Amrumer band : Zurück zu den Wurzeln

In ihrem Element: Die drei von der Insel.
1 von 2
In ihrem Element: Die drei von der Insel.

Ihren ersten Auftritt hatten die Musiker von Crazy Horst in der „Blauen Maus“. Hier spielen sie derzeit live ihre neue CD ein.

shz.de von
17. Februar 2018, 08:30 Uhr

Am Anfang stand der Wunsch nach Ruhm. „Ich wollte unbedingt ein T-Shirt mit Tourdaten drauf. Mit den eigenen natürlich. Und vorne der Bandname“, sagt Georg Dittmar, Sänger und Gitarrist der Amrumer Band Crazy Horst, die in der „Blauen Maus“ gerade live ihre dritte CD einspielt. Kontrabassist Philipp Mayer erinnert sich: „Statt Daten standen Uhrzeiten drauf, es gab ja nur einen einzigen Konzerttag. 2009 war das. Am 15. August, wegen 08/15 – „das musste sein“, grinsen beide. Auf dem T-Shirt-Rücken: 12.05 Uhr Badekabinenhaus, 13.05 Heimatlosenfriedhof, 14:05 Glascontainer Süddorf ... Trinkhalle an der Wandelbahn. Die Orte – nicht ganz so streamlinig – passten zu den beiden Individualisten. Der Tag war ein voller Erfolg und die Geburtsstunde der „Amrumer Kultour“. Da gab es Crazy Horst gerade mal ein Jahr.

Die drei hatten sich auf Amrum kennengelernt. Dittmar, Jahrgang 1958, gelernter Fotograf und herumziehender Musiker – unter anderem mit Insterburg & Co – kam aus Richtung Berlin. Oliver Vogt, Arzt, 1969 geboren, hatte in der Diagnostik der Fachklinik Satteldüne gearbeitet und war aufgrund seiner Mukoviszidose-Erkrankung damals schon berentet. „Es war Liebe auf den ersten Blick“, sagen beide. Zu einem Lagerfeuer am Nebeler Strand stieß eines Nachts Philipp Mayer mit seiner Gitarre. Der heute 36-Jährige kam von einem Südeuropa-Trip und hatte spontan einen Job als Koch auf Amrum angenommen. „Phil hat damals Lieder gespielt, die ich noch nicht kannte und die wir bis heute im Programm haben“, erzählt Dittmar. Wie das ganz schön feiste „In der Kirche“ von Ganz Schön Feist und die ironische Betrachtung des Deutschen Mannes von der Band Joint Venture. „Dazu hab ich ein paar von meinen Sachen gespielt, und das passte gut“ sagt Dittmar.

Ihr erster Auftritt ist dort, wo jetzt auch die CD eingespielt wird – in der „Blauen Maus“. „Wir haben viel gejammt, ins Blaue probiert, zu den Akkorden eine Melodie zu finden.“ Die Musik: neben Cover-Songs viel Eigenes. Und wie es auf ihrer Homepage heißt „ausgesucht feines, deutschsprachiges Liedgut“. Zum „Trinklied“ des 1935 im Konzentrationslager Oranienburg ermordeten Schriftstellers Erich Mühsam hat Dittmar eine Musik geschrieben. Aus Eric Claptons „Wonderful tonight“ hat er das überhand nehmende wonderfulle eliminiert. „Das ist mir so auf den Sack gegangen, da habe ich es in meinem Sinne eingedeutscht.“, sagt Dittmar am Rande der Tonprobe.

Vogt am Schlagzeug singt auch. Mayer am Kontrabass auch, Dittmar sowieso. Sie spielen neben der Gitarre noch Ukulele, Mundharmonika, Mandoline, Bouzouki und die Wundertröte Kazoo. „Es sind kleine Finessen, die das Spielen bei Crazy Horst so besonders machen“, sagt Philipp Mayer, der auf dem Festland bei Bredstedt, wo er inzwischen lebt, noch in einer anderen Band spielt. „Ich meine die Mehrstimmigkeit und die ganze Interaktion zwischen den Liedern.“ Aus der „Forelle“ von Franz Schubert wird die „Frikadelle“. „Von Georg“, sagt Georg Dittmar und grinst.

Auf die Musik von „Golden Brown“ von den Stranglers hat Dittmar ein Gedicht von Hans Magnus Enzensberger gelegt: Über die Scheiße. Die drei Musiker fangen sofort an, zu zitieren: „Von weicher Beschaffenheit / und eigentümlich gewaltlos / ist sie von allen Werken des Menschen / vermutlich das friedlichste.“ Alle grinsen. Der Hang zu so einer Ideologiekritik könnte obersattes Komfortzonenbürgertum nachdenklich machen – oder einfach nur froh.

Nach ihren ersten CDs „Too yang to die, too ying für Rock'n Roll“ und „Kornkreise“ 2013 wollten sie längst schon wieder mal nachlegen. Aber dann fiel Schlagzeuger Oliver Vogt nach einem schweren Infekt aus. Dittmar und Mayer mussten zwei Jahre lang allein spielen. Nach zwei Lungentransplantationen stieg Vogt Ende letzten Jahres wieder ein. „Langsam“, betont er. Eine Stimmbandlähmung löste sich erst kurz vor dem ersten gemeinsamen Konzert. „Du hast eben ein sehr adaptives Stimmband“, witzelt Mayer. Proben können sie nicht oft zusammen. „Wir fangen zu zweit an und wenn das geschliffen ist, kommt Olli hoch“, sagt Dittmar.

Jetzt, wo sie endlich wieder zu dritt sind, wollen sie viel spielen. Die neue CD ist der Anfang. Eine Woche haben sie gemeinsam in einem Studio in Bredstedt geprobt. Am 3. März spielen sie in Lauenburg. Föhr ist gesetzt, genau so wie die Land-Art in Havetoft und ein Konzert in Sankt Peter-Ording. Auch dass die Tonmischung für die neue CD Andreas Grodzik macht, passt gut. „Wir kennen uns von ganz früher, er war bei den Punks, ich bei den Hippies“, sagt Georg Dittmar grinsend. „Wir wollten schon ewig was zusammen machen. Nie hat's geklappt. Aber nun.“

Grodzik arbeitet als freier Tonmeister in Berlin, viel fürs Fernsehen. Sie haben sich nie aus den Augen verloren. Der Mann geht gelassen mit den Gegebenheiten in der „Maus“ um. Es rauscht, es „klingt spitz“, ist eng und sein Mischpult steht nicht vor der Band sondern nebenan im Wintergarten.

Schlagzeuger Vogt hat ein Lieblingslied. Es wurde durch die irische Band The Pogues bekannt: Dirty Old Town. „Zu der Musik hat Georg einen neuen Text geschrieben, übers Ruhrgebiet“, sagt Vogt. Das Lied spielen sie selten und es ist auf keiner CD drauf. „Aber jetzt auf die neue soll es. Und ich freue mich darauf, es zu spielen.“

Die Live-Konzerte für die neue CD beginnen am heutigen Sonnabend und morgen, Sonntag, gegen 21 Uhr in der „Blauen Maus“. Der Eintitt ist frei, aber der Hut geht rum.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen