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Lokales

17. Dezember 2017 | 00:20 Uhr

Sylt Shuttle : Kampf um die Gold-Trasse

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Sylt ist mit dem Auto schnell nur via Autozug zu erreichen. Bislang betrieb die Deutsche Bahn die Linie. Doch die Trasse wird zum Winterfahrplan 2015 neu vergeben. Drei Bewerber wollen die lukrative Strecke betreiben.

Westerland | Wer sein Auto mit nach Sylt nehmen will, muss erstmal zahlen. 51 Euro kostet ein einfaches Fahrtticket für den Autozug – für eine Fahrt, die gerade einmal eine halbe Stunde dauert. Trotzdem transportiert der Sylt-Shuttle pro Fahrtrichtung jedes Jahr bis zu 480.000 Fahrzeuge. Denn wer sein Auto mit auf die Insel nehmen möchte oder muss, hat kaum Alternativen. Zwar gibt es eine Fährverbindung nach List, dafür muss man jedoch erstmal bis nach Dänemark fahren, um von Havneby auf der Insel Röm aus überzusetzen. Das macht die kurze Strecke zwischen Westerland und Niebüll zu einer Gold-Trasse. Medienberichten zufolge fährt die Bahn auf ihr einen jährlichen Gewinn von rund 60 Millionen Euro ein.

Dementsprechend begehrt ist die Bahnstrecke. Bislang wurde sie von der Deutschen Bahn betrieben, doch das könnte sich schon bald ändern: Sowohl das Bahnunternehmen Railroad Development Corporation Deutschland (RDCD), ein Tochterunternehmen des US-amerikanischen Eisenbahnkonzerns RDC, als auch das Land Schleswig-Holstein haben Interesse an der Nutzung der Trasse angemeldet.

Ungewöhnlich ist das nicht. Ganz regulär können Unternehmen zur jeweils nächsten Fahrplanänderung, in diesem Fall für Dezember 2015, sogenannte Trassenanmeldungen einreichen. Damit bewerben sie sich dafür, Eisenbahnstrecken für mindestens fünf Jahre zu befahren. Das ist deutschlandweit für alle Bahnstrecken möglich. Derzeit werden die rund 60 000 Trassen im Personen- und Güterverkehr, die sich auf ein knapp 34 000 Kilometer langes Schienennetz aufteilen, von über 390 Eisenbahnverkehrsunternehmen genutzt. Vergeben werden die Streckenabschnitte durch die DB Netz AG, einem Tochter-Unternehmen der Deutschen Bahn. Es prüft, vereinfacht gesagt, ob die angemeldete Zugverbindung auf der gewünschten Strecke realisierbar ist, und versucht, mögliche Konflikte verschiedener Anmeldungen mithilfe einvernehmlicher Lösungen zu beseitigen.

RDCD, die in Deutschland bereits den Hamburg-Köln-Express HLX betreibt, hat nach eigenen Angaben Anmeldungen für einen „durchgehenden Taktverkehr mit sehr hohen Trassenentgelten“ eingereicht, die „nach den geltenden Regeln gegenüber anderen Anmeldungen vorrangig zu behandeln sind“. Das Unternehmen plane Geschäftsführer Carsten Carstensen zufolge „eine deutliche Ausweitung des Verkehrs“ und gibt an, fast 50 Prozent mehr Abfahrten beantragt zu haben, als bisher erfolgen. Gleichzeitig betonte Carstensen jedoch, dadurch weder die Pkw-Nutzung bei der Anreise noch die Zahl der Tagestouristen steigern zu wollen. „Ziel ist es vielmehr, den Touristen mehr Service und der Wirtschaft, den Einwohnern und den auf der Insel Beschäftigten einen besseren Autozug zu bieten.“

