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Vorletzte Revision vor dem Ende 2021 Hübsch machen zum Abschalten – eine Reportage aus dem Kernkraftwerk Brokdorf

Von Robin Grtzmacher | 06.08.2019, 10:03 Uhr

Eine Revision im Atommeiler ist kein Selbstgänger, das zeigte 2017 eine Entdeckung in Brokdorf. Bald geht das Werk vom Netz.

„Wer hier jetzt reinspringt, ist weltweit in den Nachrichten“, sagt Kommunikationsleiter Hauke Rathjen nicht ganz ernst gemeint, als er im Innersten des Kernkraftwerks Brokdorf steht. Neben ihm das Wasserbecken mit den radioaktiven Brennelementen an einem der stärksten Kernreaktoren der Welt.  Ein Mikrosievert zeigt der Dosimeter – ein Strahlenmessgerät – in der Brusttasche an. Ungefährlich – weil das Wasser die Radioaktivität abschirmt.

Im Jahr kriegt jeder Deutsche im Schnitt 4000 Mikrosievert natürliche Strahlung ab. Garantiert tödlich wäre eine Strahlung von sechs Millionen Mikrosievert. Das ist mindestens das, was die Feuerwehrleute in Tschernobyl abbekamen, als sie versuchten, den Reaktor zu löschen.

Es ist ruhig im Herzstück der weißen Kuppel, vor deren Hintergrund schon Zehntausende gegen das demonstrierten, was hier stattfindet: Kernspaltung.  Kein Arbeiter ist zu sehen.

Wenige Tage zuvor wäre noch Hochbetrieb gewesen, sagt Rathjen. Wegen der jährlichen Revision wurde der Reaktor geöffnet und radioaktive Brennelemente in das Wasserbecken überführt, wo sie fünf Jahre abklingen. Der wichtigste von mehreren tausend Arbeitsaufträgen.

2017 gab es eine böse Überraschung

Der Prozess ist kein Selbstgänger: Vor zwei Jahren entdeckten Mitarbeiter bei der Revision im geöffneten Reaktor herumschwimmende Teilchen im Wasser. Sechs der 45.000 Brennstäbe, aus denen sich die Brennelemente zusammensetzen, waren über das erlaubte Maß hinaus oxidiert.

Das bedeutet nicht sofort, dass Radioaktivität aus den Brennstäben austritt, „dafür müsse noch viel mehr passieren“, sagt Rathjen. Vorkommen sollte sowas trotzdem nicht. Die Ursache – das ständige hoch- und runterfahren des Meilers – war lange unklar.

Brokdorf blieb zur Sicherheit monatelang vom Netz und darf  auch heute nur noch mit 95 Prozent Leistung laufen. Es  drohte damals sogar die vorzeitige Abschaltung.

Ein Besuch im Meiler - alles andere als selbstverständlich

Aber nun von Anfang an: Eine Führung durch das Kernkraftwerk während der jährlichen Revision zu bekommen, ist alles andere als leicht. Erst gab es eine Absage aus der Zentrale vom Betreiber PreussenElektra, kurz darauf doch die Zusage über das Kernkraftwerk. Es folgten ausführliche Telefonate, in denen ein Mitarbeiter nicht wenige Nachfragen hatte. Nein, um ein Pro- und Contra zur Kernenergie soll es hier nicht gehen, sondern um die Revision.

Es ist die vorletzte in der Geschichte des Meilers, denn spätestens am 31. Dezember 2021 geht Brokdorf laut Atomgesetz vom Netz. Das Kernkraftwerk müsse ein absoluter Hochsicherheitstrakt sein, kam das Gefühl auf. Umso überraschender, als bei der Anfahrt dann das Einfahrtstor zum Parkplatz weit offen steht, das kleine rote Wärterhäuschen dahinter ist verlassen.

Nur eine neongelbe Warnweste hängt drinnen einsam über der Lehne eines einfachen Bürostuhls. Freier Zutritt, ausgerechnet hier?

Strahlenkontrolle am Eingang

Nicht ganz. Sein Auto kann auf dem Parkplatz noch abstellen, wer will. Doch das direkte Außengelände um den Reaktor ist gut gesichert. Rathjen grüßt an einer Schleuse, hinter ihm gehen Menschen wie in einem Science-Fiction–Film in vertikale Glasröhren rein, verweilen kurz darin und gehen weiter – Strahlenkontrolle.

Die vierwöchige Revision  ist in vollem Gange. Arbeiten sonst 450 Menschen am Kernkraftwerk, sind es jetzt bis zu 1400. Aber es ist ein eher ruhiger Tag. Kein Gedränge, keine Hektik an der Science-Fiction-Schleuse oder im Außengelände um die weiße Kuppel herum. „Die Leute wissen, sie sind in einer nuklearen Anlage, es läuft alles kontrolliert ab“, sagt Rathjen.

Im Außengeldände steht Thomas Stauß, einer der Ingenieure, die die Revisions-Arbeiten planen und begleiten. Er trägt eine rote Weste mit E.on-Schriftzug – dem Mutterkonzern von PreussenElektra – und weist den Weg an den Rand der weißen Kuppel.

