Handwerk in Frauenhand Werkstatt der Tischlerinnen

Von Udo Carstens | 26.03.2019, 18:37 Uhr

Bereits 1981 hatte Joachim Sienknecht in Schilksee die erste Azubine eingestellt - gegen den Widerstand der eigenen Innung. Der Tischlermeister hat mit seinen Mitarbeiterinnen nur gute Erfahrungen gemacht. Heute Bei arbeiten bei ihm mehr Frauen als Männer.



Es funktioniert. Tischlermeister Joachim Sienknecht hat mit Frauen in seiner Werkstatt nur gute Erfahrungen gemacht. Aktuell sind vier seiner sechs Mitarbeiter in der Werkstatt in Schilksee Azubinen oder Gesellinnen. Das ist beispielhaft. Anlässlich des bevorstehenden Girls und Boys Day am 28. März überreichte die Kieler Arbeitsagentur-Chefin Petra Eylander der Tischlerei Sienknecht gestern deshalb das „MINT-Zertifikat“.

MINT steht für Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik – Bereiche, in denen sich junge Frauen bis zum heutigen Tag nicht so richtig wohlfühlen. Bei ihnen stehen Kauffrau, Verkäuferin, Friseuse, MTA oder Reno-Gehilfin in der Liste der nachgefragten Ausbildungsberufe ganz oben. Genau diesen Zustand aber will die MINT-Kampagne ändern – für Petra Eylander besitzt Joachim Sienknecht mit seiner „weiblichen“ Tischlerei Vorzeigecharakter.

Dabei waren die Anfänge nicht einfach. Gegen harte Widerstände in der eigenen Innung hatte Sienknecht 1981 den ersten weiblichen Lehrling eingestellt. Eike Christiane Horst bewies ihm (und den Kollegen), dass sie ihr Handwerk mindestens ebenso gut beherrscht wie die Männer. Es folgten ihr viele andere Frauen nach. Unter ihnen Lisa-Marie Schälke, die gegenwärtig in Flensburg die Meisterschule besucht und mindestens einmal pro Woche ihre alte Werkstatt aufsucht.

Sienknecht hat im Laufe der Jahrzehnte eine interessante Beobachtung gemacht: „Frauen sind meist einfallsreicher als Männer.“ Wo die harten Jungs beispielsweise allein auf ihre körperliche Kraft setzen (etwa um Möbel zu tragen), suchen die Handwerkerinnen nach Methoden, sich die schwere Arbeit zu erleichtern.

„Es schadet nicht, zu zweit zu tragen. Jedenfalls ist noch kein Auftrag daran gescheitert, dass ich nicht kräftig genug war“, erklärt Hanna Polte, Auszubildende im dritten Lehrjahr. Die Arbeit in der Werkstatt ist keine Geschlechterfrage. Für ihr Gesellenstück – ein massiver Schreibtisch soll’ werden – nimmt Hanna Tipps sowohl von Janka Lohse wie von Dirk Quade an. Beide sind seit fast 30 Jahren in der Schilkseer Werkstatt beschäftigt.

Bei den Jungs zählt das Tischlerhandwerk zu den attraktivsten Ausbildungen überhaupt. Ganz anders bei den Mädchen. „Wir haben im letzten Jahr gerade einmal fünf Bewerberinnen für den Beruf der Tischlerin gezählt“, hat Petra Eylander in der Azubi-Statistik nachgezählt. Gemeinsam mit Barbara Schütt, zuständig für Chancengleichheit bei der Arbeitsagentur, will sie diesen Zustand ändern. „Wir hoffen, dass wir – ganz im Sinne von MINT – mehr junge Frauen für den bislang frauentypischen Beruf begeistern können.“

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Wer Mathe in der Schule ganz okay fand, schon immer einen Hang zu Computer, Technik oder Handwerk besaß, aber noch keine Berufsidee hat – der ist bei diesem Eignungstest der Agentur für Arbeit gut aufgehoben. Mädchen vor der Berufswahl können am Donnerstag, 11. April, zwischen 9 und 12.30 Uhr herausfinden, welche Stärken sie nutzen sollten. Die Teilnahme ist kostenlos, Anmeldung ist nötig: bis zum 3. April bei Barbara Schütt, Tel. 0431 / 709 -1118.