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Berufsstart im Ausnahmezustand RBZ Itzehoe bereitet junge Ukraine-Flüchtlinge auf Berufsleben in Deutschland vor

Von Athanassia Savvas | 13.08.2022, 17:00 Uhr

Ukrainische Schüler lernen am Regionalen Berufsbildungszentrum (RBZ) in Itzehoe Deutsch und die duale Ausbildung kennen. Eine Möglichkeit dafür bietet die Azubiz-Messe.

Ihre Familien und Freunde blieben in der Heimat, 2000 Kilometer entfernt. In Schenefeld bauen sich junge Ukrainer nun ein neues Leben auf. Seit etwa fünf Monaten leben sie in der Gemeinde. Ein neuer Alltag in einem neuen Land: Jeden Morgen nach dem Frühstück geht es zur Bushaltestelle. „Dann fahren wir ungefähr eine halbe Stunde nach Itzehoe zur Schule“, sagt Alina Kozhemiaka aus Kriviy Roh – einer Stadt in der Ukraine, in der Nähe zur umkämpften Donezk-Region. Die 17-jährige Schülerin floh wie auch ihre 17-jährige beste Freundin Maryna Babets und Babets Freund Illia Portnov aus der selben Stadt.

Deutschunterricht am RBZ

An der Schule in Itzehoe lernen die Schüler nun Deutsch, sagt Marion Gaudlitz, zuständig für Deutsch-als-Zweitsprache (DaZ) am RBZ. Im Mai begann der Unterricht. Es laufe bei allen dreien gut: „Wir sind sehr fleißig“, sagt Portnov. „Wir verstehen und sprechen schon ein bisschen Deutsch“, sagt Babets. Schwer sei es für sie nicht. „Wenn du Englisch kannst, dann ist deutsch nicht so schwer“, ergänzt sie. Portnov kam später dazu, daher unterstützten ihn die Mädchen. Viele Wörter müsse er noch lernen, sagt er selbst. Wenn jemand spreche, dann verstehe er ein bisschen.

Online den ukrainischen Abschluss gemacht

In Deutschland ist nicht nur die Sprache anders, auch Schul- und Ausbildungssysteme unterscheiden sich. Den höchsten Schulabschluss haben Ukrainer nach elf Jahren in der Tasche. Babets und Kozhemiaka waren in der Abschlussklasse als sie vor dem Krieg flüchteten. Dank Online-Unterricht konnten beide die Schule beenden.

In Itzehoe hatten die jungen Frauen deshalb von April bis Juni parallel Unterricht: Bis 11 Uhr ukrainischen Unterricht online, danach ging es ins RBZ, um Deutsch zu lernen, berichtet Babets. Nach dem Unterricht wurden ukrainische Aufgaben gemacht und danach nochmal Deutsch geübt. „Die Zeitverschiebung war ein Vorteil, weil es dort eine Stunde später ist“, sagt Babets. Online-Unterricht würden alle durch die Corona-Pandemie schon kennen und hätten daher den Unterrichtsstoff mitbekommen.

Die meisten hätten einen Abschluss, sagt Olaf Stahl, Fachkoordinator für Geflüchtete unter 18 Jahren. Er hofft daher, dass alle Abschlüsse übersetzt und anerkannt würden. Deshalb werde nur Sprachunterricht angeboten, sagt er. Für ein Studium müsse das Sprachniveau C1, für eine Ausbildung das Niveau B2 erreicht sein – daher werde der Fokus nur auf die Sprache gelegt. Etwa 35 Schüler würden am RBZ Deutsch lernen. Im nächsten Jahr stehe die Deutschprüfung an. Gaudlitz hofft, dass viele Ukrainer daran teilnehmen werden. „Mein persönliches Ziel ist, die Schüler in die Lage zu bringen, dass sie sich unterhalten können“, sagt die Deutschlehrerin.

Mehr Informationen:

In der Ukraine wird man mit sechs Jahren eingeschult. Nach der Primar- und Sekundarstufe kommt in der neunten Klasse die Abschlussprüfung der mittleren Reife. „Nach neun Jahren kann man in die zehnte und elfte Klasse gehen“, sagt Ilona Gomeniuk. Die 18-Jährige ist seit elf Monaten in Deutschland und hilft den ukrainischen Schülern. Nach elf Jahren folgt eine externe Abiturprüfung, mit der man eine Hochschule besuchen kann. „Oder man geht nach der Neunten in ein College“, sagt Gomeniuk. Dort könne man technische Berufe erlernen. Die meisten würden danach studieren. Auch für die, die in den Prüfungen nach der elften Klasse schlecht abschneiden, ist das College eine Option. Nach dieser Schulform könne man ein Diplom als „Qualifizierter Arbeiter“, oder wer eine andere Berufsbildende Schule wählt, ein Diplom als „Junior Spezialist“ erhalten. Mit beiden könne man dann eine Hochschulbildung beginnen.

„Es gibt kein duales Ausbildungssystem in der Ukraine“, betont Gaudlitz. Den Schülern soll nun die Vielfalt an beruflichen Perspektiven näher gebracht werden.

„Am anschaulichsten kann das auf der Messe Azubiz passieren. “
Marion Gaudlitz
DaZ-Büro RBZ

Um das duale Schulsystem den ukrainischen Schülern näher zu bringen, eigne sich die Jobmesse Azubiz. Man müsse die duale Form der Berufsausbildung auch begreifen, betont Gaudlitz. „Und das kann man am besten, wenn man sich das anschaut.“ Stahl sagt: „Die Messe ist wirklich ein absolutes Highlight.“

In der Ukraine wollte Babets Journalistin werden, in Deutschland würde sie aber gerne Ingenieurin werden, da sie Mathe gut könne. Doch die ukrainischen Schüler wissen noch nicht, wie es für sie weitergehe: „Wenn in der Ukraine alles gut wird, dann wollen wir gehen und dort studieren“, sagt Babets. Portnov hatte in der Ukraine gerade mit seinem IT-Studium begonnen. „Ich war ein Semester an der Universität“, sagt er. Die drei können sich aber auch vorstellen, in Deutschland zu bleiben. Portnov ergänzt: „Die Zeit zeigt alles.“

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