Das Land Schleswig-Holstein habe kein Interesse daran, mehr Autos nach Sylt zu befördern als bisher, sagt Harald Haase, Sprecher des Ministeriums für Wirtschaft, Arbeit, Verkehr und Technologie. Angemeldet wurde das Interesse an einer Gleisnutzung bis nach Lindholm, ein paar Kilometer von der derzeitigen Verladestation in Niebüll entfernt. „Das Land verspricht sich von der Nutzung eine Integration der Autozugverkehre in den Nahverkehr des Landes, Qualitätsverbesserungen und eine Reduktion der Zuschüsse für den Schienenpersonennahverkehr“, begründet Haase die Anmeldung – und stellt damit zudem klar, dass mit den zusätzlichen Einnahmen nicht die Fahrpreise gesenkt, sondern die niedrigen Einnahmen des Nahverkehrs ausgeglichen werden sollen. Züge betreiben wolle das Land im Falle einer Zusage aber nicht. Stattdessen soll mithilfe einer Ausschreibung ein „professioneller Betreiber“ gefunden werden, der mit der Durchführung beauftragt werde. Dieser müsste dann auch für gegebenenfalls anfallende Kosten für Umbauten oder Anschaffungen aufkommen.

Dass somit aktuell drei Interessenten um die Strecke des Sylt-Shuttle konkurrieren, ist besonders vor dem Hintergrund spannend, dass die Strecke über den Hindenburgdamm, die neben dem Autozug auch für den Personen- und Güterverkehr genutzt wird, an manchen Abschnitten nur eingleisig verläuft und die Anzahl der Zugverbindungen dadurch stark begrenzt ist. Dass alle drei Unternehmen Verbindungen zwischen Niebüll und Westerland anbieten können, scheint darum so gut wie unmöglich zu sein.

Wenn sich Anmeldungen mehrerer Interessenten für eine Strecke überschneiden, wie im Fall des Sylt-Shuttle, muss in einem Koordinierungsverfahren nach einer einvernehmlichen Lösung gesucht werden. Ob das funktioniert, ist jedoch ungewiss. Können sich die Unternehmen nicht einigen, gibt der Gesetzgeber bestimmte Regeln vor, nach denen die Trassen vergeben werden.

Carsten Carstensen von RDCD geht davon aus, im März 2015 die Rahmenverträge zur Trassennutzung zu unterschreiben. Zum Betriebsstart wolle man „die Mitarbeiter der DB Fernverkehr, die heute beim Autozugverkehr auf die Insel beschäftigt sind, zu vergleichbaren Konditionen übernehmen“. Zusätzlich verspricht Carstensen weitere Arbeitsplätze, sollte der Autozugverkehr „bedarfsgerecht ausgebaut“ werden.

Ob Carstensen sein Vorhaben tatsächlich wie geplant umsetzen können wird, ist zum jetzigen Zeitpunkt unklar. Fest steht: Spätestens acht Monate vor Inkrafttreten eines neuen Fahrplans müssen Trassenanmeldungen der DB Netz AG vorliegen. Die hat anschließend 50 Werktage Zeit, etwaige Konflikte zu lösen und einen vorläufigen Netzfahrplan zu entwerfen. Den können die Trassenanmelder jedoch noch einen Monat lang beanstanden, wenn sie entsprechende Einwände haben. Eine endgültige Entscheidung soll im Sommer desselben Jahres fallen.

So unsicher wie das Ergebnis dieses Entscheidungsprozesses sind derzeit auch noch die Auswirkungen auf Reisende. Das könnten, den Plänen der Interessenten zufolge, beispielsweise häufigere Abfahrtszeiten sein, sollte die Strecke eine intensivere Nutzung überhaupt hergeben. Mit günstigeren Preisen ist jedenfalls nicht zu rechnen: Weder RDCD noch das Land Schleswig-Holstein planen, die derzeit aktuellen Preise der Deutschen Bahn zu senken. Unabhängig davon, wer den Zuschlag für die Strecke über den Hindenburgdamm bekommt, scheint die günstigste Variante für Urlauber die Anreise ganz ohne Pkw zu sein. Das schont nicht nur den Geldbeutel, sondern auch die Umwelt.

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