Ein Gewinnerkind der Geschichte sei er, sagt Stauß. „Ich habe in der DDR begonnen, Kernkraft zu studieren und das Studium in der BRD beendet.“ Er zeigt auf ein Stahlgerüst, das direkt an der Kuppel aufgebaut ist. Darauf kontrollieren Handwerker Leitungen. Über 6000 Arbeitsaufträge erledigen die Arbeiter während der Revision. 30.000 Euro habe nur das Gerüst gekostet, sagt Stauß. Die gesamte Revision liegt bei etwa 25 Millionen Euro. Gefährlicher als der Normalbetrieb wäre es nicht, weil die Systeme abgeschaltet sind. Brokdorf ist „runtergefahren“, eine Voraussetzung, um den Reaktor zu öffnen.

Angst hat Stauß an seinem Arbeitsplatz nicht:

„Strahlung ist etwas, das man gut kennt. Wenn man damit richtig umgeht, kann man sie kontrollieren.“
Thomas Stauß

Sieben Tage die Woche arbeite er aktuell: „Die Intensität ist höher, aber es ist alles vorhersehbar“. Auf die Frage, was er nach dem 31. Dezember 2021 macht, muss der Ingenieur grinsen: „Rückbau“  – und so weit sei es auch nicht mehr zur Rente.

Kurz vor dem Reaktor: halbnackte Männer

Hauke Rathjen weist den Weg in die große weiße Kuppel. Vor dem Reaktorbereich steht wieder so eine so eine Science-Fiction-Schleuse und misst die „mitgebrachte“ natürliche Gamma-Strahlung des Körpers, um beim Rausgehen zu erfassen, ob sich der Wert verändert hat. Danach folgt noch Schleuse – was für ein Aufwand. Und dann: halbnackte Männer in grauen Slips und Unterhemden, die auf einer Bank sitzen und sich unterhalten – die Umkleidekabine.

Unterwäsche und ein orangener Ganzkörper-Anzug werden gereicht, dazu gibt es einen „Dosimeter“, der die Strahlenbelastung kontrolliert.

Kurz vor dem Reaktor geht es durch eine dicke Stahltür. Es ist es warm, Schweiß läuft Rathjen die Stirn herunter. Dann der Blick in das Abklingbecken, wo die ausgedienten Brennstäbe von oben wie ein Gitter aussehen. Bei dieser Revision wurde keine übermäßige Oxidation festgestellt. Darüber freuen kann sich der Kraftwerksbetreiber, der mit dem Betrieb nach Schätzungen täglich ungefähr eine Million Euro verdient. Bei einer neuen bösen Überraschung in diesen Tagen wäre es womöglich Brokdorfs frühzeitiges Ende gewesen. „Wollen wir wieder raus?“, fragt Rathjen. Wollen wir.

Es geht raus aus der Wärme, rüber in eine neben der weißen Kuppel gelegene Halle, die so groß ist, wie mehrere Schul-Turnhallen. Darin zu sehen sind unüberschaubar viele Rohre und technische Anlagen. Was ins Auge fällt, sind die riesigen roten Gehäuse der Turbinen mit ihren 13 Metern Durchmesser, die für die Revision teilweise geöffnet wurden.

 „Revision ist immer spannend, viel wird auseinandergenommen und man kann viel sehen“, sagt ein  Mitarbeiter. Strahlung gibt es in diesem Bereich nicht. Grob gesagt wird hier im Normalbetrieb  eine Turbine von dem Wasserdampf, der nebenan im Druckreaktor mithilfe der Kernspaltung entsteht, angetrieben. Die Turbine wiederum ist an Generatoren angeschlossen, die Strom produzieren. Oder anders gesagt: Geld.

2039 soll Brokdorf Geschichte sein

Ingenieur Peter Tinzmann geht durch die Halle und spricht von einer „robusten Anlage“, die man hier in den 70er und 80er Jahren errichtet habe.  „Manche Pumpen werden nach 30 Jahren das dritte Mal auseinandergenommen und es ist fast nichts passiert“.  Für ihn sei die Revision keine besondere Belastung. „Meine Systeme laufen relativ ruhig, ich habe hier wenig Ärger.“

Tinzmann wird wie Stauß auch nach 2021 noch in Brokdorf arbeiten. „Dann kommt der Rückbau, dafür sind wir erforderlich“.

Die letzte Station auf der Revisions-Führung ist das Büro von Kraftwerksleiter Uwe Jorden. Von hier aus blickt man auf grasende Kühe und grüne Wiesen. Der Rückbau der Anlage sei bereits in Planung, sagt Jorden. 2039 soll dann tatsächlich nur noch die grüne Wiese zu sehen sein – ohne weiße Kuppel oder Turbinen-Halle.

Laut Rathjen gab es bei dieser Revision keine auffälligen Befunde. Brokdorf ist wieder hochgefahren und am Netz. 2020 beginnt das Prozedere ein letztes Mal neu von vorne – und dann wird abgeschaltet.

Die Nachbetriebsphase, in der viele Systeme des Kernkraftwerks weiterlaufen, dauert ein Jahr. Die letzten Brennelemente sind nach fünf Jahren abgeklungen und kommen in Castoren. Brokdorfs radioaktives Ende ist  das nicht: Bis mindestens 2047 läuft die Genehmigung für das anliegende Zwischenlager. Darin stehen 33 Castoren aus eigenem Betrieb, bald könnten es 75 sein und weitere von anderen Standorten hinzukommen. Platz ist für 100 Behälter da.