt seien. Aber versprechen will Giermann nichts: „Wir haben es mit einem Virus zu tun, das gerne mutiert. Es mutiert doch alle naselang, immer auf der Suche nach dem besten Weg, um zu überleben. Und das funktioniert am besten weitgehend unentdeckt.“ Aber es gebe auch Mutationen, die aus Sicht des Virus nicht gelingen. Und die seien dann möglicherweise nicht ansteckender und ungefährlicher, sondern doch wieder gefährlicher.

Das Ende der Pandemie ist abzusehen

Giermann ist dennoch überzeugt davon, dass sich auch dieses Virus über kurz oder lang in die Liste der bekannten „Frühjahrs-Rotz-Viren“ einreiht. Ob schon in diesem oder erst im nächsten Jahr, kann er nicht voraussagen. „Bei der Mutationsfreudigkeit ist das bald zu erwarten. Aber ich lasse mich nicht auf ein Datum festnageln. Dafür müsste ich Glaskugeln kaufen.“ Jetzt gehe es zunächst aber noch darum, die schnelle Ausbreitung zu verhindern. Mit der Vermeidung von großen Veranstaltungen, mit Impfungen, Masken und Abstand.