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Lokales

21. August 2017 | 22:13 Uhr

Jung, kreativ und ein begabter Lyriker

vom
Aus der Redaktion des Quickborner Tageblatts

Kunst Der Quickborner Timo Brandt hat seinen ersten Gedichtband vorlegt / In der Szene gilt der 24-Jährige als großes Talent

Drei Jahre ist es her, dass eine Jury aus Verlegern, Schriftstellern und Dramatikern den Quickborner Timo Brandt zu den besten jungen Poeten Deutschlands kürte (unsere Zeitung berichtete). Jetzt hat der Lyriker seinen ersten Gedichtband vorgelegt und könnte damit auch eingefleischte Romanleser überzeugen. Titel: „Enterhilfe fürs Universum“.

Der 24-Jährige, der inzwischen in Wien lebt und dort Sprachkunst studiert, ist ein nachdenklicher Mensch. Auf seine Arbeiten angesprochen, anwortet er mit Bedacht. „Drei Jahre habe ich an den Gedichten gearbeitet und bin jetzt sehr froh, dass sie als Buch vorlegen“, sagt er mit einem inzwischen leichten österreichischen Dialekt. Er liebt Wien, hat dort – wie er selber sagt – viele „coole Leute“ kennengelernt und bewegt sich zum ersten Mal in einer Gruppe Gleichgesinnter. Lyrik ist eben nicht die bevorzugte Kunst der 20-Jährigen.

Dabei ist Timo Brandt auch in seinen Gedichten, den Themen und der Sprache ganz Kind seiner Zeit. „Vieles um uns herum hat poetisches Potenzial“, sagt er. Vor allem die Natur hat es ihm angetan, aber weniger in Form von Fauna und Flora, sondern vielmehr „als ein Spiegel für unsere Gesellschaft und Zivilisation“. Sein Debüt ist bemerkenswert, auch weil er mit seinen Gedichten einen ganz eigenen Weg geht. Von der Wahl der Wörter bis hin zur Komposition von Zeilen, Buchstaben und Orthografie überlässt der Perfektionist nichts dem Zufall. Jedes sinnstiftende Element setzt Brandt ein, um seiner Poesie Nachdruck zu verleihen. Unzählige Leerzeichen, genau platzierte Einrückungen und unterschiedliche Zeilenabstände durchziehen die Texte und lösen die klassische Struktur klar angeordneter Strophen auf. Das macht „Enterhilfe fürs Universum“ neben dem literarischen auch zu einem optischen Kunstwerk.

Gleichzeitig setzt er denen ein Denkmal, die ihn inspirieren und ihm als Vorbilder dienen: Ted Hughes, Anna Achmatowa, Sylvia Plath, Joseph Brodsky. Sie alle tauchen in Band auf, eine Herausforderung für den unkundigen Leser und eine berührende Liebeserklärung an ihre Kunst. Timo Brandt ist ein leidenschaftliche Leser, hört aber auch gern Musik. Vor allem Lou Reed und die englische Band „The Clash“ liebt er. So verwundert es nicht, dass sich seine Gedichte fast wie Songtexte lesen. Und genau damit macht er dem verschmähten Genre Hoffnung und gibt ihm eine Zukunft.

Erstmals an die Öffentlichkeit gewagt hat er sich, als er 2013 an einem Lyrik-Wettbewerb teilnahm und am Ende zu den 20 Preisträgern gehörte – ausgewählt aus 1000 Bewerbern. Sein Lohn: Er traf sich eine Woche lang im Haus der Berliner Festspiele mit anderen jungen Poeten und fand so erstmals eine Bühne, auf der er sich auch noch bewährte. Das machte ihm Mut. Triebfeder sei „der Wusch nach Widerhall“ gewesen, sagt Brandt. Er wollte gehört werden, spüren, wie seine Werke ankommen.

Kurz nach diesem für ihn so wichtigen Erlebnis ging er nach Wien und studiert dort seit sechs Semestern Sprachkunst, also Kreatives Schreiben. Das Besondere daran: An seiner Hochschule arbeiten die verschiedenen Kunstrichtungen interdisziplinär zusammen, und die Studierenden seiner Fachrichtung beschäftigen sich mit den Themen Lyrik, Prosa, Roman, Essay und Drama. In einem halben Jahr will er fertig sein, dann hat er seinen Bachelor. Bis dahin arbeitet er akribisch an dem Gedicht, das er dafür einreichen will.

Wie es dann weitergeht? „Ich habe noch keinen Masterplan.“ Dass sich mit Lyrik kaum Geld verdienen lässt, ist ihm klar. Das holt er durch Literaturkritiken und Rezensionen rein. Und weil er in Wien inzwischen gut vernetzt ist, hofft er, dort auch bleiben zu können und vielleicht einen Job zu finden. Seine Quickborner Familie und Freunde werden sich also mit seiner Literatur zufriedengeben müssen – zumindest bis auf Weiteres. An sie und alle, die sein Buch lesen möchten, appelliert Timo Brandt, es möglichst nicht bei einem der großen Versandhandelsunternehmen im Internet zu bestellen. „Ich liebe die kleinen Buchhandlungen vor Ort“, sagt er. Der Gedichtband kostet 16,50 Euro und ist im Verlag Edition offenes Feld erschienen.

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erstellt am 22.Apr.2017 | 16:29 Uhr

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