Heiligenhafen : Kindertod an der Ostsee: 4000 Euro Geldstrafe gegen Fahrerin

An der Unglücksstelle in Heiligenhafen hat die Familie von Leni, die aus Brandenburg kommt, eine kleine Gedenkstätte errichtet, die sie liebevoll pflegt.
An der Unglücksstelle in Heiligenhafen hat die Familie von Leni, die aus Brandenburg kommt, eine kleine Gedenkstätte errichtet, die sie liebevoll pflegt.

Eine Neunjährige Urlauberin wird in Strandnähe angefahren und stirbt – die Fahrerin muss eine Geldstrafe zahlen.

shz.de von
14. März 2018, 19:48 Uhr

Leni starb Himmelfahrt 2017. Ihre Familie war an diesem Tag mit ihr nach Heiligenhafen an die Ostsee gefahren. Die Neunjährige wollte an den Strand, lief über die Straße. Dort kam es zur Tragödie: Der Chevrolet einer jungen Hamburgerin erfasste das Mädchen. Am Dienstag musste sich die Chevrolet-Fahrerin vor dem Amtsgericht in Oldenburg (Kreis Ostholstein) verantworten. Die Anklage lautete auf fahrlässige Tötung.

Finanzbeamtin Sarah M. (21) hatte mit Freundinnen Urlaub in Heiligenhafen gemacht. Sie sagt zum Richter: „Gegen 12.20 Uhr sind wir zum Einkaufen. Ich fuhr die erlaubten 50 Kilometer pro Stunde. Auf einem Parkplatz-Grünstreifen an der Straße stand eine Gruppe von Menschen, auch Kinder. Aber ich hätte nie gedacht, dass jemand überhaupt versuchen könnte, bei diesem Verkehr die Straße zu überqueren.“

Doch Leni lief los. Sarah M. will gebremst haben und auf die Gegenfahrbahn ausgewichen sein. Mit dem rechten Scheinwerfer erfasste ihr Wagen das Mädchen, schleuderte es gegen Motorhaube und A-Säule, dann auf den Sand. Der Rechtsmediziner sagt: „Bei der Obduktion haben wir einen eingedrückten Lochbruch im Schädel festgestellt. Zudem waren sämtliche Hirngefäße abgerissen. Nach dem Aufprall wurde das Gehirn also schon nicht mehr durchblutet, es gab keine Möglichkeit, das Leben des Kindes zu retten.“

Sie fuhr zu schnell

Der Unfallsachverständige erklärt dem Richter, dass der Aufprall mit mindestens 40 Stundenkilometern erfolgte – und der Unfall bei Tempo 31 hätte vermieden werden können. Der Richter verliest eine Aussage, die Sarahs Beifahrerin bei der Polizei gemacht hat. Sie gab zu Protokoll, für sie sei es ersichtlich gewesen, dass die Gruppe über die Straße an den Strand wollte.

Das greift der Staatsanwalt in seinem Plädoyer auf: „Somit war eine Gefahr erkennbar, zumal der Gesetzgeber sagt, dass man von Kindern nicht erwarten darf, dass sie sich verkehrsgerecht verhalten.“ Die Angeklagte habe fahrlässig gehandelt, weil sie nicht langsamer gefahren und bremsbereit gewesen sei. Der Verteidiger entgegnet: „Die erhöhte Sorgfaltspflicht gilt doch nur, wenn Kinder ein unsicheres Verhalten zeigen.“ Deshalb sei seine Mandantin freizusprechen. Sarah M. sagt beim letzten Wort unter Tränen: „Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht daran denke. Es tut mir wahnsinnig leid für die Eltern. Ich wünschte, ich wäre woanders gewesen.“

Das Urteil: Es war fahrlässige Tötung. Sarah M. erhält eine Geldstrafe von 4000 Euro, ausgesetzt zur Bewährung, und muss 1500 Euro für krebskranke Kinder zahlen. Der Richter: „Bei Kindern kann man nicht darauf vertrauen, dass sie stehen bleiben.“ Und die Gemeinde rüffelt er: Dass es zum Parkplatz keinen Zebrastreifen gab, hat niemanden interessiert. Die Familie von Leni hat sich das Urteil nicht mehr angehört, ist lieber zu der kleinen Gedenkstätte am Strand gefahren, die sie eingerichtet hat.

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