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125 Jahre Seebad Norddorf (Teil 2) : Wildes Lotterleben im christlichen Kurort

vom
Aus der Redaktion des Insel-Boten

Im Hotel „Hüttmann“ und im „Seeheim“ gab es Schanktheken und es spielten Tanzkapellen auf. Die Pastoren waren empört.

Der Bau des „Ambronenhauses“ mit riesigem Speisesaal verfolgte das Ziel, Kurgäste aus den inzwischen zahlreichen Logierhäusern von Einheimischen an das Hospiz zu binden, zumindest hinsichtlich der Verpflegung. Es hatten sich nämlich in Norddorf zwei Konkurrenten etabliert, die mit geräumigen Speisesälen ebenfalls um die Badegäste warben: das Hotel „Hüttmann“ und das „Seeheim“. Heinrich Hüttmann war im Jahre 1892 nach Norddorf gekommen, um ein Sprachleiden zu kurieren. Der Eisenbahnsekretär kaufte die gerade zum Verkauf stehende kleine Schulkate im Zentrum von Norddorf und trat bald durch rastlose Bautätigkeit in Konkurrenz zu Pastor von Bodelschwingh und der Westfälischen Diakonissenanstalt Sarepta mit ihren Seehospizen. Diese hatten sich mittlerweile eine umfangreiche Dominanz am Strande (Badekonzession) und in Norddorf erobert, zumal die Seehospizverwaltung so klug war, auch Betten in Dorfhäusern zu belegen, was Hüttmann dann allerdings auch versuchte.

Heinrich Hüttmann aber errichtete nicht nur einen großen Speisesaal (der heute noch vorhanden ist)‚ sondern richtete darin auch eine Theke zum Trinken ein und engagierte eine kleine Kapelle für Tanzveranstaltungen. Gerade das Trinken und Tanzen hatte man ja aber in Norddorf vermeiden wollen. Und nun war es doch passiert! Diese Umstände begründeten eine lebenslange Feindschaft zwischen dem Seehospiz‚ in der Saisonzeit vertreten durch Pastoren und Verwalter, und Heinrich Hüttmann. Aber es kam noch schlimmer: 1896 erbaute der aus Süddorf stammende Hugo Tantau Jannen zunächst eine Villa im Stile der damaligen Zeit, erweiterte aber sein Gewese um 1900 ebenfalls durch einen Speisesaal mit Theke und Tanzparkett. Auch im „Seeheim“ war eine dreiköpfige Musikkapelle in Aktion.

Die Seehospize waren drauf und dran, ihr Engagement in Norddorf zu beenden, setzten ihre Arbeit dann aber doch fort – zum Glück für die Gemeinde. Denn 1929 konnte mit Hilfe von Sarepta ein großzügiges Gemeindehaus für die Kirchengemeinde gebaut werden, das unverändert mit seinen großen Sälen das Veranstaltungshaus für die gesamte Insel ist, jetzt in gepflegter Weise in Privatbesitz. Und nach dem zweiten Weltkrieg erbaute das Seehospiz 1958 ein modernes Kurmittelhaus und machte Norddorf zum Nordsee-Heilbad. Aber die Seehospize trugen auch ganz wesentlich mit einem Stamm guter Gäste zum Besuch des Dorfes bei, das eine fast vier Wochen längere Saison hatte, als die anderen Inseldörfer.

Mit einiger Betroffenheit musste dann im Jahre 1990 zur Kenntnis genommen werden, dass sich die Westfälische Diakonissenanstalt nach der Jubiläumsfeier zum l00-jährigen Bestehen aus Norddorf verabschiedete, weil man in Bethel der Meinung war, dass es nicht Aufgabe der Diakonissen sei, weitab ein Fremdenverkehrsunternehmen zu betreiben Die Seehospize wurden dann mitsamt der umfangreichen Ländereien zu einem Bruchteil des realen Wertes zunächst an einen deutsche-schwedischen Unternehmer verkauft, der aber mit dem umfangreichen Gewese überfordert war und dieses 1993 an die Rehasan Mutter & Kind Klinik-Gesellschaft, ansässig in Köln, weiterverkaufte. Diese hat dann neben Neubauten („Dünenhaus“ 2005/06) auch umfangreiche Renovierungen durchgeführt und ist – wie früher die Seehospize – ein dominierender Faktor mit fast ganzjährigen Betrieb in der Fremdenverkehrswirtschaft von Norddorf geblieben. Das Seehospiz I aber wurde im Jahre 2001 abgebrochen und heute erinnert hier nur noch ein kleines Denkmal an das Werk von Pastor Friedrich von Bodelschwingh.

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