Ein Artikel der Redaktion

itzehoe Entdeckungen in der Welt der Musik

Von Peter A. Kaminsky | 09.03.2011, 07:48 Uhr

Seit fünf Jahren dirigiert Diego Naser (29) das Jugendorchester "Störphonie".

Wer regelmäßig die Proben am Donnerstag im Kulturhof besucht, wundert sich über die rasante Entwicklung des Klangkörpers. Diego, wie alle den temperamentvollen Uruguayer nennen, ist aber nicht nur der Motor dieser Entwicklung hin zum sinfonischen Orchester, sondern auch Begleiter und Förderer der jungen Musiker. Höhepunkt der vergangenen vier Jahre: Konzerte mit Filmmusiken und klassischem Repertoire, darunter als besonderes Highlight ein Konzert in Hamburgs Laeisz-Halle, dem norddeutschen Tempel für klassische Musik. Momentan probt das 50-köpfige Jugendensemble Schuberts "Unvollendete". Es bereitet sich auf den Wettbewerb "Orchestrale 2011" vor. Nächster Auftritt: am 28. Mai im Rendsburger Theater.

Diese Entwicklung ist auch international bemerkt worden. Diego Naser wurde zu einer Vortrags- und Konzertreise vom Rockefeller Center und der Harvard Universität nach Boston eingeladen. Er soll dort in einem Vortrag über seine Erfahrungen mit dem Jugendorchester berichten. Mit dem "Youth Orchestra of the Americas" (YoA) probt er als Gast-Dirigent eine Woche lang. Am 7. April steht ein Konzert in der Harvard University an. Vorträge, Kolloquien, Proben und Dirigate werden Diego Naser zwischen Konferenzen und Konzerten in Atem halten. Musikalisch bereitet er sich auf Mendelssohn Bartholdy, Piazolla, Barber und Holst vor.

Zudem will er Kontakte knüpfen zwischen Montevideo, seiner Heimatstadt, Boston und Itzehoe. Dabei könnte ihm Enrique Marquez behilflich sein, der mexikanische Harvard-Koordinator des YoA-Projektorchesters.

Die Arbeit mit der "Störphonie" versteht Diego Naser vor allem als eine Entdeckungsreise in die Welt der Musik. Sie fordere die Kreativität heraus und fördere Intelligenz sowie Sensibilität, sagt der 29-Jährige. Soziale Kompetenz entwickele sich hier vor allem im tatsächlichen und sprichwörtlichen Aufeinander-Hören. Ein Beispiel aus der Probe zur "Star Wars"-Filmmusik: "Ihr dürft nicht nur die Noten spielen, entwickelt eine Stimmung, erzählt eine Geschichte!" Aber Naser hilft den Musikern auch, unterstützt von Violinen-Lehrerin Johanna Zanner, ihre Spieltechnik zu verfeinern. So betont er bei den Streichern die Folge von Auf- und Abstrich: "Ihr müsst einen einzigen Bogen spielen. Stellt Euch vor, Ihr hättet einen einzigen langen Bogen." Dann zischeln die Blechbläser. Naser hat es natürlich gehört: "Das gilt auch für euch: Nicht so viel atmen!"

So hält der Dirigent in den Proben die Spannung zwischen Disziplin und Witz. Folglich wirken Anweisungen wie "Die zweite Achtel ist der erste Schwerpunkt" auf die jungen Leute keineswegs kryptisch, sondern werden flugs in hörbaren Erfolg umgesetzt. Korrigiert wird permanent: "Schneller starten, nicht schneller spielen!", ruft Diego Naser in die Passage hinein, als er am Pult lautstark abklopft. Er bietet keine Patent lösungen an, sondern gibt Richtungen vor: "Wie anspruchsvoll seid ihr? Bringt die Musik zum Schweben!"

Seine eigene Ausbildung als Bratscher und Dirigent führte Naser von Montevideo nach Graz, Wien und Hamburg. Als Sechsjähriger fing er mit der Geige an. Er spielt beim NDR-Sinfonieorchester, bei den Kieler Philharmonikern und bei der Hamburger Camerata. Als berühmte Dirigenten erlebte er Eschenbach und von Dohnanyi. Sein Herz schlägt aber für die "Störphonie".