Interview : Wenn einer eine Reise tut ...

Endlich daheim: Der Wanderer übersteigt das Wittdüner Ortsschild.
Endlich daheim: Der Wanderer übersteigt das Wittdüner Ortsschild.

shz.de von
26. Juni 2018, 13:00 Uhr

Im Interview berichtet der heimgekehrte Wandergeselle Henning Bruns von seinen Erfahrungen.

Henning, drei Jahre und neun Monate, da hast Du viel von der Welt gesehen. An welchen Orten warst Du überall?

Im ersten Jahr war ich innerhalb Deutschlands einmal in jedem Bundesland. Es folgten die angrenzenden Nachbarländer, zum Beispiel Luxemburg, Dänemark, die Niederlande und so weiter. Eine große Tour um die Ostsee herum führte mich in die Länder Polen, Lettland, Litauen, Estland und Finnland. Ziele wie Ungarn, Tschechien, Österreich, Spanien, Italien, Schweiz und Norwegen gehörten zu meiner Reiseroute. Meine erste Übersee-Tor führte mich nach Afrika, nach Namibia. Ich besuchte dann die Ostküste der USA, Asien/Vietnam und Südamerika. Dort war ich in Peru, Kolumbien und Panama.

In welchem Land hat es Dir am besten gefallen?

Oh, da gibt es mehrere, zum Beispiel haben mich Norwegen, die Schweiz und das Allgäu sehr beeindruckt. Aber Namibia sticht da für mich heraus. Dort ist es wirklich spektakulär, allein von der Tierwelt her. Aber nicht falsch verstehen – Urlaub ist das nicht, denn Arbeit ist überall. Und man ist ja auch ständig in der Zimmermannskluft unterwegs.

Du hast viele Dinge erlebt und gesehen. Was war Dein schönstes Erlebnis?

Das schönste Erlebnis war, das ich meine Freundin Leila auf meiner Wanderschaft kennengelernt habe. Für mich ist es von allem das Tüpfelchen auf dem I. Sehr schöne Erlebnisse habe ich erfahren bei den Menschen, die ich auf meiner Wanderschaft kennengelernt habe. Die Herzlichkeit der Bevölkerung und ihre Unterstützung und Hilfe, wenn es zum Beispiel um das Suchen einer Unterkunft oder ähnliches ging. Besonders beeindruckt hat mich die Großzügigkeit der Menschen, denn die, die am wenigsten hatten, gaben am meisten. Fast vier Jahre habe ich mich in dieser Welt bewegt, und festgestellt: So schlecht ist sie gar nicht. Man muss nur die Augen aufhalten und nicht weggucken.

Reist man allein oder mit mehreren Wandergesellen?

Als ich vor fast vier Jahren erwandert wurde, war ich die ersten Monate mit einem Wandergesellen gemeinsam unterwegs. Der Rolandschacht strukturiert sich durch die vielen einzelnen Gesellschaften. Eine Gesellschaft ist eine ortsansässige Gemeinschaft von Rolandsbrüdern, die selbstständig oder von einem Altgesellen geführt wird, und in denen sich Rolandsbrüder zusammenfinden. Es gibt sie im deutschsprachigen Raum, Europa und Übersee. So hat man als Wandergeselle die Möglichkeit, Land und Leute besser kennenzulernen, wenn man länger an einem Ort bleibt. Die Gesellschaften stehen untereinander im Kontakt und Austausch durch regelmäßige Zunfttreffen. Dadurch ist man Teil der Gemeinschaft, und weiß wo andere Rolandsbrüder sind.

Wie würdest du Deine gesammelten Erfahrungen beschreiben?

Ich habe gelernt, im Leben nie aufzugeben. Nach einem Tief kommt auch wieder ein Hoch, es geht immer weiter. Ich habe gelernt, Menschen vorurteilsfrei und unvoreingenommen gegenüberzutreten, sie erst kennenzulernen. Ich vertrete offen meine Meinung, stehe zu ihr und kann auch Fehler eingestehen. Für mich war es wichtig, etwas aus mir zu machen und an mir zu arbeiten. Da gehört es auch dazu, äußerlich auf sich, seine Pflege und Kleidung zu achten, denn man vertritt ja das Bild eines Wandergesellen. Die beruflichen Erfahrungen waren enorm viel wert. Ich habe in 17 verschiedenen Firmen gearbeitet, und mir viel neues Wissen praktisch aneignen können.

Gab es auf Deinem Weg einen Moment, indem Du alles hättest abbrechen wollen?

Nein, nicht einen einzigen Tag. Natürlich habe ich viele Menschen vermisst. Aber so frei wie in diesem Rahmen werde ich nie wieder sein. Ich habe diesen Schritt nie bereut.

Du würdest also jederzeit wieder auf die Wanderschaft gehen?

Ich kann es nur jedem, der die Möglichkeit hat, empfehlen. Zu reisen und seinen Horizont zu erweitern, lässt einen Menschen reifen. Von diesen Erinnerungen und Erlebnissen zehrt man sein ganzes Leben. Sowohl von den guten als auch von den schlechten.

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