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Zehn Jahre Hospiz-Initiative Föhr-Amrum : Zwei Leben im Dienst von Todkranken

vom
Aus der Redaktion des Insel-Boten

Vortrag in der Alkersumer Ferring-Stiftung über das Wirken von Cicely Saunders und Elisabeth Kübler-Ross.

„Wir können dem Leben nicht mehr Stunden geben, aber den Stunden mehr Leben.“ Dieses Zitat der englischen Ärztin, Sozialarbeiterin und Psychologin Cicely Saunders (1918- 2005) möge wohl charakterisierend gewesen sein für ihr Lebenswerk und ihre Arbeit mit Sterbenden, so Hannelore Ingwersen, Referentin anlässlich einer Vortagsreihe zum zehnjährigen Bestehen der Hospiz-Initiative Föhr-Amrum. Ingwersen nahm die interessierten Zuhörer in der Alkersumer Ferring-Stiftung mit auf eine kleine Reise sowohl durch das Leben von Cicely Saunders als auch durch das der schweizerisch-amerikanischen Ärztin und Laborantin Elisabeth Kübler-Ross (1926-2004).

Beide Frauen hätten mit unbeirrbarer Entschlossenheit und Mut ihr Leben in den Dienst der Kranken, vor allem der Todkranken gestellt, auch wenn sie charakterlich sehr verschieden gewesen seien. Euthanasie hätten beide jedoch abgelehnt, erklärte die Referentin, die auf Vorträgen sowohl Saunders als auch Kübler-Ross noch erlebt hatte.

Cicely Saunders, die anfangs Philosophie, Politik und Ökonomie studiert, unterbricht ihr Studium während des Zweiten Weltkrieges, um sich als Pflegerin den Verletzten zu widmen. Sie habe selbst an den Schmerzen der Patienten gelitten, so Ingwersen. Die Begegnung und Begleitung eines jüdischen Mannes, der den Holocaust überlebt hatte, aber unheilbar an Krebs erkrankt war, mag der Auslöser für Saunders gewesen sein, den Sterbenden mit ihren Schmerzen ein Hospiz (wörtlich Herberge) zu bauen, in dem sie ihr Leben in Würde und Geborgenheit zu Ende leben dürfen. Man werde ihr und ihrer Idee einer Schmerztherapie nur Gehör schenken, wenn sie Ärztin sei, sagt ihr ein befreundeter Arzt, was Saunders veranlasst, auch noch ein Medizinstudium zu absolvieren. Den Nachlass über 500 Pfund des jüdischen Patienten nimmt sie als Grundstock für das weltweit erste Hospiz (1967) in London und erfüllt damit den Wunsch des Verstorbenen: „Ich möchte ein Fenster in deinem Haus sein“.

Saunders prägte auch den Begriff des „Total pain“, der die vier Schmerzdimensionen des physischen, psychischen, sozialen und spirituellen Schmerzes umfasst. Um die Sterbenden auf allen Ebenen optimal zu versorgen, entwickelte Saunders den Hospice-Care zur ganzheitlichen Betreuung. Heute gebe es, ergänzte Ingwersen, allein in Deutschland 1500 ambulante Hospiz-Gruppen, 221 stationäre Einrichtungen und 304 Palliativstationen, 300 Teams zur spezialisierten ambulanten palliativen Versorgung und 14 Kinderhospize.

„Ich musste schon ganz früh hart dafür arbeiten, dass ich eine Lebensberechtigung habe“, schreibt Elisabeth Kübler-Ross, die als erster Drilling mit einem Geburtsgewicht von zwei Pfund auf die Welt kommt. Auch dieses Zitat mag ein Lebenscharakteristikum der unermüdlich arbeitenden Ärztin gewesen sein. Schon mit fünf Jahren, als sie auf einer Isolierstation den Tod einer Siebenjährigen als „Engel ohne Flügel“ erlebt, wächst in ihr der Wunsch, Ärztin zu werden. Ein Wunsch, der ihr lange verwehrt wird, besonders von ihrem strengen Vater, der einen anderen Beruf für sie vorgesehen hat und sie letztlich fortschickt. Doch Kübler-Ross ist beharrlich, wird erst Laborantin und schließt sich dem internationalen Friedensdienst an. Ihr mit 13 Jahren abgelegtes „Kriegs-Gelübde“, sie werde dem polnischen Volk zu Hilfe kommen, sobald es ihr möglich sei, kann sie während des Krieges einlösen. Die Erfahrung mit der vollkommen unzureichenden medizinischen Versorgung in Polen verstärkt ihren Wunsch, Ärztin zu werden, sodass sie Matura (schweizerisches Abitur) und Studium nachholt. Kübler-Ross übernimmt eine Landarztpraxis in der Schweiz, geht aber später mit ihrer Familie in die USA, wo sie als Psychiaterin arbeitet. Als ihr Professor sie bittet, für einen Vortrag einzuspringen, dessen Thema sie frei wählen kann, entscheidet sie sich dafür, mit den Studenten über den Tod zu reden und erlebt absolutes Stillschweigen, als eine unheilbar an Leukämie erkrankte Frau über ihren nahen Tod zu den Studenten spricht.

Während einige Wissenschaftler Kübler-Ross als herausragende Forscherin zum Thema Sterben und Tod sehen, erfährt sie von anderen, die das Führen von Interviews mit Sterbenden für ethisch nicht vertretbar halten, heftigen Widerstand. Kübler-Ross’ Buch „Interviews mit Sterbenden“ sei dennoch bahnbrechend dafür gewesen, dass Sterbende einen ganz eigenen Raum bekommen hätten, so Ingwersen, die aus ihrer eigenen 30-jährigen Erfahrung, unter anderem als Leiterin des Katharinen-Hospizes in Flensburg berichten konnte, dass sich am Ende des Lebens die Realität ändere und dass man „geheilt sterben“ könne.

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erstellt am 27.Jun.2017 | 12:00 Uhr

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