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Rund 1000 unbesetzte Stellen Gute Chancen für Schulabgänger auf eine Lehrstelle in Dithmarschen und Steinburg

Von Kristina Sagowski | 09.07.2022, 11:31 Uhr

Zeugnis in der Tasche, aber noch keine Ausbildung? Die Ausbildungsmesse AzubIZ und die Berufsberater unterstützen bei der Berufswahl.

Knapp 1000 Ausbildungsplätze in Dithmarschen und Steinburg sind noch unbesetzt. Doch viele junge Leute sind ratlos, wo die berufliche Reise hingehen soll. Dabei sind die Hürden zur Ausbildung so niedrig wie nie, auch weniger gute Noten längst kein Ausschlusskriterium mehr. Was stattdessen zählt, wissen Kerstin Harms, Berufs- und Studienberaterin in der Agentur für Arbeit, und Stefan Stolzenberger, Fallmanager U25 im Jobcenter. Sie haben mit Redakteurin Kristina Sagowski über Ausbildungstrends und -chancen gesprochen.

Warum sind noch so viele Ausbildungsstellen unbesetzt?

Kerstin Harms: Wir haben weniger Bewerber für Ausbildungsplätze und weniger Bewerbungen auf Studienplätze. Den Schülern fehlen immer noch die zwei Jahre der Corona-Pandemie, außer der AzubIZ in 2021 fanden in der Region keine Berufsmessen statt, und Praktika waren auch nicht möglich. Durch fehlende berufliche Orientierung verbleiben viele Schüler auf der vermeintlich sicheren Seite, nämlich im System Schule, um einen weiteren, höheren Schulabschluss zu erwerben.

Die Schulabgänger wiederum wollen einfach nur raus, kein Online-Learning mehr und sich nicht gleich beruflich binden, sondern ein Überbrückungsjahr zur Orientierung, auch um das Leben zu genießen. Sie haben keinen Drang, sich jetzt auf einen Beruf festzulegen, den sie vorher nicht ergründet haben.

Mehr Informationen:
  • Die Ausbildungsmesse AzubIZ findet am 23. September im Regionalen Berufsbildungszentrum (RBZ) in Itzehoe statt. Am 14. September findet ab 18.30 im RBZ ein Infoabend für Eltern und Kinder statt. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich.
  • Berufsberatung: Termine zur Berufsberatung sind schnell möglich, auch in den Sommerferien: Termine können in der Schule, per Email unter Heide.Berufsberatung@arbeitsagentur.de, telefonisch unter 080/4555500 oder direkt auf der Homepage der Arbeitsagentur vereinbart werden. Gespräche sind sowohl persönlich als auch als Video-Beratung möglich.

Was kann Schulabgängern bei der Berufsfindung helfen?

Stefan Stolzenberger: Wichtig ist, sich konkret einen Betrieb auszusuchen, um zu sehen, ob der Job den Vorstellungen entspricht. Die AzubIZ ist dafür prädestiniert, weil Jugendliche mit jungen Auszubildenden ins Gespräch kommen, die aus ihrem Gesellenleben erzählen. Auf der Messe ist ein bunter Strauß an Berufsfeldern vertreten.

Harms: Den Jugendlichen sind nur die gängigen Berufe bekannt, wie z. B. Kauffrau Büromanagement, Kfz-Mechatroniker, Lehrer oder Arzt. Wir haben aber gerade hier an der Westküste so schöne Berufe, von denen keiner weiß, dass es sie hier gibt – Brauer und Mälzer, Brunnenbauer oder Wasserbauer zum Beispiel. Mein Appell: Nicht an einem Beruf festkleben, weil die Eltern das z.B. vorschlagen. Berufswahl ist keine Kopfsache, sondern muss mit dem Herzen entschieden werden und das geht nur in Präsenz, wie auf der AzubIZ. Und ich kann jedem nur raten, zur Berufsberatung zu gehen, auch, wenn man schon eine Vorstellung hat: Einige wissen seit ewigen Zeiten, dass sie Fachinformatiker werden wollen, aber nicht, dass es auch hier mittlerweile zwei neue Ausbildungsschwerpunkte gibt. Wir haben ca. 350 Ausbildungsberufe, die laufend modernisiert werden.

Die AzubIZ ist erst im September, dann haben bereits viele Ausbildungen begonnen. Was können Schüler jetzt noch machen?

Harms: Wir haben aktuell die landesweite Aktion Praktikumswochen „5 Tage, 5 Berufe, 5 Unternehmen“, für die man sich online unter www.praktikumswoche.de/steinburg bewerben kann. Die Vermittlung erfolgt automatisch. Ferner gibt es sowohl im kaufmännischen als auch handwerklichen Bereich noch zahlreiche offene Stellen bei namhaften Unternehmen in Steinburg. Wer jetzt dort anruft, und wirkliches Interesse zeigt, kann in der Regel ohne die übliche „große“ Bewerbungsmappe für ein Kurzpraktikum vorbeikommen und hat danach womöglich den Ausbildungsvertrag in der Tasche. Es geht jetzt um Motivation. Die Hürden zur Ausbildung waren noch nie so niedrig.

Stolzenberger: Es geht nicht mehr nur um Schulnoten. Wenn ein Schüler Interesse zeigt, zuverlässig ist und gutes Sozialverhalten hat, kriegt er auf jeden Fall seinen Ausbildungsplatz. Die Steinburger Arbeitgeber sind sehr sozial eingestellt. Ich begleite Jugendliche, die es im Leben nicht so einfach hatten, zu Vorstellungsgesprächen. Die kommen aus Familien, die schon in der zweiten oder dritten Generation Leistungen beziehen und den Jugendlichen nicht beim Schreiben einer Bewerbung helfen können. Dass ich diese jungen Menschen auf dem Weg begleite, stößt bei Betrieben auf große Zustimmung.

Welche Berufe sind besonders gefragt?

Harms: Bei den Frauen sind es die Bereiche Büromanagement und Verkauf. Deutlich angestiegen ist die Zahl der Bewerber bei den medizinischen Fachangestellten. Der Trend zum Medizinstudium ist seit Jahren ungebrochen und stark vertreten sind die Medizinalberufe bei den weiblichen Flüchtlingen. Seit Abschaffung der Zulassung zum Studium über die Wartezeit, erhält die Studienzulassung über eine Vorausbildung eine höhere Gewichtung bei der Vergabe der Studienplätze. Dies gilt übrigens nicht nur für Humanmedizin. Auch in allen anderen Studienfeldern wurden die Wartesemester reduziert oder abgeschafft und es gibt Bonuspunkte über eine vorher absolvierte Ausbildung in diesem Bereich.

Hinweisen möchte ich auch auf die wachsenden Möglichkeiten, nach einer Ausbildung ein berufsbegleitendes Studium aufzunehmen. Attraktiv sind auch Berufe, die dem wachsenden Trend zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf (work-life-balance) gerecht werden. Auch hierfür schaffen Arbeitgeber zunehmend Anreize und Möglichkeiten auch im handwerklichen Bereich. Dadurch werden die technisch-handwerklichen Berufe auch für junge Frauen zunehmend interessant.

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