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Ausstellung in Nieblum : Wenn Vergangenes bis in die Gegenwart wirkt

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Aus der Redaktion des Insel-Boten

Deutschland im Jahr 1945: Die Nazis waren noch da. In der Nachkriegsgesellschaft und – was lange vertuscht und verdrängt wurde – damit auch in der Kirche.

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erstellt am 29.Jul.2017 | 17:30 Uhr

Deutschland im Jahr 1945: Die berühmte Stunde Null. Der Krieg ist verloren, das Land ist zerstört und der Nationalsozialismus besiegt. Doch natürlich wurden nicht von einem Tag auf den anderen aus glühenden Nationalsozialisten überzeugte Demokraten. Die Nazis waren noch da, pflegten ihre alten Kontakte und ihre alten Ideologien und unterstützten sich gegenseitig darin, im neuen Staat wieder Fuß zu fassen, Arbeit zu finden und einer Strafverfolgung zu entkommen.

Das war in der Nachkriegsgesellschaft so und – was lange vertuscht und verdrängt wurde – das war auch in der Kirche als Teil dieser Gesellschaft so. Ein heikles Thema, mit dem sich der Historiker Stephan Linck in einer Forschungsarbeit im Auftrag der Nordelbischen Kirche befasst hat. Auf dieser Arbeit basiert die Wanderausstellung „Neue Anfänge nach 1945?“ , die bis zum 10. September Station im Nieblumer Friesendom macht.

Eine sehenswerte, in weiten Teilen erschütternde Ausstellung, die anhand von sechs Themenfeldern aufzeigt, wie in Teilen der norddeutschen Landeskirchen nach 1945 noch immer die selben Ideologien galten wie davor, wie Theologen, die zwischen 1933 und 1945 überzeugte Nationalsozialisten und geifernde Antisemiten waren, auch bei der Kirche in Führungspositionen unterschlüpfen konnten und wie Kirchenleute diffamiert wurden, die sich der Nazidiktatur widersetzt und nach dem Krieg für Frieden und Aussöhnung eingesetzt hatten.

Von gruseligen Gestalten wie Wilhelm Halfmann ist da die Rede, der während der Nazi-Herrschaft antijüdische Gesetze mit theologischen Argumenten untermauerte, 1946 Bischof von Holstein wurde und sich in dieser Funktion für belastete Theologen einsetzte. So verschaffte Halfmann dem ehemaligen SS-Offizier und Mitarbeiter des SS-Sicherheitsdienstes Hans Joachim Beyer 1947 den Posten als Leiter der landeskirchlichen Pressestelle. Gruselig auch Beyers Nachfolger in diesem Amt, Wolfgang Baader. Baader war während des Krieges V-Mann im Sicherheitsdienst des Reichsführers SS. In seinem neuen Amt nutzte er alte Geheimdienstkontakte zu ehemaligen Kollegen, die inzwischen beim Verfassungsschutz untergekrochen waren, um pazifistische Pastoren zu bespitzeln und zu diffamieren.

Doch die Ausstellung erinnert auch an Menschen wie den Ladelunder Pastor Johannes Meyer, einst ein überzeugter Anhänger des Nationalsozialismus, der angesichts des Elends, das im KZ Ladelund herrschte, geläutert wurde, sich für die Gefangenen und später für eine Aufarbeitung und Aussöhnung einsetzte und damit den Grundstock für die heutige KZ-Gedenkstätte in der nordfriesischen Gemeinde legte.

Und die Ausstellung erinnert an einfache Mitläufer des Nazi-Regimes, zu denen wohl auch Fritz Gottfriedsen gehörte, der überzeugter Nationalsozialist war und von 1933 bis 1945 als Propst in Südtondern eine Leitungsfunktion in der Kirche innehatte. Von 1946 bis 1962 war Gottfriedsen dann Pastor in Nieblum. Ein in der Gemeinde sehr beliebter Seelsorger, wie Pastor Philipp Busch bei der Ausstellungseröffnung betonte. „Aber man kann die Vergangenheit erst ruhen lassen, wenn man darüber gesprochen hat. Und man muss darüber reden“, so Busch.

„Auch der evangelischen Kirche in Norddeutschland ist es ungemein schwer gefallen, sich mit der Zeit zwischen 1933 und 1945 auseinanderzusetzen“, erklärte Propst Kay-Ulrich Bronk. Doch es gebe Menschen, mit denen man selbst Gutes verbinde, die aber große Schuld auf sich geladen hatten. „Diesen Sprung gilt es auszuhalten und diese Ausstellung fordert dazu heraus, sich diesem Sprung zu stellen“, so Bronk.

Doch wie nötig und wie aktuell ist so eine Ausstellung jetzt noch, über 70 Jahre nach Kriegsende? Diese Frage warf Stephan Linck auf und hatte eine klare Antwort: „Die 40. Schändung eines jüdischen Friedhofs gab es im letzten Jahr. Das ist die Antwort auf die Frage nach der Aktualität“.

Der Eröffnungsabend klang mit einem beeindruckenden Konzert der deutschen Organistin Birgit Wildeman und der polnischen Sopranistin Aleksandra Z. Wolska aus. „Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild“ hatten sie ihren Auftritt überschrieben.

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